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Zu viele Duckmäuser

Bundesliga-Trainer beklagen das Fehlen von Ausnahmeerscheinungen im deutschen Fußball, unterdrücken aber die Entwicklung junger Spieler zu Individualisten. Ihr Konzept: Anpassen und funktionieren. *
aus DER SPIEGEL 33/1986

Genüßlich blickte Udo Lattek ins Rotweinglas, ließ noch eine Flasche entkorken und widmete sich wieder seinem Lieblingsthema. »Wo sind denn die Ausnahmetalente vom Schlage eines Beckenbauer, Netzer oder Overath?« fragte er die Zechgenossen im Steigenberger Hotel in Bad Kreuznach, wo der FC Bayern München anläßlich eines Freundschaftsspiels gastierte.

Die Antwort lieferte der Meistercoach selber: »Es gibt sie nicht mehr.« Im deutschen Fußball fehle es an Spielern »mit dem gewissen Schuß Genialität«.

Beflügelt vom 83er Neuenahrer Kirchtürmchen kam Lattek dann zwecks Lösung des Problems aus den Untiefen des genetischen Raumes. Man müßte, so sinnierte der erfolgreichste Bundesliga-Trainer, »eine talentierte Leichtathletin, die auch ein bißchen Ballgefühl hat, und einen Superfußballer kreuzen«.

Zwar hatte Lattek am Denkmodell Maradona erste Bedenken ("Möglicherweise erbt das Kind nur seinen Hang zur Dickleibigkeit"), gleichwohl fand er zunehmend Gefallen an seinem Plan. Vielleicht gehe es so - »Prost«.

Nach Meinung prominenter Kollegen betrachtet der Münchner den Fußball-Nachwuchs im Land allzu skeptisch. »Ausnahmetalente«, da sind sich Cheftheoretiker Dettmar Cramer und Latteks Freund Erich Ribbeck einig, »gibt es nicht weniger als in früheren Jahren.«

Tatsächlich kann die Bundesliga eine Menge begabter Jung-Profis präsentieren, die auch Franz Beckenbauers durch die Rücktritte von sieben WM-Teilnehmern entstandene Personalprobleme lösen könnten. Einer der Begabtesten ist gerade 17 Jahre alt: Marcel Witeczek, Stürmer vom Konzern-Klub Bayer Uerdingen, dem DFB-Trainer Horst Köppel eine glanzvolle Karriere prophezeit.

Doch das war auch schon dem technisch versierten Mönchengladbacher Verteidiger Michael Frontzeck und dem kleinen Ludwig ("Wiggerl") Kögl vom FC Bayern vorausgesagt worden. Beckenbauer nahm beide nicht mit zur Weltmeisterschaft nach Mexiko. Sie seien, befand der Teamchef, in ihrer Entwicklung stehengeblieben. Von den seit zwei Jahren als große Talente gepriesenen Spielern hat allein Thomas Berthold den Durchbruch geschafft.

Eine - paradoxe- Erklärung für die offenkundige Stagnation in der Entwicklung liefert der Leverkusener Ribbeck. »Die Talente«, so der Bayer-Trainer, »bekommen zu früh gesagt, wie stark sie sind.« Das gehe dann schnell zu Lasten ernsthafter Berufsauffassung.

»Das System läßt Individualität nicht zu. Es wird diktiert vom Alleinanspruch der Trainer und toleriert keinen Widerspruch«, kritisiert dagegen Psychologie-Professor Fritz Stemme. Daß junge, besonders begabte Spieler an der Ausbildung eigener Stärken eher gehindert als gefördert werden, hatte schon Hennes Weisweiler beklagt. Sein Appell »Macht Schluß mit der Gleichmacherei« verhallte ungehört. Zum Maß aller Dinge wurde das Mittelmaß.

Wer Ansprüche stellt, wird zur Bescheidenheit ermahnt, wer forsch und frech auftritt, drückt die Reservebank - die Leisetreter spielen.

»Zu viele Duckmäuser« entdeckt der Bremer Manfred Burgsmüller im Kollegenkreis und »zu wenig freche Hunde«. Was denen blüht, hat der konfliktfreudige Torjäger allerdings zur Genüge selbst erfahren: »Ich hab'' früher ordentlich eins auf die Schnauze bekommen.«

Der Gefahr mag sich kaum einer der Jungprofis aussetzen und so lassen sie

sich ohne Widerspruch zu Allroundspielern verbilden und nicht, wie von Cramer und Burgsmüller gefordert, zu »Spezialisten« ausbilden. Die Folge: Das Reservoir an angepaßten Mittelfeldspielern, die mehr oder weniger gut alles spielen können und sollen, wächst ständig. Individualisten auf den Außenpositionen wie einst Reinhard Libuda oder Willi Lippens gibt es kaum noch.

Karrieren wie die des von Köln zu Racing Paris gewechselten Pierre Littbarski gehören der Vergangenheit an. »Du kannst achtmal dribbeln und achtmal hängenbleiben, aber ich will, daß du dribbelst«, verlangte Weisweiler seinerzeit von ihm. Unter Rinus Michels, einem der Nachfolger Weisweilers beim 1. FC Köln, mußte sich Littbarski umgewöhnen. Weil er angeblich zu viel gedribbelt hatte, brummte ihm der rigide Coach einmal sogar 500 Mark Strafe auf.

Die Rückendeckung seines damaligen Trainers Cramer hatte der junge Karl-Heinz Rummenigge. »Es war kein Problem«, erinnert sich Cramer, »aus dem geborenen Dribbler einen Meisterdribbler zu machen. Das Problem war, Verständnis für ihn bei den Mitspielern zu wecken.« Gerd Müller sei oft wütend gewesen, wenn er vergebens auf ein Zuspiel wartete, weil Jung-Kalle mal wieder einen Gegner zuviel umspielen wollte. Er habe daraufhin, erzählt Cramer, zu Müller gesagt: »Der Rummenigge kann nur ein Großer werden, wenn ihr Verständnis für ihn zeigt und ihm helft.«

Cramers Anspruch, den Job auch als pädagogischer Förderer eines jungen Spielers zu begreifen, besitzt mittlerweile Seltenheitswert. Die Trainer, in einer Zeit, in der Niederlagen für die meist verschuldeten Klubs existenzbedrohend geworden sind, selbst unter massiven Erfolgsdruck gestellt, verlassen sich lieber auf die Tugenden des Alters. Cleverneß und Routine besitzen mehr Wert als Unbekümmertheit und Elan.

Zudem kämpfen die älteren Spieler, seit in leistungsbezogenen Verträgen das Jahresgehalt von der Zahl der absolvierten Spiele bestimmt wird, noch verbissener um ihre Stammplätze. Sie kanzeln mitunter, wie Kölns Torwart Schumacher, die Jungen als »faule Säcke« ab.

Nur noch selten ist ein Kompliment zu hören, das Bernd Schuster seinem einstigen Lehrmeister Weisweiler machte. »Auf den Hennes«, so der Spanien-Profi, »konnten wir Jungen uns immer verlassen«. Nach Niederlagen seien »grundsätzlich die Alten die Sündenböcke« gewesen.

In Hamburg dagegen betonte Ernst Happel stets: »Ich bin kein Jugendtrainer.« Und nicht mehr als leere Versprechungen gab Pal Csernai in Dortmund ab. »Der hat immer gesagt, die Jungen müssen Erfahrungen sammeln. Aber wenn es ernst wurde, saßen wir auf der Bank«, erinnert sich Daniel Simmes. Ein verbales Meisterstück vollbrachte unlängst Lattek, als er den zwanzigjährigen Manfred Schwabl mit den Worten »der Manni wird mal einer« nach Nürnberg abschob«.

Aus der Not eine Tugend machen zu müssen, damit rechtfertigen sich die Trainer, wenn sie dann doch auf junge Spieler zurückgreifen. Der Not gehorchend setzte Nürnbergs Heinz Höher auf die Jugend, als seine Altstars ihn stürzen wollten. Mit verblüffendem Erfolg: Die Mannschaft stieg auf und behauptete sich in der obersten Klasse.

Der Not seines finanziell fast ruinierten Klubs verdankte Thomas Berthold den frühen Beginn seiner Karriere. Weil Eintracht Frankfurt kein Geld für Neueinkäufe hatte und teure Spieler abgeben mußte, »bekam ich eine Chance«.

Seinen Aufstieg in der Nationalelf und den Durchbruch in Mexiko bestimmte ebenfalls der glückliche Zufall, »daß sich für die Außenverteidiger-Position kein älterer Spieler anbot«. Daß er sich letztlich durchsetzte, verdankte er seinem Selbstbewußtsein und der daraus abgeleiteten Forderung: »Junge Spieler haben das gleiche Recht, den Mund aufzumachen, wie die Älteren.«

Deshalb war Berthold schon vor der Weltmeisterschaft mit seinem Trainer Dietrich Weise aneinandergeraten. Der mag Jasager lieber. Berthold begehrte nach mehrfacher Kritik Weises aber auf: »Ich kann das Geschwätz nicht mehr hören.« Seither beantwortet der Coach Fragen nach Bertholds Entwicklung vorwiegend so: »Ach, fragen Sie mich nicht nach dem Thomas.«

Forsch-freche Töne wie der Abiturient Berthold würde sich der Schalker Olaf Thon, vom Teamchef etwas voreilig zum »Boris Becker des Fußballs« hochgelobt, schwerlich leisten. Er ist von Manager Rudi Assauer frühzeitig auf Anpassung getrimmt worden.

Grundsätzlich pflegte der Manager anfangs nicht nur Interviews mit Thon zu genehmigen, sondern er saß auch noch dabei. Prompt bemerkte das Fachblatt »Kicker«, was den deutschen Fußball-Profi offenbar auszeichnet: »Olaf Thon ist nicht vorlaut, er ist wohlerzogen und manierlich.« Auf Anraten Assauers stieg Thon vom Mofa auf einen kleinen BMW und nicht etwa auf einen PS-stärkeren Flitzer um. »Alle sollen sehen«, so der Manager, »du hebst nicht ab.«

So wunderte es nicht, daß sich der »manierliche« Junge aus dem Revier während der Weltmeisterschaft ohne aufzumucken zum Ersatzmann degradieren ließ. Widerspruchslos akzeptierte er Beckenbauers Bescheid: »Von der Leistung her bringst du es, aber aus taktischen Gründen spielst du nicht.« In seiner Hilflosigkeit begründet Thon, 20 Jahre alt, sein Verhalten mit altklugen _(unten: im WM-Achtelfinalspiel ) _(Deutschland - Marokko am 17. Juni in ) _(Monterrey, Mexiko. ) _(Oben: Mit Karl-Heinz Rummenigge und Gerd ) _(Müller; )

Sprüchen wie: Man müsse im Leben »eben ein gewisses Maß an Anpassung mitbringen« oder »man kann nicht immer sagen, was man denkt«.

Nur ganz vage artikuliert sich ein Rest von Eigensinn. Die Frage nach seinen Aussichten in der Nationalelf beantwortet Thon zum eigenen Erschrecken ungewohnt offenherzig: »Ich weiß es nicht, vielleicht gräbt Beckenhauer noch ein paar Ältere aus.«

Daß angesichts der allgemeinen Verunsicherung unbestrittener Ausnahmetalente ausgerechnet Hamburgs Ernst Happel den »Mangel an Cheftypen« beklagt, mutet an wie ein Witz. Chef ist bei allen Klubs immer nur einer: der Trainer. Psychologe Stemme registrierte schon vor Jahren »die Angst der Spieler vor dem Trainer, die keiner zugibt«.

So stellte Günter Thiele, von Düsseldorf nach Mönchengladbach gewechselt, schnell fest: »Es geht hier erheblich strenger zu. Widerworte werden nicht geduldet.«

Einsichtig begann Michael Wollitz seine Karriere beim 1. FC Köln. Es gebe Momente, erkannte er schnell, »da heißt es Schnauze halten und weitermachen«.

Wohlverhalten zu trainieren, darin haben bundesdeutsche Trainer es zur Meisterschaft gebracht. Ausnahmen sind selten, auch wenn zum Beispiel Ribbeck allmählich erkennt, »daß es möglicherweise besser ist, Spielern mehr Freiräume zu geben«. Denn nur Individualisten seien in der Lage, »auf dem Platz die verrückten Dinge zu machen, mit denen keiner rechnet«.

Von der Forderung Cesar Luis Menottis, Coach des argentinischen Weltmeister-Teams 1978, »die Intelligenz der Spieler zu entwickeln«, sind die Bundesliga-Trainer indes weit entfernt. Anpassen und funktionieren bleiben die Norm der Karrieremuster.

unten: im WM-Achtelfinalspiel Deutschland - Marokko am 17. Juni inMonterrey, Mexiko.Oben: Mit Karl-Heinz Rummenigge und Gerd Müller;

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