SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

05. Juli 2007, 11:28 Uhr

Winterspiele 2014 in Sotschi

Rodeln auf den Rubelbergen

Von Simone Schlindwein, Moskau

Russland jubelt über die Winterspiele für Sotschi. Doch es sind zweistellige Milliardeninvestitionen nötig, um die Stadt olympiatauglich zu machen. Am Ende werden nur die Reichen profitieren, fürchten Kritiker. Proteste werden unterdrückt.

"Ich hätte nie gedacht, dass wir gewinnen", jubelt die russische Marketingexpertin Regina Walejewa vor dem Fernseher in Moskau. Es ist 3:19 Uhr in der Nacht, als IOC-Präsident Jacques Rogge im viele Zeitzonen entfernten Guatemala verkündet, dass es Sotschi geschafft hat. Walejewa ist wie viele in Russland extra aufgeblieben, um das Ergebnis live zu erfahren.

Die russischen TV-Sender hatten die Nacht hindurch von der Abstimmung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) aus Guatemala-Stadt berichtet. "Wir haben gesiegt", wiederholte der Moderator des Sportkanals immer wieder fassungslos. Kaum jemand hatte in Russland tatsächlich an den Sieg geglaubt. Zu hinderlich schienen die jüngsten Streitigkeiten mit dem Westen, so oft hatte man sich schon bemüht und doch niemals den Zuschlag für die Winterspiele bekommen.

Auch in Sotschi war die Menge außer sich. Zehntausende hatten dort die Nacht hindurch auf dem großen Platz vor dem Theater ausgeharrt. Internationale Musiker, darunter der deutsche Schlagersänger Thomas Anders, waren aufgetreten, um das Warten zu erleichtern. Die Freude war groß: "Sotschi, Sotschi, Russland", schrie die Menge, als die Verkündung der Siegerstadt auf der Leinwand übertragen wurde.

Salzburg war schon nach dem ersten Wahlgang als die Stadt mit den wenigsten Stimmen ausgeschieden. Präsident Wladimir Putin saß bereits im Flugzeug nach Russland, als in der Stichwahl die Entscheidung zwischen Sotschi und dem südkoreanischen Pyeongchang zugunsten der südrussischen Stadt ausfiel. Er war am Montag in Guatemala eingetroffen, um die russische Delegation bei der Kandidatur zu unterstützen. "Wenn es in Guatemala ehrlich läuft, haben wir beste Chancen", hatte er vor der Abstimmung verkündet. Putin spielte damit auf die Vorfälle an, die sich zuvor im Hotel "Real Intercontinental" in Guatemala-Stadt abgespielt haben sollen.

Laut russischen Zeitungsberichten sind Artikel über Menschrechtsverletzungen in Russland unter den Türen der Hotelzimmer einiger IOC-Mitglieder durchgeschoben worden, um die Entscheidungsträger gegen Russland aufzubringen. Putin sprach sogar von Sabotage. Umgekehrt musste sich die russische Delegation den Vorwurf gefallen lassen, sich die Winterspiele erkauft zu haben.

Rund dreißig Millionen Dollar wurden von staatlicher Seite in Werbeaktionen und Feierlichkeiten investiert. Allein die Summe, die für die Ausrichtung der zweiwöchigen Winterspiele investiert werden müssen, beläuft sich auf über 1,5 Milliarden Dollar. Doch Geld, das hatte Vize-Premierminister Alexander Schukow betont, spiele keine Rolle.

Das ist gut, denn es müssen weitere schätzungsweise 12 Milliarden Dollar aus privaten und öffentlichen Geldern aufgebracht werden, um die Infrastruktur in Sotschi auf internationalen Standard zu bringen. Ganze Wohnblöcke in der 330.000-Einwohner-Stadt sind nicht einmal an Strom- und Gasleitungen angeschlossen. Es gibt auch noch nicht genug Hotels, Trainings- und Wettkampfanlagen in Sotschi. Geplant sind 19 gigantische Bettenburgen für 29.000 Gäste, neue Pisten, Lifte und Sporteinrichtungen. Von den drei Bewerbern ist die russische Stadt bei weitem am schlechtesten auf Olympia vorbereitet.

Die Summe der veranschlagten Investitionen ist demnach höher als die landesweiten Ausgaben für Bildung, Gesundheit und Familienförderung zusammen. Zwei Drittel davon will der Staat zuschießen. Der Rest soll durch private Investitionen der Oligarchen-Konzerne gedeckt werden, die auch sonst gerne den Kreml unterstützen.

Hoffen auf die große Rendite

Bereits im Oktober 2006 hatte Putin angekündigt, dass der Energieriese Gasprom bereit sei, mit 180 Millionen Dollar als Topsponsor bei den Winterspielen einzusteigen. Der Unternehmer Oleg Deripaska, dem der weltweit größte Aluminiumhersteller gehört, will 620 Millionen Euro investieren: in das Olympische Dorf, in eine Eis- und Sportarena sowie in die Modernisierung des Flughafens, den sein Unternehmen gekauft hat. Wladimir Potanin, Chef der in vielen Bereichen tätigen Firmenholding Interros, hat ebenfalls 230 Millionen Euro zugesagt. Damit soll das firmeneigene Erholungszentrum im Kaukasus zum Skizentrum ausgebaut werden.

Das tun die Oligarchen nicht uneigennützig, sie hoffen, dass die Investitionen langfristig Rendite bringen. Seit der Bewerbung um die Olympischen Spiele 2014 explodieren in der russischen Schwarzmeerregion die Immobilienpreise. Aber nicht nur die Oligarchen werden wohl langfristig Gewinn mit dem Megaprojekt machen. "Auch ausländische Firmen planen jetzt verstärkt in Südrussland zu investieren", sagt Regina Walejewa, die nicht nur aus Nationalstolz vor dem Fernseher jubelte. Sie arbeitet als Marketing-Koordinatorin bei der schweizerischen Firma "Silka". Mit den von den Schweizern hergestellten Betonzusatzmitteln werden die Wände eines Autobahntunnels in Sotschi abgedichtet. "Es ist ein riesiger Auftrag, den meine Firma hier erhalten hat", sagt Walejewa.

Andererseits schade eine solche vergünstigte Investitionsstrategie den anderen Regionen der Russischen Föderation, betont Alexander Donskoj, Bürgermeister der Stadt Archangelsk, in einem Interview mit dem Radiosender Echo Moskwy. "Wenn eine solche enorme Summe den baufälligen Wohnungen in ganz Russland zur Verfügung stehen würde, dann wären eine Menge Leute in Russland dankbar", erklärte er.

"Sotschi siegt - die Menschen verlieren"

Das sei immer das Problem in Russland, sagt Walejewa - dass nur die Reichen bei solchen Projekten gewinnen. "Sotschi wird langfristig nur für die wohlhabenden Leute als Sportgebiet erschwinglich sein. Die normalen Leute werden sich einen Wintersporturlaub wahrscheinlich nicht leisten können."

"Sotschi siegt – die Menschen verlieren", lautet der Slogan der Gruppe "No Olympic Games", die in Moskau gegen die Austragung der Olympischen Spiele in Sotschi demonstriert. Die Aktivisten um Dmitrij Kokorew setzen sich unter anderem für den Erhalt der einzigartigen Natur in den Bergen bei Sotschi ein. Was die Obrigkeit von solchen Aktionen hält, machte sie unmissverständlich klar: Die Demonstration auf dem Majakowskaja-Platz in Moskau wurde trotz offizieller Genehmigung von der Polizei aufgelöst und Anführer Kokorew vorübergehend festgenommen.

Seine Argumente sind schwer zu widerlegen: Das olympische Dorf soll unmittelbar am Rand des Nationalparks Westkaukasus entstehen, der zum Weltkulturerbe gehört. Ebenso ist das Skigebiet Krasnaja Poljana bei Sotschi ein Naturschutzgebiet. Doch die russische Regierung hat die Baumaßnahmen in diesen geschützten Gebieten schlichtweg als "sozial notwendig" deklariert und so die Bestimmungen zum Erhalt der Naturschutzgebiete ausgehebelt.

URL:


Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung