Sturzopfer Skispringer Mazoch außer Lebensgefahr

Der beim Weltcup in Zakopane schwer verletzte Tscheche Jan Mazoch schwebt nicht mehr in Lebensgefahr. Dies bestätigte dessen Trainer. Das heutige Springen wurde wegen zu starken Windes abgesagt. Die Organisatoren waren zuvor scharf kritisiert worden.


Hamburg – "Es geht ihm den Umständen entsprechend gut. Die Verletzung ist nicht so ernst, dass Lebensgefahr besteht. Brüche hat er nicht erlitten, auch die Wirbelsäule ist in Ordnung", sagte heute der tschechische Nationaltrainer Richard Schallert.

Mazoch war gestern Abend beim Weltcup im polnischen Zakopane von einer starken Winböe erfasst worden und krachte mit 90 Kilometern pro Stunde kopfüber auf den Hang. Der 21-Jährige erlitt eine schwere Schädelprellung und Gesichtsverletzungen. Nach einer ersten Untersuchung vor Ort wurde Mazoch in das Universitätsklinikum Krakau gebracht. Er liegt auf der Intensivstation. Wegen einer Gehirnschwellung wurde Mazoch in ein künstliches Koma versetzt.

"Alle lebenswichtigen Funktionen werden künstlich aufrechterhalten, Mazochs Zustand ist aber stabil. Nach einer weiteren Computertomographie wird eventuell am Montag versucht, den Patienten aus dem Koma zu holen", sagte Anna Niedzwiedzka, Sprecherin der Klinik in Krakau. Sobald Mazoch (Spitzname "Mazda") transportfähig ist, soll er nach Prag geflogen werden.

Die zum Teil heftige Kritik am Skiweltverband Fis, der den Wettkampf gestern zu spät abgebrochen haben soll, scheint die Funktionäre zum Umdenken bewegt zu haben. Das für heute Nachmittag geplante zweiten Springen wurde wegen zu starken Windes abgesagt. "Wir hatten keine andere Chance", sagte Fis-Renndirektor Walter Hofer.

"Das war Wahnsinn. Man hat manchmal den Eindruck, da muss ein Ergebnis her, egal wie", hatte Schallert die Organisatoren des Wettkampfes zuvor verbal attackiert. "Die Leute sollten vernünftiger sein. Mit fairem Sport hatte das nichts zu tun. Man wartet, bis der Rettungswagen mit Blaulicht wegfährt und macht weiter. Das war eine traurige Geschichte und hat mich sehr enttäuscht", so der Österreicher.

Nachdem der bewusstlose Mazoch mit dem Ambulanzwagen abtransportiert worden war, ließ die von Renndirektor Hofer geführte Jury den Wettbewerb bei extrem komplizierten und wechselnden Windbedingungen erst einmal fortsetzen. Vier Springer im zweiten Durchgang oder 22 Minuten später gab es im "Grenzgang zwischen Show, Wahnsinn und sportlicher Höchstleistung", so Österreichs Coach Alexander Pointner, dann doch den Abbruch. Schon der erste Durchgang hatte immer wieder unterbrochen werden müssen.

Zu spät, sagen einige Trainer. "Genau dort, wo der Sprung entwickelt wird, war eine Windwalze. Eigentlich hätte man nicht springen dürfen. Das war mehr Show als Sicherheit", urteilte der Schweizer Trainer Bernie Schödler. Der nach dem ersten Durchgang sechstplatzierte Martin Schmitt empfand die Situation als "nicht berechenbar". Ähnlich sah es der deutsche Bundestrainer Peter Rohwein: "Der erste Durchgang war noch okay, der zweite dann nicht mehr kalkulierbar." Der nach dem ersten Sprung in Führung liegende Slowene Rok Urbanc wurde zum Sieger erklärt.

Schwerster Sturz seit acht Jahren

Jegliche Vorwürfe, dass die fast 50.000 Zuschauer oder die TV-Sender zur Weiterführung des Wettkampfes gedrängt hätten, wies Hofer zurück. "Es gab keinen Druck. Wir vergessen manchmal, dass Skispringen ein gefährlicher Sport ist. Die Verhältnisse haben sich vom ersten zum zweiten Durchgang nicht geändert", sagte Hofer, "es kamen keine negativen Stimmen. Alle Athleten wollten springen, und wir hatten auch die die Trainer, ob es weiter gehen soll."

"Da müssten die Trainer doch mal zusammenstehen, ihre Leute zurückziehen und einen Abbruch erzwingen. Da geht es um die Gesundheit", schimpfte der ehemalige Topspringer Gerd Siegmund nach dem Mazoch-Sturz. Coach Schallert blieb nur Frust: "In dieser Riesenshow kann man halt nicht auf die Solidarität der Trainer rechnen. Aber ich werde die Konsequenzen für die Zukunft ziehen und meine Springer nicht mehr starten lassen."

Mazochs Unfall war der schwerste Sturz im Skispringen seit acht Jahren. Der Österreicher Thomas Morgenstern war bei einem schlimmen Sturz nach einem Überschlag in der Luft im November 2003 in Kuusamo (Finnland) glimpflich davongekommen. Der Russe Waleri Kobelew hatte beim Skifliegen im März 1999 in Planica weniger Glück und überlebte nur dank schneller Reanimation im Zielraum.

ach/sid/dpa



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Seite 1
DJ Doena 21.01.2007
1.
Ich weiß nicht wie die Wetterbedingungen waren und möchte die Organisatoren weder frei noch schuldig sprechen. Aber ein Mensch, der nach zig Metern Anlauf sich in über 100 Meter freien Fall begibt, der muss einfach damit rechnen, dass es auch zu Unfällen kommen kann.
maxxboersi, 21.01.2007
2.
---Zitat von sysop--- Jan Mazoch liegt nach seinem schweren Sturz im künstlichen Koma. Kritiker sagen, der Wettbewerb hätte wegen starken Windes nicht stattfinden dürfen. Wie beurteilen Sie die Entscheidung der Organisatoren, das Springen erst nach dem ersten Durchgang abzubrechen? ---Zitatende--- jegliche sportveranstaltungen, die in der freien natur statfinden, unterliegen den meteorolgischen kräften. entscheidungen zum abbruch oder nicht stattfinden sind nicht objektiv zu fällen möglich. was für den einen zuviel ist für die andere zu wenig. der/die sportler/in trägt selbst die verantwortung und muß selber entscheiden. es sind erwachsene - oder??? und wenn es einem/r zu brenzlig ist, dann gab es in der geschichte immer wider beispiele für einen startverzicht. der wurde zwar meist stark diskutiert, doch wurde die entscheidung stark respektiert. es stellt sich daher die frage, wie stark ist der druck von der mannschaftsleitung auf den/die sportler/in, auch bei schwierigen bedingungen zu starten. das ist der kern.
Steinkauz, 21.01.2007
3. Fürsorgepflicht?
Wo bleibt eigentlich die Fürsorgepflicht der Trainer gegenüber ihren kostbaren Schützlingen? Wer sich als Trainer nicht auf die Hinterbeine stellt und versucht mit anderen Kollegen den Widerstand gegen das lebensgefährliche Vermarkten der Springer aufzubauen, der muss sich fragen lassen, ob er nicht nur den Profit im Auge hat. Der Wahnsinn dieser Wettkämpfe im Zeitalter der Klimakatastrophe wird von Jahr zu Jahr zu größeren Perversitäten führen: Schneekanonen, Rodeln bei Regen und jetzt Skispringen im Orkan. Liebe Sponsoren - wenn Ihr meint, dass DAS positiver Imagetransfer ist, dann seid Ihr auf dem Holzweg. Zieht Euch zurück und befeuert diesen Wahnsinn nicht mehr! ich schalte ab.
Dietmar R. Schneider, 21.01.2007
4. Verrückt, aber geilomat
Mit Skiern eine Schanze runter zu springen ist schlicht und einfach verrückt. Selber schuld, wer da mitmacht und verunglückt. Kämpfen, gewinnnen, besser sein wollen, Brot und Spiele, Ski-Zirkus-Maximus - das alles fordert halt seine Opfer. Tut mir leid für den Jungen. Mit solchem Unglücks-Thrill macht's den Zuschauern doch erst richtig Spaß, oder?
moonie, 21.01.2007
5.
---Zitat von DJ Doena--- Ich weiß nicht wie die Wetterbedingungen waren und möchte die Organisatoren weder frei noch schuldig sprechen. Aber ein Mensch, der nach zig Metern Anlauf sich in über 100 Meter freien Fall begibt, der muss einfach damit rechnen, dass es auch zu Unfällen kommen kann. ---Zitatende--- Das ist sicher richtig und wenn ich ehrlich bin, würde mich kein Geld der Welt dazu veranlassen, von einem solchen Turm zu springen. Trotzdem gibt's bei schwierigen Wetterbedingungen immer Einschränkungen, z. B. Badeverbot oder auch Auslaufverbot für Schiffe bei Sturmwarnungen etc. Gleiches sollte natürlich auch bei einem solchen Sport gelten. Außerdem war bekannt, dass wir so schwere Stürme bekommen. Der Sportler jedenfalls tut mir sehr leid und ich halte ihm alle Daumen, dass er das gut übersteht.
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