Vierschanzentournee Freitag hofft auf den Freitag

Deutsche Skispringer können sich erstmals seit Jahren Siegeschancen bei der Vierschanzentournee ausrechnen. Richard Freitag und Severin Freund wollen die erfolgsverwöhnten Österreicher ärgern - und damit die Erinnerung an einen ganz Großen des Skisprungs wachhalten.

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Am 30. Dezember 2001 machte sich Sven Hannawald auf, im Skisprung unsterblich zu werden. Größer zu werden als all die Großen seines Sports, als der Finne Matti Nykänen, der Norweger Björn Wirkola, größer gar als das deutsche Idol Jens Weissflog. An diesem 30. Dezember gewann Hannawald das Auftaktspringen der Vierschanzentorunee in Oberstdorf. Anschließend siegte er auch in den übrigen drei Springen der Tournee, in Garmisch-Partenkirchen, in Innsbruck und Bischofshofen. Vier Siege in allen vier Wettbewerben - das hat vor und nach ihm niemand bisher geschafft. Deutschland hatte einen neuen Sporthelden.

Hannawald hat dieser Ruhm nicht gut getan, drei Jahre später stieg er aus dem Leistungsport aus, ausgebrannt, müde. Heute fährt er Autorennen, kickt ein bisschen in einer Fußball-Amateurmannschaft und will mit dem Skispringen nicht mehr besonders viel zu tun haben.

In diesen Tagen wird ihm das nicht gelingen.

Am Freitag startet die Vierschanzentournee mit dem Auftakt in Oberstdorf in ihre 60. Auflage (16.30 Uhr Liveticker SPIEGEL ONLINE), und an Hannawalds Coup vor exakt zehn Jahren wird derzeit gerne erinnert. Die Veranstalter haben eine Rekordprämie ausgelobt, um die Springer anzustacheln, den damaligen Rekord einzustellen. Wer alle vier Springen für sich entscheidet, erhält knapp eine Million Schweizer Franken. Das ist eine fürs Skispringen fast unerhörte Summe. Hannawald bekam damals 50.000 Euro Siegprämie. Das galt schon als viel.

Erwartungshaltung an das DSV-Lager ist gestiegen

Die Prämie ist ein großes Thema im Springerlager, aber Hannawalds Erben von heute wollen sich davon nicht verrückt machen lassen. Richard Freitag, die neue deutsche Skisprung-Hoffnung, sagt dazu lediglich: "Ich hab ohnehin erst ein Weltcupspringen gewonnen, deswegen spielt das für mich sowieso keine Rolle."

Freitags Understatement steht in deutlichem Widerspruch zu der Erwartungshaltung der Öffentlichkeit, die er und sein Teamkollege Severin Freund durch ihre bisherigen Saisonerfolge geweckt haben. Das Interesse an der Vierschanzentournee, ohnehin das aufsehenerregendste Sportereignis zwischen den Jahren, ist noch einmal größer geworden, seit der Deutsche Skiverband wieder zwei Siegspringer in den Reihen hat.

Die mageren Jahre, in denen man sich mit dem einen oder anderen gelungenen Sprung von Michael Uhrmann begnügen musste, scheinen für den DSV erst einmal vorbei zu sein. Uhrmann hat seine Karriere zwar mittlerweile beendet, aber Freitag und Freund sind auf dem besten Wege, einen neuen Skisprung-Boom anzuschieben. "Beide sind in der Lage, bei jedem einzelnen Springen um die Podestplätze mitzukämpfen", sagt Bundestrainer Werner Schuster. Eine solche Luxussituation hat sich der DSV gewünscht, als er Schuster vor fast vier Jahren zum Chefcoach machte. Der Österreicher hat das deutsche Team Jahr für Jahr ein Stück besser gemacht.

Freitag: "Oberstdorf kommt mir entgegen"

Besonders der 20-jährige Richard Freitag gilt als einer, der den dauerhaften Sprung in die Weltklasse schaffen kann. Dass er im selben Kreißsaal geboren wurde wie Hannawald, ist eine gern erzählte Anekdote. Dass er zudem seinen bisher einzigen Weltcupsieg ausgerechnet im tschechischen Harrachov errang, dort, wo sein Vater Holger in den siebziger Jahren bereits triumphierte, ist eine weitere hübsche Geschichte. Ein Oberstdorf-Sieg Freitags an einem Freitag exakt zehn Jahre nach Hannawalds Erfolg - das wäre die nächste gute Story. "Oberstdorf kommt mir entgegen. Ich mag die Schanze", sagt der junge Deutsche.

Für einen Erfolg müsste er allerdings die Österreicher besiegen. Und das dürfte auch in diesem Winter die schwierigste Aufgabe sein. Das Trio Gregor Schlierenzauer, Andreas Kofler und Thomas Morgenstern wird nicht nur von den Wettanbietern favorisiert. Alle Eindrücke aus dem bisherigen Saisonverlauf sprechen dafür, dass auch die 60. Tournee eine österreichisch dominierte wird. Wie im Vorjahr, als Morgenstern gewann. Wie 2009, als Kofler am Ende vorn lag. Wie 2008, als der Gesamtsieger Wolfgang Loitzl hieß. Wenn es irgendjemandem zuzutrauen ist, die eine Million Schweizer Franken einzustreichen, dann einem ÖSV-Springer.

Der Gesamtsieg der Tournee - so etwas von Freund und Freitag zu erwarten, wäre vermessen. Die beiden setzen darauf, die Österreicher ab und an zu ärgern. Ein Tagessieg ist aber alles andere als ausgeschlossen.

Ein Teamkollege der beiden wird den Kampf um die Top-Platzierungen aus der Beobachterperspektive verfolgen. Martin Schmitt geht in seine mittlerweile 16. Vierschanzentournee, mehr als ein Viertel der gesamten Tourneegeschichte hat er begleitet. Freitag hat Hannawalds vierfachen Triumph als kleiner Junge am Fernseher verfolgt, Schmitt war damals Sechster der Gesamtwertung.

Heute ist er nur noch einer von vielen im großen Feld. "Es reizt mich immer noch, zu versuchen, mit den Jungen mitzuhalten", sagt er. Es bleibt mittlerweile beim Versuch. Vor der Tournee hat Schuster den bald 34-Jährigen aus dem Weltcup-Kader genommen, damit er abseits der Wettbewerbe seine Form suchen könne. Als der Bundestrainer im Vorfeld der Tournee die Leistungen seines Teams herausstrich, sprach er von Freitag und Freund, vom fleißigen Michael Neumayer und vom Aufwärtstend von Maximilian Mechler und Stephan Hocke. Schmitt erwähnte er mit keinem Wort.

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hador2 29.12.2011
1.
Zitat von sysopDeutsche Skispringer können sich erstmals seit Jahren Siegchancen bei der Vierschanzentournee ausrechnen. Richard Freitag und Severin Freund wollen die erfolgsverwöhnten Österreicher ärgern - und damit die Erinnerung an einen ganz Großen des Skisprungs wachhalten.* http://www.spiegel.de/sport/wintersport/0,1518,805862,00.html
Der Artikel hätte mehr Glaubwürdigkeit wenn SPON wenigstens nicht Qualifikation und Wettkampf verwechseln würde...
derbayerx 30.12.2011
2. Schaun mer ma......
Spon mal wieder zwischen Hochjubeln und Verriß. Diesmal mit der Tendenz zum hochjubeln. Kaum macht einer 2 ordentliche Hupfer, wird er schon zur großen Hoffnung und mit einem 4 fach Sieg mit Millionenprämie in Verbindung gebracht. Scheinbar verspricht sich nach vielen Jahren Trostlosigkeit auch und besonders die Journalie ein erneuertes Betätigungsfeld. Ob´s was wird damit ? Bei der Quali zumindest war es schon mal nichts. Statt dessen war Martin Schmitt, mit fast 34 und bei seiner 16. Teilnahme bester. Vor wenigen Tagen noch war die Sportwelt vor den Kopf gestoßen, daß die 26 jährige Magdalena Neuner sich überraschend mitten im Sportlerleben stehend aufhören werde, nach Abschluß der Saison. Sie habe noch andere Ziele , Beruf, Familie und und und. Warum hat man eigentlich Martin Schmitt nicht mal gefragt all die vergangenen Jahre, ob er nicht lieber doch aufhören wolle oder besser: solle ? Einen Gefallen hat der Verband damit seinem Martin nicht getan und der Sportler sich selbst auch nicht. Es gleicht einer Tragödie wie man Martin Schmitt Jahr für Jahr das Gesicht verlieren läßt. Wenn er es schon nicht selbst merkt , daß es doch "Beruf, Familie und und und " gibt? Merkt das der Verband nicht daß man einen verdienten Sportler schützen müßte? Nicht mal im Berufsboxen kommt man mehr auf die Idee verdiente Weltmeister weiter, weiter immer weiter, Jahr für Jahr zum tingeln zu schicken. Das richtige Maß gilt es zu finden, ob Neuner, ob Martin Schmitt.
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