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WM-Bilanz Ehre bitte nur, wem Ehre gebührt!

Erfrischende Spielerinnen, geistreiche Trainer und kauzige Geschichten: Die WM war ein wahres Fußballfest. Zudem beweist Japans Triumph: Auch bei den Frauen verringert sich der Abstand zwischen den Großen und den Kleinen. Bleibt nur ein einziges Ärgernis - dümmliches Dauerlob.

Es ist vollbracht, die Frauenfußball-Weltmeisterschaft ist zu Ende. Schon sehr bald werden wieder die Meldungen aus dem Männerimperium die Schlagzeilen bestimmen. Doch das ändert nicht das Geringste an der Feststellung, dass diese WM viel mehr Menschen Freude bereitet hat, als selbst die optimistischsten Beobachter es für möglich gehalten hätten.

Die zurückliegenden vier Wochen haben demjenigen, der bereit war, sich auf das Turnier einzulassen, schließlich vieles von dem geboten, was den Reiz großer Sportfeste ausmacht. Es gab - neben richtig schlechten - ein paar gute und einige sehr gute Spiele. Es gab Akteurinnen, die ob ihrer Qualität im Gedächtnis bleiben werden, Typen wie die erfrischende Nadine Angerer, die ansteckend freundliche Homare Sawa oder den geistreichen französischen Coach Bruno Bini.

Es gab die großen Geschichten von gestürzten Heldinnen, gedopten Spielerinnen und demontierten Prinzen. Und es gab viel zu schmunzeln - man denke nur an die vom Blitz getroffenen Nordkoreanerinnen und den "Kuss des Moschushirschen", als der nordkoreanische Verband positive Doping-Proben mit der Einnahme von traditioneller chinesischer Medizin zu erklären versuchte.

Insgesamt, um von der Weide auf den Rasen zurückzukommen, war es ein spannendes Turnier, an dessen Ende folgerichtig Siegerinnen stehen, mit denen vorher kaum einer gerechnet hatte. Hätten die USA das Finale gewonnen, wäre das alles andere als ein ungerechtes Ergebnis gewesen. Und dennoch hat sich am Ende das Team durchgesetzt, das insgesamt den besten Fußball gespielt hat.

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Triumph gegen die USA: Japan vom Punkt zum Titel

Foto: Michael Probst/ AP

Japan steht damit beispielhaft für eine Entwicklung, die mancher auch im Männerfußball beobachtet, die aber selten so augenfällig zu Tage trat wie in den vergangenen Wochen: Die vermeintlich "Kleinen" holen mit Riesenschritten auf, es ist längst nicht mehr nur eine Floskel, wenn der Favorit im Vorfeld einer Partie davor warnt, den Gegner zu unterschätzen. Wer's nicht glaubt, kann in Oslo nachfragen, oder beim DFB.

Selbst Teams mit klarem Außenseiterprofil wie Äquatorialguinea spielten gut mit - natürlich auch dank der guten Individualistin Genoveva Anonma. Deshalb sollte man nicht den Fehler machen, nun alle ewigen Wahrheiten des Fußballs beerdigen zu wollen. Natürlich sind auch weiterhin außergewöhnlich gute Spielerinnen und Spieler ein entscheidender Faktor über Sieg oder Niederlage. Und natürlich muss man schon mit Blindheit geschlagen sein, um nicht zu erkennen, dass Japan besser spielte als Nordkorea oder Australien, dass die USA oder Frankreich ein paar Jahre Entwicklungsvorsprung haben vor Neuseeland oder Äquatorialguinea. Das liegt in der Natur der Sache.

Auch im Männerfußball dürfte es Breidablik Kopavogur, ein Club aus der ehrenwerten ersten isländischen Liga "Pepsi deildin" schwerhaben, in absehbarer Zeit gegen Inter Mailand oder Manchester United zu bestehen. Aber auch Kopavogur hat die Chance, sich durch fleißiges Training und kompetente Übungsleiter Schritt für Schritt so zu verbessern, dass es eine Niederlage in erträglichem Rahmen halten kann. Wie es Neuseeland gegen England (1:2) oder Kanada gegen Deutschland (1:2) und vielen anderen vermeintlichen Underdogs gelang.

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Frauenfußball: Die WM in Bildern

Foto: Friso Gentsch/ dpa

Und Teams, die sowieso schon über ein gutes Potential verfügen, können gar Weltmeisterin werden, wie die Japanerinnen demonstrierten: Weil sie einen durchdachten Plan haben und wissen, wie der umzusetzen ist. Und weil sie über die Kraft und die Schnelligkeit verfügen, das dann auch über zwei lange Stunden zu tun.

Japan ist viel gelobt worden in den letzten Wochen. Und das zu Recht. Nur schade, dass generell so viel gelobt worden ist. Dabei kann guter Wille natürlich nie schaden, wenn man(n) über Frauenfußball berichtet. Die Frauen haben jahrzehntelang darunter gelitten, dass sie tun konnten, was sie wollten - die Vorurteile schienen unausrottbar. Das scheint sich erst mal grundsätzlich geändert zu haben - und wie so oft bei einem Paradigmenwechsel wird nun ins umgekehrte Extrem übertrieben.

Es gab bei dieser WM auch miserable Spiele, in denen sich Fehler an Fehler reihte. Das wurde in vielen Medien aber taktvoll hinweggelobt. Es gab schlimme individuelle Unzulänglichkeiten - gerade bei den Torhüterinnen. Hedvig Lindahls Fehler im Spiel gegen Japan erinnerten beispielsweise an demütigende Szenen aus dem Sportunterricht in der Grundschule - die Rede war jedoch gnädig von einer "unglücklichen Aktion" oder einer "Mitschuld am Gegentor". Zu viel Lob aber ist fatal, denn derjenige, der es wirklich verdient hat, fällt dann in der Symphonie des guten Willens nicht mehr auf. Mit welchen Worten soll man die hervorragende japanische Torhüterin Ayumi Kaihori bedenken, wenn man Frau Lindahl schon mit Lob überschüttet hat?

Man kann den Frauenfußball auf zweierlei Arten diskriminieren. Indem man ihn ignoriert. Und indem man ihn über den grünen Klee lobt. Das wird vor allem den Spielerinnen und den Teams nicht gerecht, die sich wirklich jedes Lob verdient haben. Und von denen gab es schließlich genug.

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