Tournee-Führender Diethart Sprungwunder aus dem Flachland

Der zuvor weitgehend unbekannte Thomas Diethart führt zur Halbzeit überraschend die Vierschanzentournee an. Dabei hat der 21-Jährige erst sechs Weltcups absolviert. Die Konkurrenz schüttelt ungläubig den Kopf, auch Diethart selbst hat keine Erklärung.

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Hamburg - Thomas wer? Diethart? Eigentlich kennt sich Simon Ammann, 32 Jahre alt und vierfacher Olympiasieger, in der Welt der Skispringer aus. Die Namen der meisten, mit denen er während der Weltcup-Saison gemeinsam auf die Schanzen steigt, hat er sich gemerkt. Aber Thomas Diethart? "Ich habe ihn vor der Tournee nicht gekannt", gab Ammann nach dem Wettbewerb in Garmisch-Partenkirchen zu.

Wer nach dem 1. Januar 2014 noch immer nicht weiß, wer der 21-jährige Österreicher ist, kämpft entweder mit den Auswirkungen der Silvesternacht oder hat für Wintersport so gar nichts übrig. Der bis dahin unbekannte Thomas Diethart gewann nach dem dritten Platz von Oberstdorf das Neujahrsspringen von Garmisch und übernahm damit sogar die Gesamtführung der Vierschanzentournee.

Es war Dietharts sechster Weltcup-Start überhaupt und sein erster Sieg, er selbst hatte damit noch vor wenigen Tagen wohl am allerwenigsten gerechnet: "Wenn mir das einer vor der Tournee prophezeit hätte, hätte ich darüber gelacht. Es ist ein Wahnsinn. Ich bin überwältigt", sagte Diethart.

"Entwicklung nicht absehbar"

Österreichs Trainer Alexander Pointner zollte dem Schützling Respekt: "Er fährt eine Linie, wo er anderen überlegen ist", sagte er. Eine bessere Erklärung für Dietharts Leistung hatte aber auch er nicht parat, Pointner war genau so überrascht wie die Konkurrenz. "Dass er reinkommt und auf jeder Schanze unter die Top 5 springt: Diese Entwicklung war nicht absehbar", sagte der deutsche Bundestrainer Werner Schuster, und der frühere Weltklassespringer Toni Innauer schüttelte fragend den Kopf: "Wieso geht das plötzlich in so einer Dimension? So etwas gibt es nur im Skispringen."

Dabei bescheinigten etliche Experten Diethart schon früh eine außergewöhnliche Sprungkraft. Sein Rekord liegt bei 75 Zentimeter aus dem Stand, das schaffen nicht einmal die Teamkollegen Gregor Schlierenzauer oder Thomas Morgenstern. Dietharts Vorteil: Er war früher Turner. "Er hat unglaublich viel Kraft in den Beinen", bestätigt Norwegens Nationaltrainer Alexander Stöckl, der mit Diethart früher am Skigymnasium im österreichischen Stams arbeitete.

Trotz dieser Veranlagung hätte es mit der Karriere als Skispringer beinahe nicht geklappt. Diethart flog als Jugendlicher immer wieder wegen schwankender Leistung aus den Förderkadern, auch finanziell musste seine Familie oft kämpfen. "Uns ist das Geld hinten und vorne ausgegangen", sagt Vater Gernot: "Dann gehst du jammernd zu Firmen, damit die vielleicht einen Sprunganzug zahlen."

Die Kindheit für den Sport geopfert

Diethart kommt aus Tulln in Niederösterreich, Berge gibt es dort nicht, Skisprungschanzen schon gar nicht. Aber der Sohn ließ sich von seinem Plan nicht abbringen. "Es ist eigentlich unvorstellbar für eine Familie, die im Flachland wohnt, wo weit und breit nicht einmal eine gescheite Erhebung ist, dass man seinem Buben das Skispringen ermöglicht", sagt Gernot Diethart. Bevor der Sohn nach Stams zog, habe er seine Kindheit für diesen Sport geopfert.

Aber immer wieder sah es so aus, als reiche es nicht ganz, um den großen Traum wahr werden zu lassen. Im Januar 2011 war Diethart zwar schon einmal bei der Vierschanzentournee am Start, damals wurde er in Innsbruck 28. und sammelte erste Weltcup-Punkte. Doch kurz darauf verschwand er weitgehend von der großen Bühne. Nach fast drei Jahren Abstinenz und Teilnahmen an unterklassigen Wettbewerben konnte er sich bei den Wettkämpfen im vergangenen Jahr erstmals wieder für den Weltcup qualifizieren.

Nun geht Diethart am Freitag (14 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) als Halbzeitführender in die Qualifikation für das Springen in Innsbruck, er hat 11,5 Punkte Vorsprung auf seinen Verfolger Thomas Morgenstern. Innerhalb von nur zehn Tagen hat er schon 24.500 Schweizer Franken (knapp 20.000 Euro) an Prämien verdient und darf sogar auf den ähnlich hohen Tournee-Jackpot hoffen. Das Leben ist nun ein anderes.

In der Familie Diethart geht man die ganze Sache dennoch ein bisschen bodenständiger an. "Mein Papa hat mir für meinen ersten Sieg ein echtes Schwein versprochen", sagte Diethart: "Das muss er jetzt aber auch durchziehen."

psk



insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
eknoes 02.01.2014
1. ...
Zitat von sysopGetty ImagesDer zuvor weitgehend Unbekannte Thomas Diethart führt zur Halbzeit überraschend die Vierschanzentournee an. Dabei hat der 21-Jährige erst sechs Weltcups absolviert. Die Konkurrenz schüttelt ungläubig den Kopf, auch Diethart selbst hat keine Erklärung. http://www.spiegel.de/sport/wintersport/thomas-diethart-fuehrt-die-vierschanzentournee-an-a-941506.html
So recht kann ich die allgemeine Verwunderung nicht nachvollziehen. Er wird entsprechend lange 'dabei' sein, und im Übrigen gelten die physikalischen Gesetzte auch im Flachland. Er ist eben ein außerordentliches Talent. Die Auffahrt bei der Tour de France nach Alp de Huez wurde schließlich auch überproportional von Holländern und Belgiern gewonnen. Auch diese Länder zeichnen sich nicht gerade durch eine stark differierende Topographie aus.
Stäffelesrutscher 02.01.2014
2.
Zitat von sysopGetty ImagesDer zuvor weitgehend Unbekannte Thomas Diethart führt zur Halbzeit überraschend die Vierschanzentournee an. Dabei hat der 21-Jährige erst sechs Weltcups absolviert. Die Konkurrenz schüttelt ungläubig den Kopf, auch Diethart selbst hat keine Erklärung. http://www.spiegel.de/sport/wintersport/thomas-diethart-fuehrt-die-vierschanzentournee-an-a-941506.html
Es gibt noch eine dritte Möglichkeit: Man hat für die Dauerwerbesendung, die von irgendwelchen Hüpfern unterbrochen wird, bei denen man ohne Computer nicht weiß, wer führt, nichts übrig. Hinzu kommt der Quatsch mit dem KO-Modus, der reine Wettbewerbsverzerrung ist.
TS_Alien 02.01.2014
3. .
Es geht hauptsächlich um den passenden Körper, eine gute Technik und um eine ordentliche Absprungkraft. Vermutlich sind die modernen Schanzen auch leichter in den Griff zu bekommen. Und noch eines: Einen Mentaltrainer hat er sicherlich nicht. Damit wird man zum Sieger.
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