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»WIR SIND SCHWARZ, STOLZ, STARK«

aus DER SPIEGEL 43/1968

Die schwarzen Sieger kommen aus dem Olympiastadion wie aus einem gewonnenen Krieg. Was die gazellenflinken Hindernis-Renner aus Kenia, die Sprinter aus den Negervierteln der USA in Mexiko auf der Aschenbahn suchen, Ist nicht ein Wettstreit von Individuen, für den IOC-Präsident Avery Brundage noch immer die Olympischen Spiele ausgibt. Sie dürstet nach dem Kampf des schwarzen Mannes gegen den weißen Mann, dem nicht Verbrüderung folgt, sondern Abrechnung.

Der schwarze Dolmetscher der kenianischen Hindernisläufer Biwott und Kogo schneidet alle Fragen an seine zwei Herren, die voll düsteren Stolzes in ihren Plastiksesseln Lehnen, einfach ab und verliest eine Erklärung an die Weltpresse: Alles, aber auch wirklich alles zur Vorbereitung dieses afrikanischen Triumphes sei von den Männern Kenias ohne fremde Hilfe geleistet worden. Mit einer Handbewegung beendet er die Konferenz, in der man in gutturalen afrikanischen Lauten immer wieder den grimmigen Refrain der Emanzipation vernommen hatte. » Wir sind schwarz, wir sind stolz, wir sind stark.«

Obwohl man Südafrika vom olympischen Plan verbannt hat, kehrte der Rassenzwist in der ersten Woche der Spiele von Mexiko ganz offen in die Arena ein und mit ihm zum erstenmal eine politische Demonstration. Der Aufstand der schnellen schwarzen Männer vollzog sich auf Socken. Tommie Smith, Olympiasieger über 200 Meter, und sein gleichfarbiger Freund John Carlos, Olympia-Dritter auf der gleichen Strecke, zeigten einem pfeifenden Publikum, wie man das macht, und gaben ein Beispiel für die Athleten der über hundert weiteren Nationen, mit ihren politischen Problemen auch nicht hintanzuhalten.

Sobald der IOC-Marquess of Exeter, rot-weiß-gekleideter Veteran aus der Ära der olympischen Kavaliere, an seinen Krückstöcken mit den Medaillen vor sie hintrat und die Kapelle das »Star-Spangled Banner« blies, hoben sie eine Hand im schwarzen Handschuh und ballten sie langsam zur Faust -- Symbol nicht des Kommunismus, sondern der schwarzen Macht. Denn Tommie und John handeln hier wider Erwarten für die Neger-Bewegung »Black Power«. Sie sind nicht zur höheren Ehre des Sternenbanners angetreten, sondern im Namen ihrer Rasse, die unter diesem Banner gleiches Recht nicht findet.

»Wir gelten soviel wie ein Arbeitstier«, sagt Carlos, ein nervöser Hüne mit Spitzbart, später zu hundert Journalisten. die ihn umfingen. »Wenn ich's gut mache, werde ich gestreichelt und mit Erdnüssen gefüttert, und sie sagen plötzlich Boy zu mir ... ich habe es satt.« Er rückt seinen hellblauen Sonnenhut schief auf den Krauskopf und prophezeit: »Von jetzt an gewinnen die schwarzen Leute, die Afrikaner, die Medaillen. Erinnert euch daran 1972 in München.«

Sie drängen sich aneinander wie zwei ins Licht entlassene Galeerensklaven und nutzen das Aufsehen der Welt, das sich ihnen volle zehn Minuten lang zuwendet. Zum Zeichen, daß dies das eigentlich Interessante an seinem Sieg gewesen sei, verschenkt John Carlos anschließend seine Medaille an seine Frau. Nie wieder, sagt er, wolle er an Olympischen Spielen teilnehmen. Daß er ein Profi werden möchte, davon sagt er allerdings nichts.

Denn neben der Freiheit, das Ohr so vieler zu erreichen, bringt der olympische Erfolg ja gewisse geschäftliche Möglichkeiten, die sich weniger leicht mit Füßen treten lassen als die olympischen Regeln. Deshalb auch hatten die beiden, als sie aufs Podium stiegen, zwar getreu den Regeln der »schwarzen Macht« die Schuhe von ihren schwarzbestrumpften Füßen gestreift, aber einen Schuh behielten sie in der Hand, die nicht zur Faust geballt werden mußte. Und bevor sie ihre politische Entschlossenheit demonstrierten, zeigten sie schnell aller Welt noch den schönen deutschen Sportschuh, dessen freigebigem Hersteller sie damit sicher einen Gefallen erwiesen.

Das IOC entdeckte keinen Weg, sie zu bestrafen. Nicht so das US-Team. Es schloß die schwarzen Außenseiter kurzerhand aus und schickte sie nach Haus.

Ernst Hess

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