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Baseball Wo ist Joe?

Affären und Allüren sorgen für Frust unter den Fans des amerikanischen Nationalsports.
aus DER SPIEGEL 42/1993

Don Mattingly glaubte, ein Star zu sein. Also hielt der Baseball-Profi der New York Yankees eines seiner Trikots bereit und fragte seinen Sohn Taylor, 8, von welchem berühmten Spieler er gern ein Shirt hätte. »Michael Jordan«, sagte der Junior und kaufte sich die Ausrüstung seines Basketball-Idols vom Taschengeld selbst.

Baseball, weiß Don Mattingly seitdem, hat »kein gutes Image mehr«. Im Verdrängungswettstreit mit den weltweit prosperierenden Konkurrenten Basketball, Football und Eishockey hat sich das behäbige Schlagballspiel offenbar überlebt. Sogar Fußball, jammert Mattingly, spiele sein Sohn lieber.

Den Tod des amerikanischen Nationalsports sieht Sports Illustrated nahen - und beweint das Fehlen eines vor 42 Jahren zurückgetretenen Volkshelden: »Wo bist du, Joe DiMaggio?« Das New York Times Magazine bat verzweifelt die Nation um Milde im Urteil: »Stop blaming Baseball.«

Zwar konnte in diesem Jahr der rapide Zuschauerrückgang gestoppt und das Stadion mit Discount-Tickets als Picknickplatz _(* Meisterschaftsfinale 1992 Atlanta ) _(gegen Toronto. ) erhalten werden. Doch die durchschnittlichen Einschaltquoten fielen in vier Jahren von 5,1 auf 3,4 Prozent; besonders Teams der Metropolen, Cincinnati Reds oder New York Mets, gerieten in tiefe Krisen. »Die Geschichte, die Amerika der Welt erzählt«, wie der Liga-Chef Bartlett Giamatti schwärmte, scheint traurig zu enden.

Fernsehen und Werbung haben zu neuem Freizeitverhalten erzogen. In der Dekade des Zappings trifft der Konkurrent Basketball eher den Zeitgeist - jede Minute ein Dunking, das ist der Rhythmus des Lebens. Shaquille O''Neal oder Charles Barkley sind als Ikonen der Jugend installiert, mit ihnen erzielen die Turnschuh-Firmen Millionen-Umsätze. Baseball nutzt Nike nicht, denn die Stiefel mit den Noppen taugen nicht als Kultobjekt der Kids von Harlem bis Hamburg. So stirbt dem immergleichen Duell zwischen Werfer und Schläger der Nachwuchs weg.

Basketball wird vorwiegend von Schwarzen für weiße Klub-Besitzer und weißes Publikum zelebriert. Die Hallen, da spielt Los Angeles altes Rom, heißen Forum oder Coliseum.

Baseball aber spielen Weiße für Weiße. Rassismus kommt so offen zum Ausdruck, daß Amerika sich abwendet. Sie verpflichte »lieber einen dressierten Affen als einen Nigger«, ließ Marge Schott, Chefin der Cincinnati Reds, wissen.

Zudem beschädigen die Profis fortwährend ihr Ansehen. Die Mets entließen Vince Coleman, der Fans mit Knallkörpern angegriffen hatte; sie gaben Anthony Young, der 27 Niederlagen in Folge verursacht hatte, an das eigene Nachwuchsteam ab. Doch wie fast jedes Jahr droht die Spieler-Gewerkschaft mit Streiks, um noch höhere Gagen durchzusetzen. 55 Prozent der US-Bürger halten die 660 Baseball-Profis, die im Schnitt 1 116 353 Dollar verdienen und meist nach nur einer Saison den Arbeitgeber wechseln, für habgierig.

Den 28 Klubs der Major League fällt es immer schwerer, die Forderungen zu erfüllen. Weil der Fernsehsender CBS mit einem Vierjahresvertrag 500 Millionen Dollar verlor, werden den Vereinen keine Garantiesummen mehr gezahlt. In diesem Jahr haben NBC und ABC lediglich eine Beteiligung an den Werbeeinnahmen zugestanden.

Altstars wie Buddy Selig, heute Inhaber der Milwaukee Brewers, erleben den Niedergang als »Kulturschock« und beschwören die gute alte Zeit.

War nicht Joe DiMaggio, der es zur Ehe mit Marilyn Monroe brachte, der Größte? Oder doch eher Babe Ruth, der 60 Home Runs schaffte (1927) und die Siegesfeiern beendete, indem er »alle Damen, die nicht mit mir vögeln möchten«, nach Hause entließ? Und was ist mit Joe Sprinz? Der wollte 1930 einen Ball fangen, der aus einem Zeppelin in 250 Metern Höhe abgeworfen wurde, vergaß aber zu berechnen, daß die Kugel gut 240 Stundenkilometer schnell sein und ihm folglich den Kiefer zertrümmern würde.

Heute versucht die Liga den Sprung in die Moderne mit Imitaten: Eine Playoff-Runde und Wettbewerbe, die den kräftigsten Schläger ermitteln, sollen das Publikum zurückbringen - mit ähnlichen Programmen hatten auch die Basketballer angefangen.

Nur leider, klagt Selig, sei selbst einer wie Don Mattingly, der kurz vorm Fangen des Balles den Kindern in der ersten Reihe das Popcorn klaut, kein Barkley des Baseballs: »Wir haben keine Helden mehr.« Keith Hernandez, Darryl Strawberry und Jose Canseco sollten zu neuen Heroen aufgebaut werden. Doch der erste nahm Kokain, der zweite trank, der dritte fuhr dreimal so schnell wie erlaubt und hatte ein Schießeisen im Auto.

Die Seattle Mariners müssen es geahnt haben. Die haben sich selbst nach Japan verkauft - nun regiert der Videomulti Nintendo. Y

* Meisterschaftsfinale 1992 Atlanta gegen Toronto.

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