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TRABRENNEN / WELTMEISTERSCHAFT Zehn Tage für Zocker

aus DER SPIEGEL 18/1970

Auf der Saratoga-Rennbahn in New York erloschen die Lichter. Nacheinander erfaßte ein Scheinwerfer-Kegel acht Trabrenngespanne. Dazu röhrte aus den Lautsprechern achtmal eine Nationalhymne -- die amerikanische zweimal.

Zum erstenmal trabten im April die acht besten und teuersten Berufsfahrer -- ohne Gage -- in 25 Rennen auf sieben Bahnen in den USA und Kanada um die Weltmeisterschaft, zwei Amerikaner und je einer aus Kanada, Australien, Neuseeland, Italien, Österreich und der Bundesrepublik.

Der Geschäftsführer des Recklinghäuser Trabrennvereins, Werner Korte, hatte die amerikanischen Veranstalter für den werbeträchtigen Plan gewonnen. Jahrelang waren die Traber in der Bundesrepublik im Schatten des glanzvolleren Galoppsports einhergezuckelt. 1959 trabten nur noch 2700 Renner, für die im Schnitt 2800 Mark an Rennpreisen bereitstanden. Die meisten Besitzer zahlten zu.

Dann entdeckten die Stars den Trabersport. Immer häufiger spannten die Veranstalter Schauspieler oder Sportler ein. Curd Jürgens und Heintje ließen Traber laufen. Kaffee-Millionär Max Herz kaufte die Hamburger Rennbahn Farmsen.

Von den elf bundesdeutschen Bahnen bauten vier klimatisierte Tribünen; einige stellten Wettautomaten auf. Während die Wetter beim Deutschen Galopp-Derby oft 15 Minuten und länger auf die Quoten warten müssen, rechnet sie etwa das Münchner Elektronen-Toto in spätestens fünf Minuten aus. In Gelsenkirchen liefern Eltern ihre Kinder im Rennbahn-Kindergarten ab.

Hurtig überholten die Bundestraber die galoppierende Konkurrenz. 1968 kassierten die Trabveranstalter 130 Millionen Mark, mehr als die bundesdeutsche Filmindustrie umsetzte. Im letzten Jahr setzten Wetter (Fachjargon: Zocker) die Rekordsumme von 150 Millionen Mark auf Trabrenner. Der Wettumsatz der Galopp-Branche betrug nur 50 Millionen Mark.

Die Veranstalter drängten zur weiteren Expansion. Die schnellsten Traber Europas und Amerikas kämpften gegeneinander. Live-Übertragungen im Fernsehen stachelten die Wettlust an. Nach dem Muster der Fußball-Verbände wollten die Traber-Organisatoren nun auch durch Europa- und Weltmeisterschaften Prestige und Einnahmen erhöhen.

Als Qualifikation für die Rennen um den Weittitel veranstaltete Recklinghausen zu Ostern die erste Europameisterschaft. Elf europäische Spitzen-Fahrer zogen 18 132 Zuschauer an, mehr als je zuvor die Rennbahn an einem Tag besucht hatten. Hans Frömming, mit nahezu 5000 Siegen erfolgreichster Fahrer der Welt, frohlockte: »Endlich sind wir Traber da, wo andere Sportarten auch sind.« Der deutsche Meisterfahrer Eddy Freundt siegte.

Bei der Weltmeisterschaft stellten US-Besitzer die Pferde, um die dann die Fahrer vor dem Start losten. »Jeder kann gewinnen«, behauptete der spätere kanadische Sieger Herve Filion, der mit 407 Siegen in einem Jahr den Weltrekord hält, »wenn er Glück beim Losen hat.« Jede Placierung brachte bestimmte Punktzahlen ein, die für die Gesamtwertung addiert wurden.

In Detroit verwetteten 15 813 Zuschauer 3,1 Millionen Mark, in Philadelphia betrug der Wettumsatz sogar 4,1 Millionen. Doch die Europäer besaßen nur scheinbar Chancen auf die Weltmeisterschaft, die ihren Kurswert in Europa gesteigert hätte.

Sie vermochten sich bei sieben Renn-Veranstaltungen in zehn Tagen nicht an die unterschiedlichen Bahnen von Kentucky bis Montreal anzupassen. Außerdem waren einige Rennen Paßgängern vorbehalten .- Pferden, die wie Kamele mit Vorder- und Hinterhand auf einer Seite zugleich vorwärts greifen. In Europa werden sie disqualifiziert. So placierten sich die fünf Übersee-Teilnehmer vor den Europäern. Freundt, der einzige Deutsche, geriet schon im ersten WM-Rennen in eine Karambolage. Er blieb Letzter der Gesamtwertung.

»Klar erkennbar«, triumphierte unverdrossen die »Deutsche Traberzeitung«, »das Jahr 2000 hat bereits begonnen.«

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