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»Wir sind asozial und gewalttätig«

SPIEGEL-Interview mit Mitgliedern des Hamburger Fan-Projekts über die Skin-Szene Nach dem Tod eines Bremer Fußballfans bei einem HSV-Spiel wurde vor drei Jahren von der Hamburger Sportjugend ein »Fan-Projekt« gegründet. Die Sozialpädagogen Bernd Lange, Horst Wietelmann, Klaus Neufeldt und Jürgen Ritter kümmern sich um die Jugendlichen von der »Westkurve« des Hamburger Volksparkstadions. Neben der Polizei hat diese Gruppe den besten Einblick in die Skin-Szene. *
aus DER SPIEGEL 7/1986

SPIEGEL: Seit dem Mord an einem Türken im vergangenen Dezember stehen die Skinheads öffentlich am Pranger. Sie haben mit den Skins jeden Samstag zu tun. Wie schlimm sind sie wirklich?

WIETELMANN: Die Skins sind mit Abstand die militanteste Gruppe unter den Fußballfans. Eine Schlägerei ohne sie gibt es nicht. Aber es nützt nichts, sie jetzt noch weiter an den Rand zu drängen, als sie es ohnehin schon sind. Sonst geht es so weiter wie Ende Januar: Da haben sich türkische Jugendliche gerächt und einen Skin schwer verletzt.

SPIEGEL: Die Grün-Alternative Liste forderte in einem offenen Brief den HSV auf, Präsidium und Spieler sollten sich öffentlich von den Skins distanzieren. Finden Sie das hilfreich?

LANGE: Was soll der HSV denn konkret tun? Sollte er sagen: Skins raus! und sie aus dem Stadion schmeißen? Was glauben Sie, was dann am Wochenende beim Spiel gegen Bayern München los ist. Wir haben schon länger Hinweise, daß Skins aus dem ganzen norddeutschen Raum hier auftauchen werden. Wenn Sie die ausschließen, haben Sie rund ums Stadion und in der Stadt Randale.

SPIEGEL: Hamburgs Innensenator Lange hat zu dem Mord an dem Türken gesagt, das hätte jeden treffen können, es sei eher zufällig, daß das Opfer ein Ausländer war.

WIETELMANN: Blödsinn. Der Ausländerhaß der Skins ist bekannt. Erst jetzt haben sie vor dem Spiel gegen Werder Flugblätter verteilt. Darauf war zu lesen, daß nicht sie, sondern die Politiker Schuld an dem Tod des Türken hätten. Schließlich ließen die ja so viele Ausländer bei uns rein.

SPIEGEL: Aber die Rechnung Skin gleich Neonazi geht doch wohl nicht auf?

NEUFELDT: Genausowenig, wie sie zu verharmlosen, kann man sie alle als Nazis in einen Topf werfen. Skins suchen vor allem action.

SPIEGEL: Da stimmen Sie also mit der Polizei überein?

LANGE: In diesem Fall ja. Schon früher hat die neonazistische Kühnen-Truppe versucht, die Skins zu vereinnahmen. Die haben da auch mitgemischt, aber eigentlich nur als Schlägertruppe. Wenn der Kühnen die morgens zum Flugblattverteilen angefordert hat, also zu politischer Arbeit im engeren Sinne, haben die sich doch nur an den Kopf gepackt. Das hat nie funktioniert.

SPIEGEL: Was ist mit der Sympathie der Skins für die NPD und die »Hamburger Liste Ausländer-Stopp«?

WIETELMANN: Die ist ohne Zweifel vorhanden. Trotzdem sind das erstmal alles Opis für die, zu lahm und zu schlaff. Sie tendieren viel eher zur FAP und zur »Nationalistischen Front«.

SPIEGEL: Das sind die derzeit radikalsten rechten Gruppen ...

LANGE: Genau, mit Zulauf vor allem von den Jugendlichen. Die FAP, die »Freiheitliche Deutsche Arbeiterpartei«, ist eine Nachfolgeorganisation der Kühnen-Leute. Die sind inzwischen bundesweit organisiert. Erst am Wochenende hatten die in Bad Bevensen ihren Parteitag für die Wahlen in Niedersachsen. Die Mitglieder kommen vor allem aus dem Ruhrgebiet und sind unter Fußballfans gut bekannt. Die berüchtigte Dortmunder »Borussenfront« ist da jetzt drin.

SPIEGEL: Und die »Nationalistische Front«?

LANGE: Das ist der deutsche Ableger der »National Front« in England, die bei der Katastrophe im Brüsseler Stadion die treibende Kraft war.

SPIEGEL: Ist es nicht überhaupt wichtig, nach England zu schauen, wenn man wissen will, wie sich die Fan-Szene bei uns entwickeln wird?

WIETELMANN: Unbedingt. England ist das Mutterland des Fußballs, aber auch das Mutterland der Gewalt im Stadion. Das wiederum hat klar politische Gründe. Die Jugendarbeitslosigkeit ist noch weit höher als bei uns. Städte wie Liverpool bieten außer Fußball nicht mehr viel. Ein fruchtbarer Boden für radikale Parteien. Und da hat sich ganz massiv die »National Front« reingehängt. Die haben den Jungs erzählt, die Typen aus dem Commonwealth, die Schwarzen, Inder und Pakistani, nehmen euch eure Jobs weg und so weiter.

SPIEGEL: Die deutschen Skins lernen auf der Insel?

NEUFELDT: Die fahren da quasi zum Bildungsurlaub hin. Außerdem ist in England das Tätowieren billiger, die Feste sind gewaltiger, und die deutschen Skins kopieren das dann.

SPIEGEL: Was passiert, wenn bei den Skins Freude aufkommt?

LANGE: Dann feiern sie Feten mit Punkmusik, mit rassistischen Texten, wie sie zum Beispiel bei uns die Gruppe »Böse Onkel« sogar auf Platte vertreibt. Tenor der Songs: Wir sind asozial und gewalttätig. Sie feiern mit Streßsaufen, das heißt Saufen bis zum Umfallen, und dem Skin-Pogo, einem Tanz, bei dem sie sich gegenseitig anspringen.

SPIEGEL: Der Hang zum Reinschlagen ist in Großbritannien offensichtlich noch stärker als bei den deutschen Fans. Steht uns der Höhepunkt der Gewalt denn noch bevor?

WIETELMANN: Wir fürchten, ja. Noch hat der Thatcherismus eine andere Qualität als die bundesrepublikanische Wende. Auf der Insel gibt es ja Städte mit Massenarbeitslosigkeit unter Jugendlichen in der zweiten Generation. Doch die Skins hierzulande ziehen kräftig nach. Was die Schwarzen, Inder und Pakistani auf der Insel sind, sind hier die Türken und wieder: die Juden.

SPIEGEL: Juden?

LANGE: Klar, Jude. Jude ist in diesen Kreisen längst wieder ein Schimpfwort. Vor allem gegen die Schiedsrichter. Das sind immer »die Juden«. Ich habe aber auch mit Skins gesprochen, die wußten etwa, welches US-Regierungsmitglied jüdischen Glaubens ist, und den lehnten sie dann total ab. Viele von ihnen haben ein einfaches, aber festgefügtes Weltbild: Zionismus und Kommunismus muß man ausmerzen.

SPIEGEL: Nimmt die Zahl der Rechtsradikalen unter den Fans zu?

NEUFELDT: Der Großteil der Fans ist eigentlich in Ordnung und hält sich für absolut unpolitisch.

SPIEGEL: Aber?

WIETELMANN: Aber seit Jahren werden Naziparolen an den Wänden und in Sprechchören mehr. Wenn Sie sich allein die Aufnäher auf den Jacken der Fans ansehen, nationalistischer geht es kaum, und die trägt mittlerweile jeder. Da muß nur mal 'ne stramme Organisation kommen, und die Saat geht auf. Da werden dann nicht nur die Skins folgen.

LANGE: Nebenbei, wenn wir zum Beispiel den Schumacher sehen, wie der, eine Hand auf dem Herzen, die Augen geschlossen, vor jedem Länderspiel die Nationalhymne singt, dann wird uns auch ganz anders. Der DFB hat ja den Spielern auferlegt, kräftig mitzusingen. Die sollten sich mal überlegen, wie das hier bei unseren Fans ankommt. Die stehen dann in der Kurve und grölen die erste Strophe: Deutschland, Deutschland über alles!

SPIEGEL: Wie ist die Unterstützung der Polizei für die Betreuungsarbeit des Fan-Projekts?

LANGE: Die Verständigung mit der Polizei ist hier in Hamburg gut. Da sitzen vernünftige Leute.

SPIEGEL: In anderen Städten ist die Polizei nicht so vernünftig?

NEUFELDT: Bestimmt nicht. Spätestens wenn Sie nach Bremen kommen, merken Sie das. Was sich die Polizei dort regelmäßig leistet, ist, gelinde gesagt, reichlich problematisch. Man könnte fast sagen: die reinste Prügeltruppe. Es gibt halt verschiedene Polizeistrategien, wie man mit »Störern« umgehen soll ...

LANGE: Deshalb sind wir auch so sauer auf die Studie von dem Salewski zur Gewalt im Stadion.

SPIEGEL: Sie meinen den ehemaligen Münchner Polizeipsychologen, der im Auftrag von »Jägermeister« die Fan-Szene untersucht hat.

NEUFELDT: Untersucht? Der ist doch von keinerlei Sachkenntnis beleckt, der Mann. Grob gesagt fordert der doch: Nehmt die Rädelsführer fest, und das Problem erledigt sich von selbst. Alkohol spielt nach seiner Meinung keine Rolle, Jugendarbeitslosigkeit nicht und erst recht nicht Rechtsradikalismus - ein Standpunkt, den so nicht mal die Polizei einnimmt. Das riecht doch sehr nach Auftragsarbeit.

LANGE: Immer neue Hundertschaften Polizei und Käfige in den Stadien bringen gar nichts. Das ist bloßes Reagieren. Auch Herr Salewski muß Skins als Jugendliche begreifen, die auf Identitätssuche sind, und darf nicht nur nach Rädelsführern fahnden wollen. Da muß man ansetzen, aber nicht nur mit den armseligen vier Mann des Fan-Projekts. Sonst stellt man die Skins weiter als Unverbesserliche in eine Ecke, aus der sie keiner mehr rausholen kann.

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