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HINDERNISRENNEN Zu viele Kadaver

aus DER SPIEGEL 16/1954

Vier tote Pferde werden das englische Grand National Steeplechase möglicherweise seinen Nimbus als schwerstes und gefährlichstes Hindernisrennen der Welt kosten.

In der 115jährigen Geschichte dieses Pferderennens haben Teile des englischen Volkes unter Führung der Tierschutzvereine zwar schon häufig gegen seine Durchführung protestiert, wenn dabei hin und wieder ein oder zwei Pferde draufgegangen waren.

Im vergangenen Jahr waren es aber drei, und beim diesjährigen Grand National am letzten März-Sonnabend verloren gar vier Pferde das Leben. Diese ansteigende Todeskurve hat die Empörung der britischen Tierfreunde derart angestachelt, daß nun auch Parlamentsmitglieder aller Parteien sich dem Feldzug gegen die alljährliche »organisierte Tierquälerei« auf dem Rennplatz Aintree bei Liverpool angeschlossen haben und bereit sind, sich in diesem Sinne zu verwenden.

Sagte der sozialistische Oberhaus-Abgeordnete Lord Ammon: »Rennen wie das Grand National sind Sadismus und Brutalität gegenüber herrlichen Tieren. Wir haben gegen eine regelrechte Verschwörung zu kämpfen, die sich vor die Hindernisrennen stellt.« Ammons Parteifreund Lord Calverley erklärte, man müsse der Regierung, um sie zum Handeln zu zwingen, notfalls »einen tüchtigen Stoß in die Hosengegend versetzen.«

Der konservative Unterhaus-Abgeordnete Howard Johnson bezeichnete das Grand National als »nationale Schande«, und sein Fraktionskollege General Frank Medlicott meinte: »Für Reiter und Pferd sind solche Rennen ein feiner Sport, aber wenn die Hindernisse an das Tier so hohe Anforderungen stellen wie in Aintree, dann ist das kein Sport mehr, sondern vorwiegend ein Mittel, um den Zuschauern Sensationen zu bieten.«

In dieser Hinsicht kamen die über 250 000 zahlenden Gäste des diesjährigen Grand National auf ihre Kosten. Sie erlebten das Ende dieser Tiere:

* »Dominick's Bar«; brach nach dem zweiten Hindernis zusammen und krepierte

an Herzschwäche. Getötet werden mußten:

* »Legal Joy«; raste in eine eiserne Hürde und verletzte sich dabei schwer;

* »Paris New York«; brach sich beim Sprung über das vierte Hindernis ein Bein;

* »Coneyburrow« (galt als Favorit); zog sich durch einen Sturz am 28. Hindernis eine schwere Rückgratverletzung zu.

29 Pferde waren als kleinstes Feld der Nachkriegszeit (Rekord 1929: 66) an den Start gegangen, von denen nur neun durchs Ziel gingen. Außer den vier Todesopfern waren noch 16 vierbeinige Teilnehmer mehr oder minder schwer an den dreißig Hindernissen der Bahn gescheitert.

In zehn zwischen 1923 und 1953 ausgetragenen Grand Nationals haben von insgesamt 431 startenden Pferden nur 72 das Rennen durchgehalten.

Die meisten der über eine (zweimal zu durchlaufende) Strecke von 3,6 Kilometern verteilten Hürden sind zwischen 1,35 und 1,55 Meter hoch und variieren in der Breite zwischen 0,90 und 1,15 Metern. Mehrfach muß ein unmittelbar anschließender trockener oder Wasser-Graben zusätzlich überwunden werden.

Der übelste Prüfstein der Aintree-Bahn ist 1,47 Meter hoch, einen Meter breit und vor einem tiefen, anderthalb Meter breiten Bach aufgebaut. An jedem Hindernis ist ein Tierarzt mit einem Feldtelephon postiert, über das er nötigenfalls eine Pferdeambulanz anfordern kann.

Für die Jockeys ist das Grand National nicht so lebensgefährlich, wenngleich sie sich ihren Lorbeer oft genug in Knochen-Währung teuer erkauft haben.

Veteran Ryan Marshall (35) zum Beispiel, der den vor- und diesjährigen Grand-National-Sieger ans Ziel ritt, hat sich, seit er mit zwölf Jahren in die Jockey-Lehre ging, den linken Ober- und Unterschenkel, den linken Arm, das Brustbein und ein Jochbein je einmal, ein Wadenbein dreimal und das Nasenbein viermal gebrochen.

Außerdem sind ihm drei Rückgratwirbel verschoben und die Schultern mehrfach lädiert worden. Wie oft er Rippenbrüche hinnehmen mußte, vermag Marshall schon nicht mehr zu zählen. Seinen diesjährigen Siegesritt vollführte er mit einer Metallplatte samt Gummiband im Kiefer, damit ihm ein gebrochenes Jochbein nicht verrutschte.

Wer dennoch für die 8671 Pfund Sterling (über 100 000 Mark) reitet, die der Sieger

im Grand National seinem Besitzer einspringt, muß es nach Ansicht der englischen »Königlichen Gesellschaft zur Verhütung von Grausamkeiten gegen Tiere« selbst wissen.

Aber die Pferde werden zwangsweise über die Bahn gejagt, erklärt die Gesellschaft, die in diesem Jahr eigens sechs ihrer Inspektoren nach Aintree kommandiert hatte. An Hand der Erfahrungsberichte urteilte sie: »Die Aintree-Bahn ist für die Tiere zu anstrengend; außerdem werden zweitklassige Pferde viel zu leicht zugelassen.«

Das war für unzählige Tierschutzvereine in ganz England das Signal zu neuen Protestaktionen. In einer Londoner Versammlung des »Verbandes gegen grausame Sportarten« erklärte die 62jährige Lehrerin Georgina Horsfall (gesprochen wie: horsefall = Pferdesturz): »Die Königliche Familie ist der eigentliche Feind der Tiere aller Gattungen! Es ist skandalös, daß sie Pferde in derartige Rennen schickt.«

Bei dieser Gelegenheit brachte Georgina Horsfall gleich mit an, daß Angehörige des Königshauses in den Zirkus gehen und daß der fünfjährige Thronfolger Prinz Charles bereits seine erste Lektion im Umgang mit Jagdgewehren erhalten habe. »Wenn die Königin für die Tiere ein gutes Wort einlegte, dann würden all diese Übelstände sofort beseitigt werden.«

Die Verbandsleitung war ob dieser Worte entsetzt. Tatsächlich besitzen Königin Elizabeth II. und ihre Mutter Rennpferde. »Aber«, griff Verbandsvorsitzender Lord Grey de Ruthyn beschwichtigend ein, »die Königinmutter hat gerade aus dem diesjährigen Grand National ein bereits gemeldetes Pferd zurückgezogen.«

Immerhin vermochte der Lord die Versammlung nicht daran zu hindern, eine Entschließung zu fassen, nach der die königliche Familie schriftlich aufgefordert werden soll, die Grausamkeit des Liverpooler Hindernisrennens zu verurteilen.

Ähnliche Aufforderungen sollen dem Primas der Kirche von England, Erzbischof von Canterbury, sowie dem (katholischen) Erzbischof von Westminster zugestellt werden. Falls die Adressaten sich ausschweigen, will man ihnen Deputationen ins Haus schicken.

Die Verbandsjuristen sollen mittlerweile darüber nachdenken, ob sich vielleicht mit Hilfe des Tierschutzgesetzes von 1911 gegen die Eigner und die Jockeys der in den Unfalltod getriebenen Pferde ein Strafverfahren konstruieren läßt.

Gegen diese Forsche der Tierschützer kommen die Fanatiker des Hindernis-Rennsports schwer an. Sport und Risiko sind nun einmal nicht zu trennen, dozieren sie, und Groß-Rennstallbesitzer Lord Rosebery kommentierte lakonisch, es sei einfach Pech gewesen, daß vier Pferde umkamen. Mrs. Mirabel Topham schließlich, der die Rennbahn in Aintree gehört, wehrt sich aus verständlichen Gründen gegen jede Erleichterung althergebrachter Rennbedingungen.

Derweil hat sich der Veranstalter der Aintree-Prüfung, das »National Hunt Committee«, bereits mit der »Gesellschaft zur Verhütung von Grausamkeiten gegen Tiere« zusammengesetzt, um über eine Modifizierung der Hindernisse und eine Erschwerung der Zulassungsbedingungen für Pferde zu beraten, um damit die berühmten Rennen vor einem Todesurteil zu bewahren.

Es ist von Zehntausenden von Engländern in Briefen an die Redaktion ihres Leibblattes gefordert worden. Einer von ihnen, Mr. L. R Bennett aus Plymouth, schrieb: »Schade, daß die Urheber dieser Verbrechen nicht auf eine Pazifik-Insel verbracht werden können, um dort das Ziel der nächsten H-Bombe abzugeben.«

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