Olympische Winterspiele OK-Chef nimmt Maulkorb für Sportler zurück

Erst untersagte er den Athleten alle nicht-sportlichen Aussagen, jetzt hat der Organisationschef der Winterspiele in Sotschi dies wieder zurückgenommen. Die Sportler dürften sich äußern, nicht aber demonstrieren, sagte Dmitri Tschernyschenko. US-Skistar Ted Ligety nennt die Vergabe an Sotschi "armselig".

US-Skistar Ligety: "Armselige Entscheidung"
REUTERS

US-Skistar Ligety: "Armselige Entscheidung"


Hamburg - Das Organisationskomitee der Olympischen Winterspiele in Sotschi hat einen Eklat mit dem IOC in letzter Sekunde abgewendet. OK-Chef Dmitri Tschernyschenko stellte am Donnerstag klar, dass Athleten bei olympischen Pressekonferenzen frei zu allen Themen Stellung nehmen dürften, so lange die Aussagen nicht politisch seien.

Tags zuvor hatte Tschernyschenko die freie Meinungsäußerung der Teilnehmer mit dem Hinweis auf die olympische Charta noch infrage gestellt. Stattdessen hatte der Chef des lokalen Organisationskomitees (SOCOG) die Athleten auf die offiziellen Protestzonen 18 Kilometer von Sotschi entfernt verwiesen.

Damit schien er IOC-Präsident Thomas Bach zu widersprechen. Bach hatte erklärt, Athleten dürften gemäß der Charta auch bei Pressekonferenzen in olympischen Wettkampfstätten frei ihre Meinung äußern. Regel 50 der Charta verbietet jedoch Demonstrationen sowie jegliche Form von religiöser oder rassistischer Propaganda an olympischen Stätten. In strittigen Fällen behält sich das IOC eine Einzelfallprüfung vor.

In der Klarstellung des Organisationskomitees SOCOG hieß es nun: "Herr Tschernyschenko meinte, dass Athleten sich bei Pressekonferenzen frei äußern dürfen - aber natürlich können sie eine Pressekonferenz oder eine Wettkampfstätte nicht zu einer Demonstration oder einem Protest nutzen." Das OK und das Internationale Olympische Komitee stimmten vollkommen überein.

"Unglücklicher Schritt in die falsche Richtung"

Der viermalige Ski-Weltmeister Ted Ligety übte derweil scharfe Kritik am IOC und an der russischen Politik. Es sei "äußerst unglücklich" und "eine armselige Entscheidung", die Spiele in einem Gebiet auszurichten, das schon seit Jahren als unsicher gelte, sagte der 29 Jahre alte Amerikaner.

Die Anti-Homosexuellen-Gesetze der Russen nannte Ligety "bedauerlich" und einen "unglücklichen Schritt in die falsche Richtung". Er selbst glaube an Toleranz: "Menschen haben das Recht, glücklich zu sein und ihre eigenen Überzeugungen zu haben." Er sei überzeugt, dass sich die Freiheit auch in Russland durchsetzen wird. "Die Dinge werden sich in den nächsten Jahren ändern und die Menschen auch dort toleranter werden", sagte er.

Ligety selbst hat vor Ort bereits seine ganz eigenen Erfahrungen mit den russischen Sicherheitsbehörden gemacht. Beim Weltcup im Olympia-Ort Rosa Chutor im Februar 2012 verzichtete er zugunsten einer privaten Skifahrt auf die Abfahrt, als er wenige Minuten von der Gondel entfernt plötzlich in den Lauf eines Maschinengewehrs blickte, erzählte der Kombinations-Olympiasieger von 2006.

Erst nach der Feststellung seiner Personalien habe man ihn ziehen lassen, eine weitere Fahrt aber verweigerten ihm die Sicherheitsleute.

aha/dpa/sid



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erich21 30.01.2014
1. feste Spielstaetten
waeren doch durchaus moeglich. War doch in der Antike auch so, also wie waere es mit Sommerspielen dauerhaft auf dem Pelepones und Winterspielen meinetwegen in Colorado? Waechter ueber die Regeln waeren exterritorial olympische Senate und der Gigantismus mit seinen korrupten Folgen waere auch eingedaemmt. Sicher wuerde sich dann auch mancher windige Funktionaer lieber im Drogenhandel betaetigen.
mknbmsp 30.01.2014
2. die Sportler
ind Ihre Meinungen sind das wichtigste. Auch ihr öffentlicher Protest. Ohne Sie kann das IOC einpacken und es ist vorbei mit Olympia. Daher wünsche ich mir das jeder Sportler seine Meinungen auf den Pressekonferenzen sagt. Es ist nunmal alles wichtiger gegen die die Politik von Putin zu sagen als eine Olympische Medaille.
un-Diplomat 30.01.2014
3. Nein, Sie irren - leider.
Zitat von mknbmspind Ihre Meinungen sind das wichtigste. Auch ihr öffentlicher Protest. Ohne Sie kann das IOC einpacken und es ist vorbei mit Olympia. Daher wünsche ich mir das jeder Sportler seine Meinungen auf den Pressekonferenzen sagt. Es ist nunmal alles wichtiger gegen die die Politik von Putin zu sagen als eine Olympische Medaille.
Die Sportler sind wohl sehr wichtig, aber in jüngeren Jahren sponsern Eltern, regionale Unterstützung oder politische Entscheider deren Entwicklung und später muss man die Besten als Angestellte der Großsponsoren betrachten. Eigene Meinung haben sicher alle Olympioniken, aber äußern ist da bei den meisten nicht drin. Die Magdalena (die deshalb zu früh Aufgehörte) profitiert doch heute noch von solcher Zurückhaltung. Andrea Henkel bei der Eröffnung und Claudia Pechstein beim Abschluss wären tolle Fahnen-Idole - aber nichts gegen Maria Höfel-Riesch (eher gegen M_lk_a) oder Männer.
erwin777sti 30.01.2014
4. Sepp Blatter, nimm Dir ein Beispiel an Vitali Klitschko !!
Zitat von sysopDPAErst untersagte er den Athleten alle nicht-sportliche Aussagen, jetzt hat der Organisationschef der Winterspiele in Sotschi dies wieder zurückgenommen. Die Sportler dürften sich äußern, nicht aber demonstrieren, sagte Dmitri Tschernyschenko. US-Skistar Ted Ligety nennt die Vergabe an Sotschi "armselig". http://www.spiegel.de/sport/wintersport/winterspiele-ok-chef-von-sotschi-lenkt-bei-meinungsfreiheit-ein-a-950215.html
Ted Ligerty hat recht; leider. Heute hat man klar erkannt, dass die Beachtung von Menschenrechten in Putin-Russland keine Priorität hat, im Gegenteil, sie werden systematisch reduziert: das Regime gebärdet sich zunehmend repressiver, autoritärer, wie im osmanischen Feudalismus. Einschüchterung der Andersdenkenden ist angesagt, die Staatsanwaltschaft erweist sich als Putins politische Keule: Chodorkowsky, Art. 31 der Verfassung RF 'Versammlungsfreiheit', Pussy Roit, "Boloto-Platz"-Demo-Krawall-Strafverfolgung, Nawalny, Abschaltung der Kommunikationswege des einzigen regime-kritischen TV-Senders "Doschd"; Schwulen-Bashing dient in einem politisch ungebildeten Parlament als Vehikel, russische Waisenkinder werden dort als Faustpfand in einer politischen Auseinandersetzung mit den USA wg. Justizmissbrauch missbraucht. Die Sotschi-Entscheidung ist wohl nicht mehr rückgängig zu machen. *a b e r* , Josef Blatter kann zu seinem "Freund Putin" sagen - wie Vitali Klitschko zu Wiktor Janukowitsch gesagt hat - "entweder Du nimmst die und die repressiven Gesetze und Massnahmen, die erst nach der Vergabe der WM 2018 an Russland erlassen worden sind, bis 1.7.2014 zurück, oder wir ziehen die Vergabe der WM zurück".
note4shape 30.01.2014
5.
Wenn ein Sportler die Olympia-vergabe an Sotch "armselig" findet - womit er uebrigens recht hat- sollte er konsequent sein und nicht hinfahren. Sowieso ist die ganze Sache ohnehin mies
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