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SKISPRINGEN »Zehn Tage unter Strom«

Doppel-Olympiasieger Simon Ammann über die bevorstehende Vierschanzentournee, seine Suche nach konstanter Form und die Vergleiche mit der Romanfigur Harry Potter
Von Joachim Hoelzgen
aus DER SPIEGEL 52/2002

Ammann, 21, gewann im Februar in Salt Lake City überraschend olympisches Gold auf der Normal- und auf der Großschanze. Der Wirtschaftsgymnasiast, der noch auf dem Bauernhof seiner Eltern in Unterwasser (Kanton St. Gallen) lebt, wurde vergangene Woche zum Schweizer Sportler des Jahres gekürt. -------------------------------------------------------------------

SPIEGEL: Herr Ammann, was fasziniert Sie am Skispringen?

Ammann: Auch wenn es abgedroschen klingt: Ich fühle mich während des Sprungs wie ein Vogel. Ich bin mit elf Jahren zum ersten Mal von einer Schanze gehüpft, 30 Meter weit und mit Alpinski an den Füßen. Als die Luftwirbel in meinem Gesicht geprickelt haben, hat es »zoom« gemacht. Jahre später bin ich mal 218 Meter weit gesprungen, da habe ich einen Adrenalin-Kick bekommen - irre. Ich habe noch eine halbe Stunde später gezittert.

SPIEGEL: Es heißt, Skispringer müssen sensibel sein. Stimmt das?

Ammann: Ich habe Gefühl für den Wind. Wenn ich vom Schanzentisch abhebe, dann weiß ich sofort, ob der Sprung gut ist oder schlecht. Wenn wir in Sapporo springen, also auf Meereshöhe, spüre ich auch, dass die Luft dort viel dicker ist. In dieser Hinsicht bin ich sensibel. Aber charakterlich wohl eher nicht. Ich mag das Risiko. Schon als kleiner Junge bin ich auf unserem Bauernhof mit dem Trecker schräg am Hang gefahren - das war eine Mutprobe.

SPIEGEL: Damit entsprechen Sie dem Bild des wilden Naturburschen, das von Skispringern gern gezeichnet wird.

Ammann: Ohne Mut geht es nicht, aber im Skispringen spielt auch Routine eine große Rolle. Sicher ist es etwas verrückt, von einer Schanze zu springen, aber ich finde zum Beispiel Bungee-Springen viel verrückter.

SPIEGEL: Seit Ihrem ersten Olympiasieg gelten Sie wegen der angeblichen Ähnlichkeit mit dem Zauberlehrling als »Harry Potter der Lüfte«. Gefällt Ihnen dieses Image?

Ammann: Natürlich. Ich habe die Möglichkeiten, die sich mir dadurch geboten haben, ja auch genutzt. Harry Potter ist eine berühmte Romanfigur, das hat mir vor allem in Amerika geholfen. Ohne Harry Potter wäre ich bestimmt nie in die Show von David Letterman eingeladen worden.

SPIEGEL: Letterman hat Sie dem Publikum als »Swiss Helicopter« vorgestellt.

Ammann: Das fand ich originell und witzig. Denn der Vergleich mit Harry Potter ist ja eigentlich völlig falsch.

SPIEGEL: Inwiefern?

Ammann: Beim Skispringen gibt es keine Zauberei. Ich habe mir meinen Erfolg hart erarbeitet. Außerdem habe ich noch kein Potter-Buch gelesen und auch keinen der Filme gesehen.

SPIEGEL: Immer häufiger ist im Profisport das Image wichtiger als die sportliche Leistung. Der deutsche Privatsender RTL preist das Skispringen als »Formel 1 des Winters«. Können Sie mit diesem Slogan etwas anfangen?

Ammann: Ich war im Sommer beim Grand-Prix-Rennen in Hockenheim. Und ich muss sagen: Zwischen dem, was dort abging, und dem Skispringen liegen noch Welten. In der Formel 1 ist alles sehr viel professioneller. Ich will nicht böse sein, aber wir haben etwa in Norwegen schon in so schlechten Unterkünften wohnen müssen, das war bei weitem nicht Formel-1-Standard. Andererseits ist es gut, wenn sich das Skispringen eine gewisse Volksnähe bewahrt - dieser Grand-Prix-Zirkus ist schon ziemlich abgehoben.

SPIEGEL: Am kommenden Wochenende beginnt in Oberstdorf die Vierschanzentournee. Die Einschaltquoten werden sich dann auf Formel-1-Niveau bewegen. Hat das für Sie eine Bedeutung?

Ammann: Wir Springer stehen im Fokus der Öffentlichkeit wie zu keinem anderen Zeitpunkt im Jahr. Die Anspannung unter den Athleten ist wahnsinnig groß, man steht zehn Tage unter Strom. Ständig will jemand etwas von dir, irgendeiner ruft immer deinen Namen. Das zehrt an den Nerven. Aber mich motiviert der Rummel. Da, wo die meisten Menschen zugucken, die Einschaltquoten hoch sind, da will ich gut sein.

SPIEGEL: In den ersten drei Wochen des Weltcup-Winters haben Sie sich - vornehm ausgedrückt - mit Ihren Leistungen zurückgehalten. Haben Sie Angst, die Erwartungen Ihrer Landsleute nicht zu erfüllen?

Ammann: Die Erwartungen anderer Menschen interessieren mich nicht. Egal, was sie über mich sagen, schreiben oder denken. Ich will mir selber beweisen, dass ich keine Eintagsfliege bin - nicht anderen. Ich will bei der Vierschanzentournee weit nach vorne springen, mindestens in die Top Ten. Und eine Medaille bei den Weltmeisterschaften im Februar in Val di Fiemme wäre ein Traum.

SPIEGEL: Für einen Doppel-Olympiasieger klingt das relativ bescheiden.

Ammann: Schon möglich. Aber ich weiß, dass ich noch kein fertiger Skispringer bin. Martin Höllwarth, der den Weltcup zurzeit anführt, ist 28 Jahre alt, er war schon bei Olympia 1992 in Albertville dabei. Ich bin 21, mir fehlt noch die Konstanz. Ich springe eine Woche gut und in der nächsten schlecht. Einen Top-Mann wie Adam Malysz zeichnet aus, dass er permanent gute Leistungen bringt - egal, ob es schneit oder windig ist, warm oder kalt. Da will ich hin.

SPIEGEL: Für den Laien ist es schwer nachvollziehbar, warum in jeder Saison ein anderer Skispringer die Konkurrenz über Wochen dominiert - und dann plötzlich zurückfällt. In kaum einem anderen Sport sind Prognosen so schwierig wie in Ihrem Gewerbe. Woran liegt das?

Ammann: Ein guter Sprung ist die Summe von ganz vielen Details. Im Skispringen machen Winzigkeiten, etwa in der Körperhaltung, wahnsinnig viel aus. Hier zwei Zentimeter, dort eine Handbreite. Und es gibt keine zwei Sprünge, die gleich sind. Man hat unterschiedliche Gefühle, unterschiedliche Eindrücke.

SPIEGEL: Liegt ein guter Sprung jenseits technischen Erklärungsvermögens?

Ammann: Das könnte man meinen, aber alles ist erklärbar. Die Kunst ist es, dieses gigantische Puzzle zusammenzubringen.

SPIEGEL: Sven Hannawald hat vergangenes Jahr als erster Springer überhaupt alle vier Wettbewerbe der Vierschanzentournee gewonnen. Haben Sie dieses Bravourstück jemals für möglich gehalten?

Ammann: Sicher, warum nicht? Seit ich ein Kind war, habe ich jedes Jahr aufs Neue gehört, dass es noch niemand geschafft hat, alle Springen zu gewinnen. Und immer, wenn ich zum Auftakt der Tournee nach Oberstdorf gereist bin, habe ich mich gefragt: Schafft es dieses Mal einer, den Rekord zu knacken? Was Hannawald geleistet hat, war sagenhaft. Er ist jetzt ein Mythos. Aber ich bin ehrlich gesagt auch ein bisschen traurig. Ich habe immer davon geträumt, dieses Wunder zu vollbringen.

SPIEGEL: Hannawald und sein Landsmann Martin Schmitt betonen, dass sie letztlich Einzelkämpfer sind. Empfinden Sie das genauso?

Ammann: Prinzipiell springe auch ich nur für mich. Ich habe zwei Versuche pro Wettkampf, und die will ich möglichst perfekt hinbekommen. Wie viele Kontrahenten ich hinter mir gelassen habe, sehe ich, wenn die Ergebnisliste da ist. So betrachtet bin ich ein Einzelkämpfer.

SPIEGEL: Gibt es persönlichen Kontakt zu Springern anderer Nationalität?

Ammann: Kaum. Ich würde gern mal mit Martin Schmitt oder Janne Ahonen ein Bierchen trinken, ich bin für so was immer zu haben. Es wäre gut für die Stimmung, wenn der Austausch untereinander besser wäre. Aber der einzige Deutsche, der öfter vorbeikommt, ist Christof Duffner. Nein, auf Kameradschaft wird in meiner Branche wenig Wert gelegt.

SPIEGEL: Sie gehen eben einem Beruf mit harter Konkurrenz nach.

Ammann: Ich sehe Skispringen nicht als Beruf und Training nicht als Arbeit. Es ist meine Leidenschaft.

SPIEGEL: Von der Sie immerhin gut leben können. Manche behaupten gar, Sie hätten nach dem Doppel-Olympiasieg ausgesorgt.

Ammann: Kommt ganz darauf an, wie sparsam ich lebe. Ich habe beschlossen, nicht blind jedes Angebot anzunehmen. Ich will mir eine gewisse Originalität und Freiheit bewahren, mich nicht von anderen vereinnahmen lassen.

SPIEGEL: Einen Fernseher haben Sie sich aber inzwischen gekauft?

Ammann: Nein, wir hatten auf unserem Bauernhof bislang keinen. Und die Olympiasiege sind bestimmt kein Grund, jetzt einen anzuschaffen.

INTERVIEW: MAIK GROSSEKATHÖFER,

JOACHIM HOELZGEN

* Bei der Siegerehrung mit Sven Hannawald und Adam Malysz am10. Februar in Salt Lake City.

Maik Grossekathöfer
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