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ERHARD KELLER Zentner im Nacken

aus DER SPIEGEL 8/1968

Auch ihre zweite Goldmedaille verdankt die Bundesrepublik einem Sportler namens Keller: Erhard Keller, 23, Student der Zahnmedizin in München, erzielte auf dem olympischen Eisschnellaufring in Grenoble im neunten Rennen die schnellste 500-Meter-Zeit. Die beiden Keller hatten sich erst in Grenoble kennengelernt.

Noch vor acht Jahren war das Eisschnellaufen in Bundesdeutschland nahezu ausgestorben. Es gab im Bundesgebiet keine vorschriftsmäßige, 400 Meter lange Kunsteisbahn; Meisterschaften mußten ins Ausland verlegt werden.

Da beschloß der Deutsche Sportbund (DSB), dem Micker-Sport durch eine Entwicklungs-Spritze zu helfen. Denn damals mußten die Sportler aus beiden Teilen Deutschlands noch um die Plätze in einer gemeinsamen Olympia-Mannschaft kämpfen. Der stärkere Mannschaftsteil durfte den Chef de Mission bestimmen, den offiziellen Mannschaftsleiter.

Um nicht hinter einem kommunististischen Funktionär einmarschieren zu müssen, schöpften die Westdeutschen alle Möglichkeiten aus, brachliegende Sportarten zu mobilisieren. Auf dem Frillensee bei Inzell planierten sie erst eine Natureisbahn für die Schnellläufer; später wurde von Inzell die erste Kunstschnellauf-Bahn der Bundesrepublik gebaut, samt Trainingszentrum und Unterkünften für 50 Sportler (Kosten: etwa fünf Millionen Mark).

Inzell bewährte sich seit 1965 als schnellste Bahn der Welt. Insgesamt stürzten dort etwa 100 Rekorde.

Trainer der Deutschen wurde der beste verfügbare Mann: der norwegische Gardeleutnant Thormod Moum (Monatsgage: 2400 Mark).

Ihm fiel im Dezember 1965 bei einem Kursus ein Neuling mit ungewöhnlich langen Beinen auf. Moum: »Ich wußte sofort: der hat das Zeug zum Ausnahmesprinter.« Schon ein Jahr später half Neuling Erhard Keller, die favorisierte sowjetische Nationalmannschaft zu besiegen.

Moum drillte das Talent bis zu vier Stunden täglich. Während des Sommers spurtete Keller auf der Aschenbahn und bewältigte im Gelände bis zu 20 Kilometer im Dauerlauf. Mit Zentnergewichten im Nacken vollführte er Kniebeugen und Hüpfsprünge. Im Winter feilte der Eisläufer an seinem Stil. Er vermag die 500 Meter mit weniger als 80 Schritten zurückzulegen. Die meisten Eissprinter benötigen 90 und mehr Gleitschritte auf ihren 45 Zentimeter langen Kufen (Fachjargon: Brotmesser).

Kurz vor der Olympiade stellte er eine neue Weltbestleistung auf (39,2 Sekunden).

Kellers Olympiasieg bestärkte die bundesdeutsche Sportführung » so schnell wie möglich zwei weitere Eisschnellauf-Zentren (in Leverkusen und Dortmund) aufzubauen.

Erst nach dem Keller-Sieg in Grenoble fiel Trainer Moum und den bundesdeutschen Eislauf-Funktionären auf, daß der Vertrag des norwegischen Medaillen-Managers schon abgelaufen war.

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