Bundestrainer Schuster im Interview "Skispringer sind wie Künstler"

Werner Schuster hat die deutschen Skispringer zurück an die Weltspitze geführt, bald hört er als Bundestrainer auf. Hier spricht er über Schlüsselmomente - und über einen Athleten, den er lange unterschätzt hat.

imago/Eibner Europa

Ein Interview von Eike Hagen Hoppmann


Zur Person
  • CHRISTIAN BRUNA/EPA-EFE/REX
    Werner Schuster, 49, führte das deutsche Skispringen als Bundestrainer zurück an die Weltspitze. Ende Januar gab der Österreicher bekannt, er werde seinen Vertrag nach elf Jahren im Amt nicht erneut verlängern. Der DSV würde gerne weiter mit Schuster in anderer Funktion zusammenarbeiten. Er selbst hat noch keine Entscheidung über seine Zukunft getroffen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Schuster, nun kommt nur noch eine Station: Planica - dann endet ihre Zeit als Skisprung-Bundestrainer. Ihr Vertrag läuft aus, Sie hören freiwillig auf. Werden Sie langsam wehmütig?

Werner Schuster: Momentan bin ich ziemlich neutral. Ich bin aber natürlich sehr zufrieden, dass es eine so tolle Bilanz ist. Die WM in Seefeld war noch einmal etwas Außergewöhnliches. Da sind wir mit drei Titeln reichlich beschenkt worden. Das gibt schon ein gutes Gefühl. Es musste aber irgendwann mal zu Ende gehen und lieber auf so eine Art als auf eine andere.

SPIEGEL ONLINE: Wann ist die Entscheidung gefallen?

Schuster: Es war ein längerer Prozess. Als Andreas Wellinger bei Olympia 2018 in Pyeongchang Einzelgold geholt hat, habe ich auf dem Weg runter von der Schanze zum ersten Mal gedacht: Hui, Peking (Ort der Olympischen Winterspiele 2022; Anm. d. Red.) ist schon sehr weit weg. Nach der Tournee in diesem Jahr habe ich dann intensiver mit meiner Frau beraten, dann wurde es spruchreif.

SPIEGEL ONLINE: Als Grund für den Ausstieg haben Sie auch Ihren Sohn genannt, der seinen Vater im Winter nur noch aus dem Fernsehen kennen würde.

Schuster: Ja, aber es ist auch das Investment der gesamten Familie. Es ist unfassbar, was meine Frau in den Jahren geleistet hat. Aber auch Sie allein hätte das nicht geschafft, wenn meine Eltern und ihre Eltern nicht auch mitgeholfen hätten. Man hat da schon ein komisches Gefühl, wenn man die Energie der gesamten Familie so auf sich zieht.

SPIEGEL ONLINE: Schauen wir zurück auf Ihre Zeit als Bundestrainer. Welcher Sportler hat Sie besonders beeindruckt?

Schuster: Die Schlüsselfigur in der Dekade ist Severin Freund. Nach Springern wie Martin Schmitt und Michael Uhrmann musste eine neue Generation her. Aber du musst ja nicht nur gut springen. Du musst auch das deutsche Skispringen repräsentieren. Wer stellt sich hin und steckt die Prügel weg, wenn der beste Deutsche nur 17. geworden ist? Ich habe Severin am Anfang nicht wirklich als den prädestinierten Mann dafür gesehen. Ich habe seinen Arbeitseinsatz und sein Talent gesehen. Aber für mich war er nicht der außergewöhnliche Springer, bei dem ich sage: Der wird das deutsche Skispringen retten. Dass er dann wirklich diese Rolle angenommen hat, das war faszinierend. Ich hätte trotz all meiner Erfahrung nie gedacht, dass man mit diesen Grundvoraussetzungen wirklich mal der weltbeste Skispringer sein kann.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

Schuster: Ich habe unterschätzt, dass man sich mit einem so starken rationalen Kopf auch feinfühlige Dinge wie das Fliegen erarbeiten kann. Wenn man den Allerbesten zuschaut: Das sieht so leicht, so spielerisch aus. Da ist ein Skispringer schon ein bisschen ein Künstler, der ein Bild malt. Ich habe nicht gedacht, dass Severin Freund mit so einer Härte zu sich selbst auf diese kunstvolle Ebene kommen kann. Das respektiere ich enorm.

SPIEGEL ONLINE: Welche Wettkämpfe sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Schuster: Das ist nach elf Jahren wahnsinnig schwer, weil immer ein Highlight ein anderes überlagert hat. Es gibt aber zwei Ereignisse in der Anfangszeit, die wahnsinnig wichtig waren, um alle Beteiligten davon zu überzeugen, dass hier wirklich ein Plan dahintersteckt.

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Bundestrainer der Skispringer: Ende einer Ära

SPIEGEL ONLINE: Welche waren das?

Schuster: Bemerkenswert war im ersten Jahr die Entwicklung von Martin Schmitt, den alle schon abgeschrieben hatten. Der ist dann aber mit knapp 30 Jahren eine gute Saison gesprungen, ist im Gesamtweltcup Fünfter geworden und hat bei der WM auch noch eine Medaille geholt. Das war für uns als junges Trainerteam ein Wahnsinnserfolg und ich glaube, dass mir das einen gewissen Kredit bei den Verantwortlichen gegeben hat.

SPIEGEL ONLINE: Und das zweite Ereignis?

Schuster: Das war die Teammedaille bei den Olympischen Spielen 2010 in Vancouver. Die Saison lief irrsinnig schlecht an. Da hat sich schon wieder eine Eigendynamik gebildet, wo viele Landesverbände und Stützpunkte ihr eigenes Süppchen gekocht haben. Da war es total schwierig, den Laden zusammenzuhalten. Bei den Einzelspringen hatten wir damals keine Chance. Wir haben also alles auf den Mannschaftswettbewerb gesetzt und das ist dann aufgegangen. Hätten wir diese Silbermedaille nicht geholt, wer weiß, ob ich heute noch hier sitzen würde.

SPIEGEL ONLINE: Anschließend folgten Titel um Titel: Teamgold bei Olympia 2014, der Gesamtweltcup für Severin Freund 2015, Einzelgold für Andreas Wellinger bei Olympia 2018 und diverse WM-Titel. Mit dem Sieg bei der Vierschanzentournee hat es dagegen nicht geklappt. Dabei hat die Tournee in Deutschland eine besondere Bedeutung.

Schuster: Ich habe im Lauf der Jahre natürlich mitbekommen, welchen Stellenwert die Tournee in Deutschland hat. Die meisten Deutschen bekommen ja gar nicht mit, dass wir von November bis März durch die Welt tingeln und gegen die komplett gleiche Konkurrenz Wettkämpfe bestreiten. Wer dort gewinnt, hat auch die Besten geschlagen. Aber zuschauen, das tun die Leute in Deutschland eben bei der Vierschanzentournee. Und ich habe da ein Gefühl….

SPIEGEL ONLINE: Und zwar?

Schuster: 2015 ist Severin Freund Gesamtweltcupsieger und Weltmeister geworden. Trotzdem ist er bei der Wahl zum Sportler des Jahres an einem Triathleten gescheitert. Nichts gegen Triathlon - da haben sich zwei Randsportarten bekämpft und in dem Fall hat einfach die mit der größeren Lobby gewonnen. 2018 ist Andreas Wellinger Olympiasieger geworden und nicht mal unter die ersten drei gekommen. Mein Gefühl ist: Wenn ein deutscher Sportler die Vierschanzentournee gewinnt, dann würde er sofort Sportler des Jahres werden. Markus Eisenbichler ist jetzt dreifacher Weltmeister. Er hat aber bei der Tournee den zweiten Platz belegt und deswegen wird es wahrscheinlich wieder nicht reichen. Vielleicht wird es ein Platz unter den ersten drei.

SPIEGEL ONLINE: Warum hat es denn bei der Tournee nie gereicht?

Schuster: Am Anfang waren wir zu grün hinter den Ohren. Da haben wir nicht alles richtig gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Schuster: Dass uns die Sportler angesehen haben, dass wir genauso nervös waren wie sie, und dann hektisch wurden. Wir sind angereist wie immer und haben den Rummel unterschätzt. Erst war noch Pressekonferenz, dann haben wir teilweise bis tief in die Nacht hinein Anzüge anpassen müssen. Wir haben ein paar Jahre gebraucht, bis wir diese Feinheiten justiert hatten.

SPIEGEL ONLINE: Ein paar Prozent haben aber immer gefehlt.

Schuster: Es muss sich dann auch einer selbst zum Überflieger küren. Wir sind da an Ausnahmeathleten wie Ryoyu Kobayashi, Kamil Stoch oder Peter Prevc gescheitert. Ich sehe es aber jetzt gelassen. Manche Titel im Sport fallen einem zu. Und es gibt Titel, die musst du dir sehr hart erarbeiten. Das deutsche Skispringen wird sich diesen Titel wieder erarbeiten. Das kann schon nächstes Jahr klappen oder wird zumindest in naher Zukunft klappen.

SPIEGEL ONLINE: In welchem Zustand übergeben Sie das deutsche Skispringen?

Schuster: Ich würde sagen, dass es ein intakter Laden ist. Wir haben bei der Junioren-WM jetzt zweimal in Folge Teamgold geholt. Constantin Schmid ist ein Springer aus dem Jahrgang 1999, der ganz gute Anlagen hat. Er ist aber nicht der Einzige. Ich denke, dass der Deutsche Skiverband die Voraussetzungen hat, um weiter an der Spitze mitzuspringen.

SPIEGEL ONLINE: Wo wir über die Zukunft sprechen. Welchen Herausforderungen muss sich der Sport stellen?

Schuster: Man muss aufpassen, dass man die kleineren Nationen nicht verliert. Es gibt einen Wettlauf was Anzug, Schuhe, Bindung und Ski angeht. Da braucht man richtige Expertenteams. Das können sich nur noch wenige Nationen leisten. Skispringen wird nie eine Weltsportart sein. Aber 20 Nationen, die konstant teilnehmen, das wäre schon gut. Es hat sich aber auf zehn bis zwölf reduziert und nur fünf bis sechs machen das auf höchstem Niveau. Wenn drei bis vier Länder gegeneinander springen und alle anderen ausradiert sind, dann ergibt es keinen Sinn mehr.



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
HolmWolln 21.03.2019
1. Ein Vorbild
Herr Schuster hat für das Skispringen/ Skifliegen in Deutschland unbeschreibliches geleistet. Ein absolutes Vorbild an Expertise, Charakter und Empathie. Ganz herzlichen Dank, Herr Schuster. Es war uns eine Ehre.
Bastian.Lo 21.03.2019
2. Ein Guter!
Werner Schuster kam mir in jedem Interview immer sehr sympathisch, reflektierend und bodenständig vor. Er hat großes für den Deutschen (Ski)sport geleistet und ich hoffe er bleibt dem DSV in anderer Funktion erhalten. Genießen Sie die Zeit mit Ihrer Familie :)
anark 21.03.2019
3.
Hut ab vor ihrer Leistung, Herr Schuster, und alles Gute.
Kurt Viles 21.03.2019
4. Ein Kandidat für die Fußball-Nationalmannschaft
Ein super Typ. Er sollte unsere Fußball-Nationalmannschaft übernehmen. Dazu noch Sigurdsson vom Handball für Bierhoff. Dann noch Sammer für Grindel. Es würde garantiert nicht schlechter laufen als jetzt...
kallimania 21.03.2019
5. Alles Gute, lieber Herr Schuster!
Sie sind ein cooler Typ. Erfolgreich und stets sehr geerdet. Nie am Fraternisieren, immer kritisch, trotzdem empathisch. Intelligent. Haben den Sport als Trainer und mit ihrer etwas distanzierten Art sehr nach vorne gebracht! Werner Schuster war für mich auch ein Grund, Skispringen zu schauen. Schwer vorstellbar, dass ein Nachfolger das Level halten kann, gerade bei der Kommunikation. Aber alles hat ein Ende. Mach's gut Werner!-;)
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