Zehn Wahrheiten von Savchenko und Szolkowy "Ein gesitteter Rausch"

Aljona Savchenko und Robin Szolkowy gehören zu den besten Eiskunstläufern der Welt, für Deutschland könnten sie bei den Olympischen Spielen nun die Gold-Medaille holen. Klaus Brinkbäumer sprach mit den beiden Athleten über ihren umstrittenen Trainer Ingo Steuer, Vertrauen und die perfekte Kür.
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Eiskunstlaufpaar Savchenko/Szolkowy: Chance auf Gold gewahrt

Foto: Daniel Karmann/ DPA

Sportler wie diese beiden müssten Weltstars sein. Die Eiskunstläufer Aljona Savchenko, 26, und Robin Szolkowy, 30, sind die Besten in einer der populärsten Disziplinen der Winterspiele, jung und klug und hübsch sind sie, erotisch und wagemutig laufen sie, aber sie sind keine Weltstars. Sie haben einen Trainer, der das Schmuddelkind des deutschen Sports ist, Ingo Steuer, einstiger Stasi-IM. An diesem Montag laufen Savchenko und Szolkowy, nach dem Kurzprogramm auf Platz zwei liegend, die olympische Kür. SPIEGEL-Reporter Klaus Brinkbäumer traf sie in Chemnitz und Vancouver.

Frau Savchenko, Ihr Trainer Ingo Steuer sagt, die Gold-Medaille sei das einzig angemessene Ziel für Sie. Kann eine derart maximale Vorgabe auch zu viel Druck bedeuten?

1. Gold? Ist großes Ziel und Traum. Ist nicht so, dass man jeden Tag denkt, aber man trainiert jede Minute dafür. Olympia ist das größte Ziel, wir wollen natürlich Medaille, wir wollen natürlich gewinnen und dafür alles machen. Nervosität muss ja da sein, Adrenalin gibt Kraft.

Savchenko, geboren in der Ukraine, spricht ein verzauberndes Deutsch, manchmal fehlt ein Wort, doch sie ist schlagfertig, sie ist schlau. Sie war ein Kind am Stadtrand von Kiew, drei Jahre alt, als der Vater, den sie "Vati" nennt, sie auf Kufen auf einen gefrorenen Teich stellte. Sie sah ein Plakat mit einer Eiskunstläuferin und sagte: "So will ich sein." Darum brachte der Vati sie in eine Eishalle, wo die Trainerin sagte: "Lauf ein paar Bahnen im Kreis." Und Aljona lief, und nach einer Stunde lief sie noch immer. "Wer das hier so sehr will, darf bleiben", sagte die Trainerin. Bei einem Junioren-Wettkampf in Chemnitz beschloss Savchenko, dass sie in Deutschland leben wollte. Die Ordnung lockte sie. Die Sauberkeit. Die Trainingsbedingungen. Und in der Ukraine, sagt sie, habe es keine Aussichten auf irgendetwas gegeben.

Sie wanderten allein aus. Eine mutige oder eine übermütige Entscheidung?

2. Ich liebe Chemnitz, ich liebe es, in Chemnitz zu leben. Heimweh habe ich, wenn ich auf Reisen bin, eher nach Chemnitz als nach Kiew. Kiew war meine Heimat, ist aber Vergangenheit. Aber es war schwer, die Sprache, die du nie gesprochen, nie gehört hast, zu lernen. Wirklich schwer. Natürlich habe ich meine Familie sehr vermisst, ich war einsam in Deutschland. Du wusstest, dass du allein bist, im fremden Land, wo du nicht mal Hallo sagen kannst. Aber ich wollte das, und da musste ich durch.

Frau Savchenko, es geht ja um unterschiedliche Arten von Kraft beim Paarlauf. Ist Vertrauen in die Führungskraft, auch in die physische Kraft Ihres Partners, Ihre wichtigste Leistung?

3. Nein, laufen und springen muss ich selbst. Aber meine Gesundheit liegt auf ihm, in diesem Job muss man ganz vertrauen, nutzt ja nichts. Du musst dich auf Mann verlassen, sonst kannst du nach Hause gehen.

Robin Szolkowy und Aljona Savchenko kannten sich bereits, als sie zueinander fanden, auf Jugend-Meisterschaften hatten sie sich gesehen. Szolkowy, Jahrgang 1979, aufgewachsen in Erfurt, war noch durch das System der Sportkindergärten und Sportschulen der DDR gegangen, er gewann Einzelwettkämpfe, bis er irgendwann nicht mehr gewann, weil ihm, so nennt er es, der "Kamikaze-Instinkt" für die Dreifachsprünge fehlte. Der Trainer Ingo Steuer sah etwas in den beiden, er holte sie zu sich.

Herr Szolkowy, war das absehbar, was für ein Paar Aljona und Sie werden würden? Spüren Eiskunstläufer so etwas sofort?

4. Als Ingo den Vorschlag machte, dachte ich: Klingt gut, klingt sogar sehr gut, das wollen wir doch mal probieren. Im Mai und im Juni 2003, sechs Wochen lang, haben wir es dann miteinander versucht. Ob das funktioniert oder nicht, merkt man am ersten Tag. Da ist ein Gefühl, wenn man einen neuen Partner an die Hand nimmt, oder da ist eben kein Gefühl. Dann geht es mit dem ersten Schritt los: Fangen beide mit links oder mit rechts an? Wir sind beide mit links gestartet, der Rhythmus war da. Die Sprachbarriere half uns sogar, nur das Körpergefühl war entscheidend. Aljona und ich machen heute instinktiv gleiche Sachen. Und dennoch, ob so etwas irgendwann zu Weltniveau führen wird, ist nie wirklich abzusehen, Eislaufen ist ja nicht messbar wie andere Sportarten. Es kann Jahre dauern, es kann zügig gehen, es kann nie passieren. Dieser Sport ist komplex.

Stasi-Vergangenheit und die perfekte Kür

Aljonas Stärken? Und Ihre eigenen Stärken, Herr Szolkowy?

5. Aljonas Stärke ist auch ihre Schwäche: Sie hat eine unerschöpfliche Energie. Manchmal will sie zu viel, manchmal reißt gerade das mit. Ich bin der Ruhige in dem Ganzen, lasse mich nicht beeinflussen, lasse alles um mich herum geschehen. Und manchmal hilft uns auch das. Ich sage dann: Jetzt entspannt euch mal, atmet erst einmal eine Sekunde länger, und dann funktioniert es wieder. Das ist natürlich auch meine Schwäche: Manchmal denke ich zu lange nach, ehe ich etwas sage. Diese zwei Extreme machen uns aus.

Und wie kann ein Trainer ein ungleiches Paar führen, Herr Szolkowy?

6. Ingo ist hart. Und zielstrebig, mit einem netten Unterton. Dort will ich hin, dort kriege ich euch auch hin - so führt er. Es gibt keine Schläge (lacht). Er schreit selten. In gewisser Weise ist es ein Problem, dass wir so viel miteinander zu tun haben, auf all den Reisen, wir sind ja immer zusammen. Der Ingo ist der Trainer, Aljona und ich sind die Sportler - da sollte der Ingo über uns stehen. Dann gibt es wiederum die Situationen, wenn wir zum Beispiel am Flughafen sitzen und Kaffee trinken: Dann sind wir Freunde. Sagen wir so: Ingo macht einen sehr, sehr guten Job, er ist ruhiger geworden. Und wir sind erwachsene Sportler. Auch Aljona weiß ja längst, wo sie steht und hin will im Leben. Wenn jeder jeden mit Respekt behandelt, dann passt so etwas.

Vor vier Jahren sollte Ingo Steuer wegen seiner Stasi-Vergangenheit von den Olympischen Spielen ausgeschlossen werden, er klagte sich nach Turin. Warum sind Sie bei ihm geblieben?

7. Wir haben uns zusammengesetzt, Aljona und ich, und überlegt: Wer bringt uns was? Die Antwort war: Nur der Ingo bringt uns dahin, wohin wir wollen. Wir wollen so gut werden, wie wir werden können, und so gut werden wir nur mit Ingo. Sportfachlich ist am Ingo nichts auszusetzen, menschlich passt es auch. Darum unser Beschluss: Wir bleiben. Und er hätte ja auch sagen können: Ich verziehe mich, ich tauche ab, gehe weg, aber auch er hat gesagt: Ich stehe das mit euch durch. Wir haben uns mit Training über Wasser gehalten.

Aljona Savchenko wollte ihre Dehnübungen, ihre Gymnastik machen, während sie sprach. Mit blauen Augen und langen, lackierten Nägeln saß sie im Spagat auf ihrer Matte, und dann lag sie und rollte und bog sich, kam näher und entfernte sich, kätzchengleich; es war nicht ihre Absicht, es war Sport und ganz gewiss nicht der Ort dafür, aber es hatte etwas von Tabledance.

Haben Sie in der Zeit der Angriffe gegen Ingo Steuer einen besonderen Zusammenhalt gefunden?

8. Ja, denk ich mal. Ingo hat uns zusammengeführt und zusammengestellt. Er ist für uns alles: Management, Trainer, damals auch eine Art Vati auf Eis. Er war für uns immer da, und als diese Angriffe kamen, haben wir zusammengehalten, warum sollten wir das aufgeben? Es war wie eine Familie. Das erlebst du nicht mit anderen Trainern oder mit anderen Sportler.

Spielt die Vergangenheit irgendwann keine Rolle mehr, Frau Savchenko?

9. Die Geschichte ist vorbei. Der Mist interessiert uns nicht, uns geht's um Sport, er ist Trainer und trainiert. Was damals war? Ist Vergangenheit. Es war sein Leben, jetzt ist ein neues Leben. Aber es war wirklich schwere Geschichte, ich will nicht mehr daran denken, nein, ich will wirklich nicht mehr daran denken.

Wer diesen beiden zusieht, in diesem leeren Betonbau in Vancouver, wo sie trainieren, wird in Minuten gefangen. Da umgarnen sich zwei. Da können es zwei. Er ist athletisch und stark, sie ist feurig, lustig und frech. Dass er schwarz und sie weiß und blond ist, hebt sie ab von allen anderen Paaren. Diese beiden können klassisch und elegant laufen und ebenso rockig, sie zählen zu jenen wenigen Athleten, die Sport über Unterhaltung und auch über das hinausheben können, was Regeln und Wettkampf vorgeben, die Disziplin und Talent vereinen und daraus Witz und Ästhetik, beinahe Kunst werden lassen.

Gibt es die perfekte Kür, Herr Szolkowy?

10. Ja. Es gibt manchmal Programme, bei denen man sich nicht ganz sicher ist, aber dann kriegt man mit, was die Partnerin macht, und dann steigert man sich hinein. Oder es gibt Programme, die laufe ich wie im Traum durch, ohne dass ich etwas merke, weil alles stimmt. Und manchmal ist es direkt mit erstem Schritt so, dass die Beine fest sind, die Agilität fehlt. Manchmal denkt man auch, dass alles passt, und bricht mittendrin ein. Aber wenn einmal wirklich alles passt, dann kann sich ein Rausch einstellen, ein gesitteter Rausch.

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