Zur Ausgabe
Artikel 57 / 85

»WIR MÜSSEN FUTUROLOGIE BETREIBEN«

aus DER SPIEGEL 46/1969

SPIEGEL: Vor einigen Tagen hat der Deutsche Sportbund einen Reformausschuß berufen. Er soll den Dachverband unter dem Stichwort Modernes Management reorganisieren. Herr Neckermann, Sie sind Sportler, als Vorsitzender der Deutschen Sporthilfe Funktionär und erfolgreicher Unernehmer. Sind Sie hinzugezogen worden?

NECKERMANN: Nein.

SPIEGEL: Kommt der DSB ohne bezahltes Management aus?

NECKERMANN: Nein, wenn er seinen Aufgaben gerecht werden will. Ehrenamtliche Mitarbeiter sind unbezahlbar, Aber das Ehrenamt im Sport ist heute ein harter Job. Zum Beispiel die Sporthilfe führe ich ehrenamtlich. Aber daneben brauchte ich ein Management. Ich bin doch genausowenig wie die DSB-Funktionäre in der Lage, nun Organisation. Finanzen und. Planung selbst zu erarbeiten. Im Sport werden dieselben Forderungen gestellt wie in der Wirtschaft: Wir müssen Futurologie betreiben und genau planen, wie aus dem Rahmen des Breitensports die Pyramide des Spitzensports wachsen kann.

SPIEGEL: Der DSB hat ein 19köpfiges Präsidium. Wieviel Vorstandsmitglieder würden Sie einsetzen?

NECKERMANN: Im ehrenamtlichen Präsidium als »Aufsichtsrat« soviel wie nötig. Im bezahlten Management mit weitreichenden Vollmachten sechs. Mehr bremsen die zügige Arbeit und erschweren Entscheidungen. Bei den Banken beispielsweise ist ein Vorstandsmitglied Sprecher für alle, die anderen auf ihren besonderen Sektoren.

SPIEGEL: Würden Sie diese Konstruktion auf den DSB übertragen«?

NECKERMANN: Das ist fürchterlich schwer. Der DSB ist eine Zusammenfassung von 74 Mitgliedsverbänden. Su kam es zwangsläufig zu Spannungen: Hier DSB, hier NOK, dort der Ausschuß zur Förderung der Leistungssports -- mir fällt es manchmal schwer, die ganzen Namen auszusprechen -- und: Wem untersteht dieser Bundesausschuß, wie sind seine Vollmachten, wo liegt seine Funktion und wie ist die Funktionsteilung? Dann kommen noch die übrigen Organisationen wie die Deutsche Olympische Gesellschaft und die Stiftung Deutsche Sporthilfe.

SPIEGEL: Ist der DSB eine Fehlkonstruktion?

NECKERMANN: Das nicht -- aber diese Konstruktion stammt aus einer weit zurückliegenden Zeit. Man hätte sich längst den Kopf darüber zerbrechen müssen: Wie will sich der DSB der heutigen und zukünftigen Entwicklung anpassen?

SPIEGEL: Was müßte der DSB für ein modernes Management ausgeben?

NECKERMANN: Schon für die mittleren Chargen finden Sie heule keine gute Kraft für weniger als 1500 bis 3000 Mark im Monat. Ganz oben, beim DSB, haben Top-Manager die gleiche Funktion wie Leiter großer Unternehmen, und das sind natürlich Einkommen von 70 000 bis 120 000 Mark im Jahr.

SPIEGEL: Könnte der DSB auch aus der Wirtschaft sportfremde Manager engagieren?

NECKERMANN: Ohne weiteres, weil diese Leute sich in Kürze die notwendigen Kenntnisse aneignen könnten. Die Schwierigkeit ist aber, aus der Wirtschaft Personen von Format für den Sport zu finden. Denn der Sport hat es bisher nicht fertiggebracht, seine organisatorischen Positionen denen anderer Wirtschaftszweig eben bürtig zu gestalten. Das ist meines Erachtens eine tödliche Schwäche. Doch ich bin felsenfest davon überzeugt daß der Sport auf lange Sicht eine Karriere für Manager bieten wird.

SPIEGEL: Schneidet nicht eine staatliche Sportförderung -- wie in d« DDR -- erfolgreicher ab?

NECKERMANN: Marxist müßte man sein. In der DDR werden junge begabte Sportler in Jugendsportschulen auf ihren Beruf vorbereitet und zugleich im Sport gefördert. Doch wir würden uns ein Armutszeugnis ausstellen, wenn wir nicht im Rahmen unserer freien Wirtschafts-Ordnung durch Eigeninitiative dieselben oder sogar bessere Ergebnisse erzielten.

SPIEGEL: Wie?

NECKERMANN: Die Deutsche Sporthilfe hat bereits junge Turner und Schwimmer in Internaten untergebracht. Die Sporthilfe darf natürlich nicht kleckern. Sie muß klotzen.

SPIEGEL: Wäre das nicht eine Aufgabe des DSB?

NECKERMANN: Ja. Die Sporthilfe hat es allerdings leichter. Sie ist eine zentrale Institution, die einzige, die sofort nach den Spielen in Mexiko völlig selbständig, ich möchte fast sagen, eigenmächtig gehandelt hat, während zum Beispiel die Konstituierung des DSB-Ausschusses zur Leistungsförderung genau ein Jahr dauerte. Es ist sogar ungewiß, ob der neue hauptamtliche Direktor seine Arbeit im Frühjahr 1970 aufnimmt.

SPIEGEL: Das ist sicherlich nicht die einzige Planungs-Panne?

NECKERMANN: Eine Strukturanalyse der Fachverbände, an der immer noch gewerkelt wird, hätte schon vor Jahren durchgeführt werden müssen. Im Leistungssport braucht man langfristige Konzeptionen, Ein Beispiel: Der Seglerverband meinte, die Beschaffung der Boote ginge ihn nichts an. Das sei Privatsache. Deshalb baten die Segler bei der Sporthilfe um Unterstützung. Wir finanzierten ihnen zusammen mit Bonn ...

SPIEGEL: ... über den Verband hinweg ...

NECKERMANN: ... Boote für 300 000 Mark.

SPIEGEL: Machte Neckermann nicht auch den Schwimmern bessere Trainingsbedingungen möglich?

NECKERMANN: Gerhard Hetz, als Trainer eine erste Kraft, war Dozent an der Kölner Sporthochschule und fand zuwenig Zeit für die Talente im Schwimmer-Zentrum Bonn. Jetzt hat die Sporthilfe ihn finanziell bis 1972 freigestellt. Nun ist er von früh bis abends hinter seinem Sport hei und trainiert eine Garde von jungen Schwimmern. Die haben wir auch versucht beruflich unterzubringen -- sogar mit Hilfe des Arbeitgeberverbandes.

SPIEGEL: Stoßen Sie nicht bei vielen Funktionären wegen Ihrer unkonventionellen Methoden auf Widerstand?

NECKERMANN: Ich hab' einen breiten Buckel und Kraft genug. mich ab und an einem Vorwurf auszusetzen Unsere Aufgabe ist es, schnell, wirksam und unbürokratisch zu handeln.

SPIEGEL: Würden Sie für ein Präsidentenamt. etwa im DSB oder NOK, kandidieren?

NECKERMANN: Nein, nein. Sonst müßte ich die Leitung meines Unternehmens abgeben. Außerdem bin ich Leistungssportler. Ich habe für 1972 drei hoffnungsvolle Dressurpferde im Stall.

Zur Ausgabe
Artikel 57 / 85
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.