WM-Aus der Frauen Die große Leere

Enttäuscht, niedergeschlagen, ratlos: Die deutschen Fußballfrauen sind überraschend aus der WM geflogen - im Viertelfinale gegen Japan. Für einige ist es nicht nur das Ende eines Traums, sondern der bittere Abschluss einer erfolgreichen Karriere.

Von , Wolfsburg


Simone Laudehr kam als eine der letzten aus der Kabine. Mit versteinerter Miene, wie all die anderen deutschen Nationalspielerinnen vor ihr. Doch eine Idee für die Gestaltung des Sonntagnachmittags hatte auch sie nicht anzubieten, trotz verlängerter Bedenkzeit. "Mal ehrlich, was soll ich denn morgen zu Hause machen?", fragte die Mittelfeldspielerin vom FCR Duisburg ratlos in die Runde.

Der gewohnte Alltagsrhythmus aus Mahlzeiten, Trainingseinheiten, Presseterminen, Besprechungen, WM-Begegnungen und der Zugfahrt zum nächsten Spielort war durch das 0:1 nach Verlängerung gegen die wuseligen und plötzlich auch im Zweikampf nicht zimperlichen Japanerinnen jäh beendet worden. Nun folgte die große Leere.

Bei Laudehr und bei allen anderen. "Es ist surreal, was gerade geschehen ist", sagte Keeperin Nadine Angerer, die beim WM-Sieg vor vier Jahren ohne Gegentor geblieben war. Bei der Heim-WM kassierte die 32-Jährige vier Gegentreffer in vier Spielen. Bereits nach dem Viertelfinale war Schluss.

Festgewachsen auf dem Rasen

Manche der gestürzten Titelverteidigerinnen bekamen angesichts der abgrundtiefen Enttäuschung ihren Körper kaum in die Höhe, saßen auch eine knappe halbe Stunde nach Abpfiff noch wie festgewachsen auf dem Rasen des Wolfsburger Stadions. So wie Saskia Bartusiak, der die Siegtorschützin Karina Maruyama in der 108. Minute entwischt war - ehe die 28-jährige Japanerin die DFB-Elf, Hauptattraktion des Turniers, aus dem Wettbewerb schoss.

Fotostrecke

19  Bilder
Viertelfinal-Aus: Tränen und Verzweiflung in Wolfsburg
Um 23.35 Uhr kreuzte schließlich Team-Psychologe Arno Schimpf neben der blonden Innenverteidigerin auf, redete vorsichtig auf sie ein - und als letzte aus der in Schwarz und Weiß gekleideten Trauergemeinde schleppte sich nun auch Bartusiak unter die Dusche. Birgit Prinz war in dem Moment fast schon startklar für die Fahrt ins Hotel und für die letzte gemeinsame Übernachtung bei dieser WM. Die gestürzte Spielführerin hatte vergeblich auf eine Einwechslung gewartet, sie wird wohl - wie auch Ariane Hingst, eine andere Doppel-Weltmeisterin - nie wieder ein Länderspiel bestreiten.

Fotostrecke

14  Bilder
DFB-Einzelkritik: Verkrampft, verletzt, verloren
Schlag 0 Uhr tauchte die 33-jährige Angreiferin im stickigen Untergeschoss der Wolfsburger Arena auf. "Ich war fit und hätte gern gespielt. Die Trainerin hat sich anders entschieden, das akzeptiere ich", beschrieb Prinz das extrem glanzlose Ende ihrer glanzvollen internationalen Karriere trocken. "Ich bin total frustriert", erklärte Deutschlands Rekordnationalspielerin noch - nachdem sie zwei Tage zuvor mit ihrer bemerkenswert offenen und ehrlichen Pressekonferenz in der Turnhalle des alten VfL-Geländes zumindest abseits des Platzes für ein Highlight bei dieser Heim-WM gesorgt hatte.

Aus sportlicher Sicht war das Turnier, das eigentlich mit dem Titel-Hattrick für die DFB-Frauen enden sollte, für die Gastgeberinnen eine herbe Enttäuschung. Auch das von der Mannschaft etwas zu euphorisch bejubelte 4:2 gegen Frankreich vermochte das Team von Silvia Neid nicht in die erhoffte Spur zu bringen.

"Keine Ahnung, wie es jetzt weitergeht"

Stattdessen schied eine deutsche Frauen-Nationalelf erstmals seit zwölf Jahren bereits im Viertelfinale einer Weltmeisterschaft aus - so dass Fatmire Bajramaj, die als Werbestar des Teams angetretene Reservistin, Samstagnacht nur stammelte: "Keine Ahnung, wie es jetzt weitergeht. Das ist alles blöd heute. Und es ist unglaublich: Wir fahren nach Hause, während die WM für die anderen weitergeht."

Ein inhomogenes Bild gab das fast komplett mut- und einfallslose Ensemble von Silvia Neid dabei nicht nur auf dem Rasen ab. Auch der frühe Ausfall von Mittelfeldspielerin Kim Kulig nach nur vier Minuten stiftete in der ersten Nachbetrachtung reichlich Verwirrung. "Das war schon ein echter Schock für uns", sagte die Bundestrainerin: "Alle dachten zuerst, sie habe etwas am Kopf. Dann haben wir gesehen, dass es das Knie ist." Dann habe sie mit dem Arzt gesprochen. "Er sagte etwas von einem möglichen Kreuzbandriss. Und das spricht sich in der Mannschaft rum."

Sprach es sich aber offensichtlich nicht. "Ich hab' die Info gar nicht bekommen", erklärte Simone Laudehr, als sie gegen 1 Uhr nachts die grün beleuchtete Arena am Mittellandkanal verließ. Auch die kurz vor ihr passierende Torhüterin Angerer und Angreiferin Inka Grings erklärten, erst jetzt von der Kreuzbandriss-Schnelldiagnose erfahren zu haben.

"Wir sind unter unseren Möglichkeiten geblieben und haben es nicht geschafft, zu unserem Kombinationsspiel zu finden. Das war das, was ich mir von Anfang an gedacht habe", kommentierte - betont kühl - Birgit Prinz, die gegenüber den Kolleginnen zumindest einen kleinen Vorteil hatte. Denn "eigentlich", sagte sie, "habe ich mein Tief ja schon hinter mir".

insgesamt 5176 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
krafts 29.11.2010
1.
Zitat von sysopVom Sommermärchen 2006 schwärmen die Fans noch heute. Was bringt die nächste Fußball-WM in Deutschland? 2011 messen sich die besten Frauenteams der Welt. Kann das deutsche Team seinen Titel erfolgreich verteidigen? Wird die Stimmung so ausgelassen sein wie 2006?
Ich gehe mal davon aus, dass die Frauen-WM auch im eigenen Land nicht mit der von 2006 vergleichen kann. Auch bei vielen Fußballinteressierten wird sich das Interesse ziemlich in Grenzen halten.
Kanzla87 29.11.2010
2.
Zitat von kraftsIch gehe mal davon aus, dass die Frauen-WM auch im eigenen Land nicht mit der von 2006 vergleichen kann. Auch bei vielen Fußballinteressierten wird sich das Interesse ziemlich in Grenzen halten.
Aus welchem Grund?
Rockker, 29.11.2010
3.
Ein Wettbwerb aus der Kategorie *EIKS, aber dank den deutschen Medien wird er gehypt zu dem nächsten unsänglichen "Sommermärchen" wo die deutsche NM, alle Gegner sowieso mit 22:0 schlagen wird... *Eigentlich Interessiert Keine Sau
Flosse, 29.11.2010
4. Zu wünschen wäre es...
Zitat von sysopVom Sommermärchen 2006 schwärmen die Fans noch heute. Was bringt die nächste Fußball-WM in Deutschland? 2011 messen sich die besten Frauenteams der Welt. Kann das deutsche Team seinen Titel erfolgreich verteidigen? Wird die Stimmung so ausgelassen sein wie 2006?
Die Stimmung wird wohl kaum so ausgelassen sein wie 2006, weil es auch einfach viel kleinere Stadien sind. Das Medieninteresse wird da sein, aber ob die Fans so mitziehen? Zu wünschen wäre es. Ich fände es übrigens auch klasse, wenn mal die Herren-N-11 gegen die Damen-N-11 spielen würde. Vor vier Jahren waren die Frauen zumindest spielerisch überlegen...
CaptainSubtext 29.11.2010
5. !
Zitat von FlosseDie Stimmung wird wohl kaum so ausgelassen sein wie 2006, weil es auch einfach viel kleinere Stadien sind. Das Medieninteresse wird da sein, aber ob die Fans so mitziehen? Zu wünschen wäre es. Ich fände es übrigens auch klasse, wenn mal die Herren-N-11 gegen die Damen-N-11 spielen würde. Vor vier Jahren waren die Frauen zumindest spielerisch überlegen...
mmmmh. Wenn die Damenelf noch nicht mal in der Lage ist gegen eine Vereins-B-Jugend zu gewinnen, wieso.....?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.