Tödlicher Rodel-Unfall Deutscher Olympiabahn-Designer fordert Umbau

Er hat die Eisrinne von Whistler entworfen - und nach dem Tod des georgischen Rodlers Nodar Kumaritaschwili fordert Udo Gurgel, die Olympiabahn zu modifizieren. Die Schlitten werden deutlich schneller als vorgesehen. Athleten und Funktionäre hatten die Temporekorde schon länger kritisch betrachtet.

Bob- und Rodelbahn in Whistler: Die Schlitten sind schneller als vorgesehen
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Bob- und Rodelbahn in Whistler: Die Schlitten sind schneller als vorgesehen


Hamburg - Mit Bestürzung und Entsetzen hat der deutsche Designer der Olympiabahn von Whistler auf den Tod des georgischen Rodlers Nodar Kumaritaschwili reagiert. "Es tut mir unendlich leid für den Jungen. Diese Meldung erschreckt einen natürlich. Wir haben schon sechs Olympiabahnen entwickelt. Da ist noch nie einer rausgeflogen", sagte Udo Gurgel "Sport Bild"-online.

Die Bahn sei schnell, aber die 16 sei eine sehr, sehr lange Kurve, in der normalerweise nicht viel passieren könne, weil die Geschwindigkeit bis zum Ausgang wieder stark abnehme. "Die Zielgeschwindigkeit liegt unter 120 Kilometer pro Stunde. Da müsste eigentlich jedes Gerät zu beherrschen sein. Er muss in der Kurve umhergeschossen sein wie eine Kugel."

Ihm sei aus den letzten 20 Jahren kein Rodler bekannt, der aus der Bahn katapultiert worden sei. "Es gibt eine eiserne Regel bei den Rodlern: Wenn man vom Schlitten fällt, trotzdem lang bleiben. Damit der Schwerpunkt unten bleibt. Dann werden sie an der Wand langgedrückt. Dann kann es diesen Effekt nicht geben."

Der Designer aus Leipzig forderte, die Olympiabahn zu modifizieren. "Nun muss man überlegen, wie man die Bahn umbauen kann. Am Ausgang könnte man die Bande um 40 bis 50 Zentimeter erhöhen", sagte Gurgel. Die Verantwortlichen haben mittlerweile reagiert und die Wände in Kurve 16 erhöht sowie Änderungen im Eisprofil vorgenommen.

"Ich habe jedes Mal große Angst, wenn ich in diesen Eiskanal muss"

"Dieser schreckliche Unfall überrascht mich nicht. Trotz meiner Erfahrung habe ich jedes Mal große Angst, wenn ich in diesen Eiskanal muss", sagte US-Rodler Tony Benshoof.

Die olympische Bob- und Rodelbahn in Whistler war im März 2008 vom internationalen Rennrodel-Verband Fil, dem Bob-Weltverband FIBT und dem Organisations-Komitee für die Winterspiele (Vanoc) geprüft und für olympiatauglich befunden worden.

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Tod bei Olympia: Nodar Kumaritaschwilis letzte Fahrt
Im Prozess der sogenannten Homologierung - einer Art Abnahme - der Kunsteisbahn für Rennrodeln, Bob und Skeleton wurden mehr 200 Fahrten von Aktiven aus sieben Ländern (Österreich, Kanada, Deutschland, Großbritannien, Italien, Russland und den USA) in allen drei Disziplinen absolviert. Dabei wurden sechs verschiedene Starthöhen getestet. Zu den Fahrern gehörte auch Bob-Olympiasieger André Lange.

"Bei der Homologierung waren nur Top-Athleten", sagte Tatjana Hüfner in der "Süddeutschen Zeitung" im November 2008, "und es war schon für uns problematisch, den Berg runter zu kommen." Bei der internationalen Trainingswoche der Rodler im November 2009 gab es 2250 Fahrten, drei Prozent endeten mit einem Sturz. "Es waren aber keine schweren Stürze dabei", hatte Fil-Präsident Josef Fendt gesagt. Die Zahl der Trainingsfahrten lag über den im Reglement vorgeschriebenen.

16 Kurven auf 1450 Metern

Die Bahn weist bei 16 Kurven eine Länge von 1450 Metern auf. Die erste Fahrt hatte am 19. Dezember 2007 Kanadas Bob-Olympiasieger Pierre Lueders absolviert. Mit seinem Anschieber Justin Kripps hob der Routinier bei einem Sprung fast einen halben Meter ab - die Bahnarbeiter hatten damals eine Eiskante übersehen.

Rodel-Weltmeister Felix Loch fuhr mit 153,98 Kilometern pro Stunde im vergangenen Jahr Weltrekord in Whistler. Kumaritaschwili raste an der Unglücksstelle mit Tempo 144,3 durch die Eisrinne. Nach seinem Geschwindigkeitsrekord im vergangenen Jahr hatte Loch in einem Interview mit den Organisatoren des Weltcups am Königssee auf die großen Gefahren hingewiesen. "Wir haben im Kreise von Rodlern, darunter auch Armin Zöggeler (italienischer Olympiasieger, Anm. die Red.), über die höheren Geschwindigkeiten gesprochen und sind zur Feststellung gekommen, dass allmählich ein Riegel vorgeschoben werden muss", so Loch. Es habe "reihenweise schwere Stürze" gegeben.

Kritik hatte auch der Präsident des Rodel-Weltverbandes, Josef Fendt, geübt: "Die Bahn ist zu schnell. Wir hatten sie für maximal 137 Stundenkilometer geplant. Aber sie ist fast 20 Stundenkilometer schneller. Wir sehen das als Planungsfehler."

BSD-Sportdirektor verteidigt Organisatoren

Der Bob- und Schlittenverband für Deutschland (BSD) nahm die Organisatoren der Veranstaltung in Schutz. "Wir möchten den Organisatoren keinen Vorwurf machen. Es war nicht absehbar, welche Kräfte an dieser Stelle wirken", sagte BSD-Sportdirektor Thomas Schwab. In den ARD-"Tagesthemen" ergänzte er: "Man hat die Sicherheitsmaßnahmen aufs Maximum erhöht, aber es hat immer noch nicht ganz ausgereicht." Im Rennsport sei nie ganz auszuschließen, dass durch einen Fahrfehler etwas auftreten könne, was man nicht vorher berechnet habe.

"Es sollte keine Bahn mehr geben, auf der schneller gefahren wird", hatte Schwab im November 2008 in der "Süddeutschen Zeitung" gefordert und zu bedenken gegeben: "Man muss auch darüber nachdenken, was nach einem Sturz mit dem Schlitten passiert. Wenn er Unterluft bekommt, fängt er das Fliegen an." Schwab hatte damals "eine Gefahr beim Bob-Weltverband" gesehen, "der danach strebt, dass es immer schneller runter geht".

"Der Druck auf den Kopf ist gewaltig"

Der Eiskanal in Whistler ist der schnellste der Welt - und bereits vor dem Tod des Georgiers Kumaritaschwili hatte es in den vergangenen Tagen einige Unfälle gegeben. Im fünften Training der Männer am Freitag stürzte auch Zöggeler, blieb aber offenbar unverletzt. Auch der deutsche Rodler Andi Langenhan war im Training am Donnerstag gestürzt. Er klagte anschließend über Schmerzen am linken Unterarm und am Gesäß. Und der Start der rumänischen Rodlerin Violeta Stramaturaru bei den Olympischen Winterspielen ist nach ihrem schweren Trainingssturz fraglich. Stramaturaru zog sich im Whistler Sliding Center eine Gehirnerschütterung zu. Sie hatte auf halber Strecke die Kontrolle über ihren Schlitten verloren, war gegen die seitliche Bahnbegrenzung geschleudert und hatte kurzzeitig das Bewusstsein verloren.

Der Österreicher Manuel Pfister wurde im Training am Donnerstag sogar mit 154 Kilometern pro Stunde gemessen. Seine Marke ist vom Weltverband aber noch nicht als offizieller Weltrekord anerkannt. "Der Druck auf den Kopf ist gewaltig, es nimmt einem die Luft, das Visier beginnt zu klappern", schilderte Pfister seine Eindrücke bei Tempo 154.

"Das sollte das Limit sein. Bei den Bahnen, die für die nächsten Spiele gebaut werden, werden wir eine Geschwindigkeits-Obergrenze einführen", hatte Fil-Sprecher Wolfgang Harder anschließend erklärt: "Wir müssen uns um die Sicherheit unserer Athleten kümmern." Für Nodar Kumaritaschwili kommt diese Erkenntnis zu spät.

wit/sid/dpa/ddp



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Darjaan 12.02.2010
1. titel
Was für eine Stümperei der Verantwortlichen. Der Sport ist nicht zu schnell oder zu gefährlich, es fehlten ganz einfach banale, billige aber geignete Sicherheitsvorkehrungen. Wo ist das Problem, dass man an solchen Strecken die Seitenwände solange etwas höher gezogen hält, wie die Geschwindikkeiten noch relativ hoch sind? Was für eine dumme Eselei. Dieser Tod ist sowas von verhinderbar gewesen. Die Verantwortlichen gehören in den Knast. Man muss aber auch die Fahrer rügen. Jeder kennt die Schwachpunkte an den Strecken. Warum boykottiert man diese Strecken nicht einfach?
HeinrichLöwe 12.02.2010
2. Stahlträger
Unverkleidete Stahlträger neben der Strecke?! Mir fehlen die Worte!
Steff-for 12.02.2010
3. Splatterjournalismus
Meinem Vorposter zustimmend muss ich zudem den Splatterjournalismus anprangern. Klasse, genau die letzte Millisekunde zu veröffentlichen, in der der junge Mensch noch gesund war - im nächsten Moment dem Tod geweiht. Schon mal daran gedacht, dass er auch Angehörige und eine Freundin hat? Wie wird solch ein Foto auf diese wirken?? Strecke sperren, bis die Sicherheitsmängel vollkommen beseitigt sind! Es lebe der Sport....
murun 12.02.2010
4. Reißerisch...
Zitat von sysopDie Spiele von Vancouver beginnen mit einer Tragödie. Kurz vor der Eröffnungsfeier ist der georgische Rodler Nodar Kumaritaschwili beim Training aus der Bahn geflogen und an seinen Verletzungen gestorben. Athleten und Funktionäre kritisieren die schnelle Strecke. Ist der Sport zu extrem geworden?
Die Bahn wurde schon beim ersten offiziellen Durchlauf, sprich Weltcup 2008/2009 heftig kritisiert. Nur hat da Möller gewonnen und Loch Bestzeiten aufgestellt. In dem Fall fragt man nicht. Bei SpOn erst, wenn jemand stirbt...
random42 12.02.2010
5. unglaublicher schock
ein schlimmer Tag für Olympia.. auf youtube ist dieses video vom unfall veröffentlicht worden: http://www.youtube.com/watch?v=5p6LYYrhjxo
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