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»Wirkt wie eine chemische Kastration«

Wirkungen und Nebenwirkungen der als Dopingmittel verwendeten »anabolen Steroide« *
aus DER SPIEGEL 40/1988

Ben Johnson, 26, hat sich mit einem Pharma-Oldie gedopt, das älter ist als er selbst: In den fünfziger jahren wurden die »Anabolika« erstmals synthetisiert, seit 1960 ist »Stanozolol« im Handel. In Deutschland vertreibt die Pharma-Firma Winthrop seit 1961 dieses »anabole Steroid« unter dem Markennamen »Stromba«, 25 Tabletten oder eine Spritze zu 21,95 Mark.

Große Geschäfte sind damit nicht mehr zu machen. Winthrop meldet nur noch »symbolische Umsätze«. Auch die anderen Anabolika-Fabrikanten sind mit dem Geschäft nicht zufrieden. In Krankenhäusern und Arztpraxen wird die Droge kaum noch verordnet. Scharf auf Anabolika sind nur noch die Bodybuilder und die Spitzensportler.

Ursprünglich sollten die Substanzen im Körper von Kranken die Synthese von Eiweiß anregen und in Muskeln eine aufbauende ("anabole") Wirkung entfalten. Man verordnete sie Krebskranken und Patienten in der Rekonvaleszenz, bei Knochenschwund und Eiweißmangel. Die Nebenwirkungen der Anabolika übertreffen jedoch häufig die erstrebte Hauptwirkung. »Das sind Pharma-Antiquitäten«, urteilt Ulrich Moebius, der Herausgeber des unabhängigen »Arznei-telegramm«, »die gehören alle unter Verschluß.«

Die in Deutschland rezeptpflichtigen Präparate sind chemische Abkömmlinge des männlichen Sexualhormons Testosteron, das Liebeslust und Potenz steuert. Wird das Molekül in der Retorte variiert, so tritt diese Eigenschaft zurück. Der Kölner Biochemiker Manfred Donike, der die Nachweismethoden für »Stromba« in den letzten Jahren beträchtlich verfeinert hat, urteilt über Johnsons Droge: Sie »wirkt wie eine chemische Kastration«.

Den Libido- und Potenzverlust samt der Verkleinerung der Hoden nehmen die Athleten in Kauf, weil Anabolika zugleich die »Erweiterung des Muskelquerschnitts« fördern - Voraussetzung für die Verbesserung von Kraft und Grundschnelligkeit.

Der Zuwachs wird teuer bezahlt. Wahrheitsgemäß räumt »Stromba«-Produzent Winthrop ein, daß nicht nur die Samenbildung gehemmt wird. Der Konsument müsse auch mit Kopfschmerzen, Muskelkrämpfen und Magen-Darm-Beschwerden rechnen. Die Stimmung könne zwischen Euphorie und grundloser Traurigkeit schwanken. Schließlich solle bei »Langzeitbehandlung beachtet werden, daß anabole Steroide möglicherweise die Entstehung von Lebertumoren hervorrufen oder fördern können« - ein tödliches Schicksal, das einige gedopte Ostblock-Athleten nachweislich bereits ereilt hat.

Besonders übel spielen Anabolika den Sportlerinnen mit. Busen und Unterhautfettgewebe schwinden, die Regelblutung wird schwächer und bleibt schließlich aus. Nicht nur äußerlich vermännlichen die gedopten Frauen. Ihre Stimme wird tief, auf Oberlippe und Beinen wachsen dichte Haare, auf dem Kopf fallen sie aus.

Der drohende Verlust der weiblichen Identität durch Anabolika-Doping wird durch die »krankhafte Vergrößerung der Klitoris« (so der deutsche Hormonexperte Hans Kuno Kley) signalisiert: Der Kitzler wird zum kleinen Penis - und bleibt es auch nach dem Absetzen der Drogen. Äußerlich ohne weibliche Attribute und den Männern immer ähnlicher, innerlich durch die Hormongaben »schrecklich sexualisiert und geil« (eine prominente deutsche Leichtathletin vor der Olympiade in Los Angeles 1984), opfern Sportlerinnen dem Sieg nicht nur vorübergehend Identität und Gesundheit.

»Diese Art Doping ist wirklich ein Verbrechen«, meint Fahnder Donike. Nachweisbar ist es jedoch nur, wenn wenige Tage (bei »Stromba«-Tabletten sind es acht) oder Wochen nach der Einnahme der Urin fachmännisch analysiert wird. Dabei lassen sich winzige Spuren des verwendeten Präparats und seiner Abbauprodukte nachweisen - derzeit bereits ein Milliardstelgramm. Rechtzeitiges Absetzen schützt vor der Entdeckung. So nahm die mit 26 Jahren verstorbene deutsche Siebenkämpferin Birgit Dressel neben 99 anderen Medikamenten nachweislich die Anabolika »Stromba« und »Megagrisevit« - erwischt wurde sie nie.

Prominente deutsche Sportärzte fürchten sich vor Anabolika und ihren Nebenwirkungen sowenig wie die Athleten. Professor Heinz Liesen, ärztlicher Betreuer der deutschen Hockey-Nationalelf, vermutet, daß es auch körpereigen produzierte Anabolika gäbe (Donike: »Vollkommen falsch"). Und noch vor wenigen Jahren hatte auch Joseph Keul, oberster Olympia-Arzt in Seoul - mittlerweile vom Pillen-Saulus zum Pillen-Paulus geworden -, an den Muskelmachern Gefallen gefunden. Keul damals: »Jeder, der einen muskulösen Körper haben und männlicher wirken möchte, kann Anabolika nehmen.«

Nur Ben Johnson nicht. _(SPIEGEL-Titel 37/1987. )

SPIEGEL-Titel 37/1987.

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