Weltmeister Lambiel Exzentriker auf dem Eis

Unterschiedlicher können die Rivalen nicht sein. Wenn morgen der Herren-Eiskunstlauf beginnt, misst sich technische Perfektion mit künstlerischer Originalität: Europameister Jewgenij Pluschenko trifft auf Weltmeister Stéphane Lambiel. Der Countdown für das Goldduell läuft.

Aus Turin berichtet


Auf dem Podium sitzen zwei Eiskunstläufer an einem Tisch, aufrecht und starr vor Schüchternheit, und wispern belanglose Antworten ins Mikrofon. Zäh verrinnen die Minuten - bis plötzlich die Tür auffliegt. Ein schmächtiger junger Mann mit angestrengter Miene weht hinein in den Konferenzraum, er zieht ein Rollköfferchen und seine Entourage hinter sich her. Voilà, der Weltmeister. "Bonjour", sagt Lambiel gehetzt, lässt das Gepäck samt Begleitern stehen und hastet quer über das Podium, hinüber zum einzigen freien Stuhl am Rand. Noch im Gehen streift er seine Winterjacke von den Schultern, bevor er sich leise seufzend setzt. Es ist ein simpler Pressetermin bei der Schweizer Meisterschaft, und Lambiel heischt sofort die Blicke.

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Eiskunstlauf-Duell: Individualist gegen Musterschüler

Was soll das sein? Etwa der inszenierte Auftritt eines Stars? Die Wahrheit ist viel schlichter: Lambiel ist es unangenehm, zu spät zu kommen. Statt die Aufmerksamkeit auszukosten, schaut er geistesabwesend auf den Boden und in die Luft. Er schiebt die Ärmel seines Pullovers hoch und knabbert an einem Handgelenksbändchen. Auf Effekt zielende Posen sehen anders aus.

In der Welt des Eiskunstlaufs wimmelt es von Selbstdarstellern, die darauf trainiert sind, sich jeden Augenblick zu produzieren. Anders Lambiel: Er kriegt das nicht hin. Wer wissen möchte, in welcher Stimmung er ist, braucht ihm nur zuzuschauen und ein wenig abzuwarten. Sein impulsives Wesen hat Lambiel, 20, zu einem der weltbesten Eiskunstläufer gemacht. Vor elf Monaten wirbelte der Schweizer bei der WM durch den Moskauer Luschniki-Sportpalast und gewann den Titel. Er brach die Herrschaft der Nordamerikaner, Russen und Ukrainer, die ein Vierteljahrhundert lang den Männerwettbewerb dominiert hatten.

Und wenn die Läufer morgen in den olympischen Wettbewerb starten (19 Uhr Kurzprogramm), bahnt sich ein Duell um Gold an, bei dem Lambiel das Establishment wieder herausfordert: er gegen den Europameister Jewgenij Pluschenko, 23, den Silbermedaillengewinner von Salt Lake City 2002. Der Individualist aus dem Unterwallis gegen den Musterschüler des russischen Auswahlsystems.

Pluschenkos Weg beweist, wie hocheffizient dieses System arbeitet. Aus einem kränklichen Kind aus Sibirien, das die Mutter auf die Eisbahn schickte, um seine Gesundheit zu stärken, wurde in der St. Petersburger Trainingsfron ein Sprungwunder geformt. Pluschenkos Bewegungen sind elegant, weil sie an der Ballettstange geschult wurden, seine Schlittschuhtechnik grenzt an Perfektion. Die Zuschauer reagieren auf seine Programme fast immer gleich: mit respektvollem Applaus.

Lambiel fehlt Pluschenkos kühle, kaum wankende Präzision. Er hat nie eine Ballettschule besucht, er läuft auch nicht mit der unerschrockenen "Here I come"-Attitüde der Amerikaner. Aber mit seinem energischen, manchmal theatralischen Laufstil versteht er es wie sonst niemand, dem Publikum das Gefühl zu geben, eine "originäre Künstlernatur" ("Neue Zürcher Zeitung") zu erleben. "Eiskunstlaufen hat etwas mit Schweben zu tun", sagt Peter Grütter, Lambiels Trainer. "Stéphane genießt es zu laufen, und diesen Genuss kann er übertragen. Bei anderen Weltklasseläufern merkt man, wie angelernt und einstudiert alles ist."

Andererseits schwankt Lambiels Laune stark, auch für seinen Trainer ist er nicht immer berechenbar. Als er sich vorige Saison bei der EM anschickt, seine Kür zur melancholischen Filmmusik der "Truman Show" zu laufen, lässt er Grütter wissen, heute zeige er dieses Programm zum letzten Mal, sie sei zu intellektuell, die Leute verstünden nicht, was er damit ausdrücken wolle. Grütter schwant, auf welch großes Risiko sie sich einlassen: Bis zur WM sind es nur noch wenige Wochen; ein Programm sicher einzuüben, dauert normalerweise Monate.

Doch Lambiel legt los. Er wählt einen komplett anderen Musikstil, die kraftvolle Melodie des Heldenepos "König Arthur". Eilends entwirft er das neue Kostüm selbst, erst am Tag des Abflugs ist es fertig geschneidert. Prompt erweist sich in Moskau der Stoff an den Hosenbeinen als zu dick. Trotzdem fegt Lambiel temperamentvoll übers Eis, zeigt wilde Schritte und Pirouetten. Er begeistert sogar die Russen und lässt sie vergessen, dass ihr Held Pluschenko ein paar Stunden zuvor verletzt aufgeben musste. Diesmal ist Lambiels Botschaft unschwer zu begreifen: Hier ist euer neuer König. "Ich wollte allen zeigen", sagt er, "dass ich kämpfen und gewinnen kann."

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