Zur Ausgabe
Artikel 53 / 85

TENNIS / DAVISCUP Zeit und Zufall

aus DER SPIEGEL 31/1970

In einer Sportart herrscht das Establishment unbedrängt und unbeschränkt: im Tennis. Die Spitzenspieler von 1960 lobben und schmettern noch immer für Deutschland.

Mit Erfolg: Wilhelm Bungert, 31, Christian Kuhnke, 31, und Ingo Buding, 28, kämpften sich im Daviscup, der Weltmeisterschaft für Tennis-Nationalmannschaften, gegen die Sowjet-Union in die Interzonenrunde. Ein Sieg gegen Indien (1. bis 3, August) verhülfe den älteren Herren der deutschen Rangliste zum erstenmal seit 32 Jahren wieder in das Interzonen-Finale; dessen Sieger darf den von allen Ausscheidungen befreiten Pokalverteidiger USA herausfordern.

Bisher hatten alle hochgespannten Hoffnungen den Deutschen im Daviscup nur Enttäuschungen eingetragen. Das Endspiel des bedeutendsten Tennis-Wettbewerbs erreichten sie nie.

Schon im zweiten Anlauf, 1914, war die deutsche Equipe in die Vorschlußrunde eingedrungen. Ihre Tennis-Reise in die USA dauerte vier Jahre. Nach ihrer Niederlage gegen Australien brach der Erste Weltkrieg aus. Während der Rückfahrt entführte ein britisches Prisenkommando die beiden deutschen Spieler auf der Höhe von Gibraltar von einem italienischen Dampfer.

Als die Deutschen 1932 in das Interzonen-Finale vorstießen, verfügten sie nur über einen Spieler von Weltrang, Daniel Prenn. Deutschland verlor gegen die USA 2:3. Für 1933 hegte Tennis-Deutschland besonders hochgespannte Erwartungen. Denn Gottfried von Cramm hatte neben Prenn gleichwertige Spielstärke erlangt. Doch Hitler stellte alle Nichtarier abseits. Prenn emigrierte.

Als vollwertiger Partner von Cramms spielte sich Heinrich Henkel erst 1937 in die Weltspitze. Da filzte die Gestapo unmittelbar nach einer Turnierreise das Gepäck von Cramms. Sie entdeckte Karikaturen von Nazi-Machthabern. Der Baron verschwand ein Jahr im Gefängnis. Deutschland blieb abermals im Interzonen-Finale stecken.

Auf die nächste Chance warteten die Anhänger in Deutschland 28 Jahre. Inzwischen waren Bungert und Kuhnke aus dem Tennis-Jahrgang 1939 herangereift. Sie mußten 1966 in der Interzonen-Runde in Neu-Delhi antreten, auf ungewohnten Grasplätzen, bei einer Hitze von 40 Grad.

Eine aufgeputschte Menge schrie; »Bungert go home.« Bungerts Aufschläge begleiteten die Fans mit rhythmischem Gebrüll: »Doppel-Fehler.« Tatsächlich unterliefen Bungert 18 Fehlpunkte beim Aufschlag. Der indische Oberschiedsrichter Schamscher Singh ließ die Störaktionen als »landesüblich« gelten. Die Deutschen verloren.

In Deutschland zeigte sich kein gleichwertiger Nachfolger für den Wimbledon-Finalisten Bungert. Nun hatte der deutsche Spitzenspieler 1964 in Hochdahl bei Düsseldorf einen Sportartikel-Großhandel begonnen, der ihm bald Jahresumsätze von mehr als einer Million Mark eintrug, aber bis zum Frühjahr auch oft 14 Arbeitsstunden täglich.

Erst von April an trainierte Bungert. Der erste Daviscup-Termin fällt jedoch schon in den Mai. So hing der Erfolg der Deutschen vom Zufall bei der Auslosung der Gegner und von der Zeit ab, die Bungert blieb, um seine Form zurückzugewinnen. Stieß die deutsche Equipe in der ersten Runde auf einen starken Gegner, wie 1967 auf die Sowjet-Union, war der erste Pokalkampf zugleich der letzte.

»So gehört Bungert nicht in die Davispokalmannschaft«, rügte der Düsseldorfer Sport-Informations-Dienst im Mai nach einer Niederlage in der ersten diesjährigen Runde gegen Dänemark. »Er schadet nicht nur dem Ruf des Deutschen Tennis-Bundes, sondern vielmehr sich selbst.« Aber inzwischen war Kuhnke nach jahrelanger Studienpause auf die internationalen Tennis-Courts zurückgekehrt. Der Kölner Gerichtsreferendar erspielte die zum Gesamtsieg nötigen Punkte.

General Glück war den Deutschen weiter gewogen. Das Los bescherte ihnen mit Ägypten und Belgien in den folgenden Runden wieder überwindbare Gegner. Das schwierigste Hindernis räumten ihnen die Funktionäre aus dem Weg: Sie schlossen Südafrika wegen seiner Rassen-Politik aus. Bis zum schweren Match gegen die UdSSR hatte sich Bungert nahezu an seine Glanzform herangearbeitet.

Die Inder nannten freilich als Oberschiedsrichter für die nächste Runde in Poona bei Bombay jenen Singh, der schon 1966 zu ihrem Sieg beigetragen hatte. Im Gegenzug protestierten die Deutschen und boten -- vergebens -- an, Indien das Heimrecht für 20 000 Dollar abzukaufen.

Für die Deutschen könnte es die letzte Chance sein. Pokalverteidiger USA hat bereits beantragt, auch Berufsspieler zum Daviscup zuzulassen. Dagegen hülfe Deutschlands alten Tennis-Herren auch kein Losglück.

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 53 / 85
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.