Tod im Eiskanal Hauptsache weiterrodeln

Der Schock ist vorbei, der Wettbewerb beginnt: Felix Loch führt nach der Hälfte des olympischen Rodelwettbewerbs. Der tragische Tod eines georgischen Kollegen lässt die Teilnehmer trauern - gestoppt werden die Rennen nicht. Und manche Zuschauer gefallen sich in Katastrophentourismus.

Rodler Loch: "Es war die richtige Entscheidung zu starten"
dpa

Rodler Loch: "Es war die richtige Entscheidung zu starten"

Aus Whistler berichtet


"Herzlich Willkommen im Whistler Sliding Centre. Genießen Sie die unglaubliche Beschleunigung. Wir wünschen Ihnen eine fantastische Fahrt."

Es regnet oben im Eingangsbereich der Rodelbahn von Whistler. Viele Menschen tragen Schirme und Ski. Die Lautsprecherdurchsage kommt vom Band, die Stimme klingt ein bisschen blechern und der Inhalt irgendwie unpassend. Es ist der Tag nach dem Tod von Nodar Kumaritaschwili.

Unten im Zielbereich ist der Schnee dreckig und weich, gegenüber der Eisbahn steht eine nasse Tribüne. Man hat von dort einen guten Blick auf das langgezogene Oval, in dem zwei Stunden später die Rodler ihre ersten beiden Läufe absolvieren werden. Eine Frau mit Pelzmantel posiert vor dem Eiskanal, sie lächelt in die Kamera, und sie ist nicht die einzige. Fünfzig Rodelfans stehen in ähnlichen Posen wie sie vor dieser Kurve, auf der oben eine Zahl leuchtet.

16.

Gerade einen Tag ist es her, dass der georgische Rodler Kumaritaschwili in dieser Kurve verunglückte. Die Sportwelt hatte kurz den Atem angehalten, es war über die Gefährlichkeit dieser Bahn diskutiert worden, über mögliche Konstruktionsfehler, über Warnungen im Vorfeld. Über die Grenzen des Sports. Sogar eine Absage der Rodelwettbewerbe schien möglich, es wäre ein Zeichen gewesen.

"Diese Bahn ist nicht zu schnell"

Doch schon wenig später hieß es beim Internationen Rodelverband Fil: Nein, die Bahn sei nicht schuld, sondern ein Fahrfehler des Georgiers. "Diese Bahn ist seit zwei Jahren in Betrieb. 5000 Läufe wurden absolviert." Das sagte Svein Roemstadt, der Fil-Generalsekretär. "Diese Bahn ist nicht zu schnell. Wir haben diese Geschwindigkeiten zwar nicht erwartet, aber die Strecke ist sicher." Das sagte Josef Fendt, Fil-Präsident. Es waren Worte, die wie Quittungen präsentiert wurden. Hier, alles korrekt. Dann wurde der Start der Männer entschärft und zwei Kurven nach unten verlegt. Und die zuvor ungesicherten Pfeiler, die Kumaritaschwili den Tod brachten, mit weißen Holzplatten verdeckt.

Es soll weitergehen mit dem Rodeln und mit den Spielen.

Und es geht weiter. Um 17 Uhr eröffnet der US-Amerikaner Chris Mazdzer den ersten Lauf, Tausende Zuschauer stehen jetzt an der Strecke und jubeln unbeschwert. Das Whistler Sliding Centre ist fast ausverkauft, 10.000 Menschen genießen die unglaubliche Beschleunigung. Um 17.05 Uhr geht der Deutsche Felix Loch auf die Strecke und kommt nach 48,168 Sekunden unten an. Es ist ein perfekter Lauf. Auch nach dem zweiten liegt er vorn.

Ist jetzt alles wieder wie vorher?

"Es war kein normales Rennen", sagt Felix Loch. Er steht in der Mixed Zone, es regnet, es ist kalt. Aber Loch lächelt, während das Wasser von seiner schwarz-rot-goldenen Mütze tropft. Zu schön ist die Aussicht auf Gold am Sonntag. Sicher sei es schwierig gewesen, mit dem Unfall des georgischen Kollegen umzugehen, sagt Loch, 20, "aber es war die richtige Entscheidung zu starten". Rodeln sei eben eine Rennsportart mit Risiken. "Und es gibt nicht so viele Nationen mit guten Fahrern, die diese schnelle Bahn im Griff haben."

Erleichterung oder Verzweiflung?

Die Rodler haben sich wie alle anderen Athleten lange auf die Olympischen Spiele vorbereitet, vier Jahre ihres Lebens alle Kraft investiert, um beim wichtigsten aller Sportereignisse ihre beste Leistung zu zeigen. Die meisten Rodler reden an diesem Tag wie Loch, sie lassen Platz für die Trauer, aber sie haben auch ihren Weg gefunden, mit der Tragik des Vortags umzugehen. Sie alle fahren weiter, so schnell sie können. Dann überschlägt sich Stefan Höhener, ein Schweizer, dreht sich, sitzt plötzlich wieder auf dem Schlitten. Unten reißt er die Arme hoch und man weiß nicht, ob das jetzt Erleichterung oder Verzweiflung ist. Die Menge johlt.

Es muss weitergehen.

Auf der offiziellen Startliste stand auch der Name von Lewan Gureschitze. Mit der Nummer 38 sollte er den Eiskanal in Whistler herunterfahren, aber Gureschitze, Georgier wie Kumaritaschwili, hatte schon am Mittag entschieden, einfach nicht mehr aufzutauchen.

insgesamt 431 Beiträge
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Darjaan 12.02.2010
1. titel
Was für eine Stümperei der Verantwortlichen. Der Sport ist nicht zu schnell oder zu gefährlich, es fehlten ganz einfach banale, billige aber geignete Sicherheitsvorkehrungen. Wo ist das Problem, dass man an solchen Strecken die Seitenwände solange etwas höher gezogen hält, wie die Geschwindikkeiten noch relativ hoch sind? Was für eine dumme Eselei. Dieser Tod ist sowas von verhinderbar gewesen. Die Verantwortlichen gehören in den Knast. Man muss aber auch die Fahrer rügen. Jeder kennt die Schwachpunkte an den Strecken. Warum boykottiert man diese Strecken nicht einfach?
HeinrichLöwe 12.02.2010
2. Stahlträger
Unverkleidete Stahlträger neben der Strecke?! Mir fehlen die Worte!
Steff-for 12.02.2010
3. Splatterjournalismus
Meinem Vorposter zustimmend muss ich zudem den Splatterjournalismus anprangern. Klasse, genau die letzte Millisekunde zu veröffentlichen, in der der junge Mensch noch gesund war - im nächsten Moment dem Tod geweiht. Schon mal daran gedacht, dass er auch Angehörige und eine Freundin hat? Wie wird solch ein Foto auf diese wirken?? Strecke sperren, bis die Sicherheitsmängel vollkommen beseitigt sind! Es lebe der Sport....
murun 12.02.2010
4. Reißerisch...
Zitat von sysopDie Spiele von Vancouver beginnen mit einer Tragödie. Kurz vor der Eröffnungsfeier ist der georgische Rodler Nodar Kumaritaschwili beim Training aus der Bahn geflogen und an seinen Verletzungen gestorben. Athleten und Funktionäre kritisieren die schnelle Strecke. Ist der Sport zu extrem geworden?
Die Bahn wurde schon beim ersten offiziellen Durchlauf, sprich Weltcup 2008/2009 heftig kritisiert. Nur hat da Möller gewonnen und Loch Bestzeiten aufgestellt. In dem Fall fragt man nicht. Bei SpOn erst, wenn jemand stirbt...
random42 12.02.2010
5. unglaublicher schock
ein schlimmer Tag für Olympia.. auf youtube ist dieses video vom unfall veröffentlicht worden: http://www.youtube.com/watch?v=5p6LYYrhjxo
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