Doping-Verdacht im Wintersport
313 Medaillen für Skilangläufer mit verdächtigen Blutwerten
Fast die Hälfte aller Langlauf-Medaillen bei Olympia und Weltmeisterschaften zwischen 2001 und 2017 sollen Sportler mit auffälligen Blutwerten gewonnen haben. Mehr als 50 dieser Athleten sind für Pyeongchang qualifiziert.
Ski nordisch/Langlauf: Weltcup, Herren am 28.01.2018 in Seefeld (Österreich)
Foto: Barbara Gindl/ dpa
Wenige Tage vor Beginn der Olympischen Winterspiele in Pyeongchang (9. bis 25. Februar) wird der Skilanglauf von schweren Doping-Vorwürfen überschattet.
Nach einer Untersuchung des Recherchenetzwerks aus der ARD-Dopingredaktion, der britischen "Sunday Times" sowie dem schwedischen Sender SVT und dem Online-Magazin "republik.ch" wurden in den vergangenen 16 Jahren insgesamt 313 Medaillen (davon 91-mal Gold) bei Olympia und Weltmeisterschaften an Athleten mit verdächtigen Blutwerten vergeben. Dies entspricht 46 Prozent aller bei diesen Wettbewerben vergebenen Medaillen. Nur etwa jeder Fünfte dieser Athlethen ist als Doper überführt worden.
Dem Rechercheverbund war von einem Whistleblower eine Datenbank mit rund 10.000 Bluttests von fast 2000 Langläufern zugespielt worden, die eine ungewöhnliche Häufigkeit verdächtiger Blutwerte dokumentieren soll. Die Daten stammen aus den Jahren zwischen 2001 und 2010.
Experten zufolge liege laut einer ARD-Mitteilung die Wahrscheinlichkeit einer anderen Ursache als Doping für derartig auffällige Werte unter Top-Athleten bei lediglich einem Prozent.
"Das ist kaltblütiger Betrug"
Der amerikanische Mediziner James Stray-Gundersen, der in der Vergangenheit mit dem Internationalen Skiverband (FIS) zusammengearbeitet hat, sagte der ARD-Redaktion: "Es gibt eine beachtliche Zahl von Medaillengewinnern mit ungewöhnlichen oder höchst ungewöhnlichen Blutprofilen." Dies deute auf "beachtliche Verbreitung von Doping im Skilanglauf" hin. Einer der auffälligsten Aspekte sei laut Gundersen gewesen, dass es jede Menge Veränderungen im Zeitraum großer Wettbewerbe gegeben habe.
Bei einzelnen der analysierten Profile gebe es aus Sicht von Gundersen keine andere Möglichkeit als Doping, um die teils hochgradig anormalen Blutwerte zu erklären. Er spricht von "klarem Doping" für die Höhepunkte der Weltmeisterschaften und Olympischen Spiele. "Das ist kaltblütiger Betrug", sagte Gundersen.
Auch deutsche Athleten weisen verdächtige Werte auf
Die größte Anzahl von Athleten mit verdächtigen Werten stammte laut der Untersuchung aus Russland. Von den 313 Medaillen, die an Sportler mit anormalen Blutwerten vergeben wurden, sollen allein 60 nach Russland gegangen sein. Loipen-Stars aus Norwegen, Deutschland, Schweden und Italien, die mutmaßlich manipuliert haben, werden insgesamt mehr als 100 Medaillengewinne zugeschrieben.
Die Daten zeigten zudem, dass mehr als 50 Skilangläufer auf der Qualifikationsliste für die Olympischen Winterspiele in Pyeongchang bei Bluttests auffällige Werte aufwiesen, die nahelegten, dass sie in der Vergangenheit betrogen haben könnten und ohne Sanktionen davongekommen seien.
Der Deutsche Olympische Sportbund wollte zunächst keine Stellungnahme dazu abgeben. "Wir brauchen noch mehr Informationen", sagte DOSB-Sprecherin Ulrike Spitz. Der deutsche Skiverband reagierte überrascht: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendetwas Unregelmäßiges vorgefallen sein soll", sagte DSV-Präsident Franz Steinle.