Vorzeitiges Saisonende Hannawald steigt aus

Die deutschen Skispringer haben beim Weltcup in Salt Lake City die Reihe enttäuschender Vorstellungen fortgesetzt. Aus dem einstigen Siegerteam ist eine Losertruppe geworden. Bundestrainer Wolfgang Steiert gerät immer stärker unter Druck, Sven Hannawald wird diesen Winter keine Wettbewerbe mehr bestreiten.


Frustrierter Hannawald: "Ich kann mich nicht selbst täuschen"
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Frustrierter Hannawald: "Ich kann mich nicht selbst täuschen"

Salt Lake City - "Ich habe keine Motivation mehr für diese Saison. Es hat keinen Sinn und macht keinen Spaß", gestand Hannawald, der am Samstagabend in Salt Lake City mit 96,5 Metern nicht einmal das Finale erreicht hatte und am Ende als 47. auf dem drittletzten Platz gelandet war. Vor zwei Jahren hatte Hannawald das deutsche Team an gleicher Stelle noch zu Olympischem Gold geführt.

"Ich kann mich nicht selbst täuschen", sagte Hannawald, der am Montag nach Hause fliegt, während die Mannschaft zum nächsten Weltcup nach Lahti reist. Einen Rücktritt schließt Hannawald derzeit aus: "Ich mache weiter und baue mich für die nächste Saison auf."

Auch sein Manager Werner Heinz glaubt nicht an das Karriereende des 29-Jährigen. "Sven will unbedingt bis Olympia 2006 springen. Ich hoffe, dass er nächstes Jahr so stark zurückkommt, wie er mal war." Den vorzeitigen Ausstieg befürwortet Heinz: "Es ist besser für Sven, sich gut auf die kommenden Saison vorzubereiten, als nur noch schlecht rumzuhüpfen. Es hat weder für ihn noch für die Sponsoren Sinn, sich rumzuquälen."

Hannawald erlebte seine schlechteste Saison seit sieben Jahren, auch eine mehrwöchige Wettkampfpause brachte keine Besserung. "Ich gewöhne mich langsam an die schwachen Sprünge. Meine Form ist gleichbleibend schlecht", flüchtete sich der Vierschanzentournee-Sieger von 2002 in Sarkasmus. "Sven hat nicht mehr die Form, um vorne mitspringen zu können. Die Leistung stimmt nicht", kommentierte Steiert die gemeinsam getroffene Entscheidung. Hannawald solle jetzt erst einmal Urlaub machen und Kraft tanken. Ende April werde er wieder zur Mannschaft stoßen und die Vorbereitung auf die neue Saison starten.

"Bei uns ist der Wurm drin"

"Heute haben wir mannschaftlich ganz schön was auf den Deckel bekommen. Wenn man so weit weg ist von der Spitze, ist das schon deprimierend", sagte Martin Schmitt nach seinem enttäuschenden 29. Platz am Samstag, "bei uns ist der Wurm drin." Selbst Senkrechtstarter Georg Späth passte sich dem schwachen Niveau seiner Kollegen an und verfehlte als 32. zum vierten Mal in dieser Saison den Finaleinzug. "Die Anlage liegt mir nicht, ich konnte mich schon bei Olympia nicht auf sie einstellen", sagte der 23-Jährige. Die Youngster Stephan Hocke und Jörg Ritzerfeld verpassten als 34. und 41. ebenfalls das Finale der besten 30.

Michael Uhrmann war auf der Olympia-Schanze von 2002 mit 109,5 und 121 Metern (209,9 Punkte) als Zehnter noch bester deutscher Teilnehmer. Alexander Herr wurde 27. Den Sieg holte sich der Japaner Noriaki Kasai. Das für Sonntag angesetzte zweite Springen in Salt Lake City musste wegen zu starken Windes abgesagt werden. Team-Kapitän Schmitt sehnt das Ende der schlechtesten Saison für den DSV seit elf Jahren herbei. "Ich kann mich nicht mit solchen Platzierungen zufrieden geben und erwarte das auch nicht von anderen", sagte Schmitt, "wir müssen versuchen, die letzten Wettkämpfe mit Anstand über die Bühne zu bringen."

"Es ist normal, dass ich in der Kritik stehe"

Der Auftritt auf dem Olympia-Bakken passte in das Gesamtbild einer verkorksten Saison, in der die deutschen Springer ein Jahr vor der Heim-WM in Oberstdorf mächtig unter Druck geraten sind. Zwar stärkt die DSV-Führung Steiert "trotz Defiziten" öffentlich den Rücken, doch bei anhaltender Erfolglosigkeit dürfte die noch verhaltene Nachfolgediskussion an Dynamik gewinnen.

Immer öfter wird der Name von Co-Trainer Peter Rohwein ins Spiel gebracht, der als Betreuer von Uhrmann und Späth eine erfolgreiche Arbeit abgeliefert hat. Uhrmann schaffte den bislang einzigen deutschen Saisonsieg, Späth verpasste zuletzt bei der Skiflug-WM in Planica als Vierter nur knapp eine Medaille. "Es ist normal, dass ich in der Kritik stehe", gab sich Steiert einsilbig. Der Nachfolger des langjährigen Erfolgstrainers Reinhard Heß war zuletzt von Hannawald für sein "sportartspezifisch nicht so tolles Training" kritisiert worden.



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