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ABSEITS Zu wenig Tore

aus DER SPIEGEL 6/1965

Die internationalen Fußball-Strategen wollen die Lieblings-Parole der Bonner Wohlstands-Politiker auf ihr Spiel übertragen: Keiner soll mehr abseits stehen.

Sir Stanley Rous, britischer Präsident des Internationalen Fußballverbandes (Fifa), will durch eine Änderung der Abseits-Regel einem Übel abhelfen, von dem selbst die bedeutendsten europäischen Fußball-Nationen schon befallen sind. Das Übel nagt am empfindlichsten Nerv der Vereine: Von Jahr zu Jahr kommen weniger Zuschauer.

Am ärgsten leiden Italiens Profi-Klubs unter dem Schwund der zahlenden Gäste. Seit 1960 erschienen pro Saison rund eine Million Zuschauer weniger als vorher, pro Spiel sank die Zuschauerzahl um 3600.

In England fanden sich 1954 noch durchschnittlich 32 656 Fußballfans zu den Spielen der ersten Division ein. In dieser Saison sind es 6500 weniger. Die absolute Zuschauerzahl bei allen Spielen der vier Profi-Ligen sackte von 41 Millionen in der Saison 1948/49 auf 28,9 Millionen in der Meisterschaft 1962/63 ab.

Sogar in der erst 1963 eingeführten deutschen Bundesliga zeigen sich bereits die ersten Symptome der Publikums-Schwindsucht. Zu den 120 Spielen der ersten Hälfte der laufenden Meisterschaft traten 45 000 Zuschauer weniger an die Kassen als ein Jahr vorher.

Die schwindenden Einnahmen haben schon viele Vereine an den Rand des Ruins gebracht. In Frankreich etwa können prominente Klubs nur noch von Industrie-Mäzenen gerettet werden. Den AS Monaco sollen Philatelisten sanieren: Fürst Rainiers Lieblingsklub rechnet mit Geld, das eine Sonderbriefmarke einbringen soll. Und in Deutschland bewahrten nur 800 000 Mark aus der Gelsenkirchener Stadtkasse den siebenmaligen Deutschen Meister Schalke 04 vor der Pleite.

Die drückendsten Schulden lasten auf italienischen Klubs. Ihre Gesamtverschuldung wird auf 64 Millionen Mark geschätzt.

Über die Ursache des Übels sind sich die Fachleute einig: Die Spiele der Profi-Stars werden für die Zuschauer immer reizloser, weil immer weniger Tore geschossen werden.

In England sank die Torquote der höchsten Spielklasse von 1724 in der Saison 1960/61 auf 1571 in der Saison 1963/64. Im gleichen Zeitraum ging die

Trefferzahl der italienischen Nationalliga von 815 auf 648 zurück.

Auch in der deutschen Bundesliga blieb die Torausbeute schon in der zweiten Saison hinter der ersten zurück: von 450 Toren (1963/64) in der ersten Meisterschafts-Hälfte auf 396 (1964/65).

Schuld an der Misere ist die Defensiv-Taktik, die fast überall das Angriffsspiel erstickte. Niederlagen bringen Spieler und Trainer um hohe Prämien, den Verein um die Sympathien der Zuschauer. Daher verstärkten die meisten Mannschaften die eigene Abwehr, um möglichst kein Gegentor zuzulassen.

Vom sportlichen Erfolg her bewährte sich das Sicherheits-System, das vor allem der angesehene argentinische Trainer Helenio Herrera perfektionierte. Mit seiner italienischen Mannschaft Internazionale Mailand gewann Herrera 1964 den Welt- und den Europa-Pokal. Herrera, mit 250 000 Mark Jahresgage der

höchstbezahlte Trainer der Welt, ließ jeweils nur zwei bis drei Spieler seiner Elf stürmen: Sein Beispiel machte Schule.

Doch Herrera und andere einsichtige Geschäftsleute der Fußball-Branche sahen bald ein, daß sie sich in eine Sackgasse- manövriert hatten. Ihre Defensiv-Methode brachte zwar sportliche Erfolge ein, finanziell führte sie jedoch zum Ruin.

Um wieder mehr Fußballanhänger an die Kassen zu locken, soll nun die Abseits-Regel abgeschafft oder zumindest geändert werden. Durch diese Maßnahme, so kalkulieren viele Experten, werden wieder mehr Tore geschössen.

»Ich glaube, daß mehr Tore am, ehesten den Zuschauerschwund beheben«, erklärte Joe Richards, Präsident der englischen Fußball-Liga. »Tore sind die größte Attraktion dieses Sports.«

Viele Tore wurden bisher verhindert oder vom Schiedsrichter annulliert, weil Spieler nach der Regel »abseits« standen. Englands Fußball-Verband stellte fest, daß selbst im Mutterland des Fußballs nur 55 Prozent des Publikums die Regel elf (Abseits) verstehen:

Abseits steht ein Spieler, wenn der Ball von seiner Mannschaft gespielt wird und sich zwischen ihm und der gegnerischen Torlinie weniger als zwei Gegenspieler aufhalten. Kompliziert wird die Abseits-Regel durch die Ausnahmen. Sie gilt nicht, wenn zuletzt ein, Gegenspieler den Ball berührte, beim Abstoß vom Tor, bei Eckball, Einwurf und Schiedsrichterball sowie in der eigenen Spielfeldhälfte.

Fußball-Präsident Rous will den Abseits-Paragraphen daher so geändert wissen; daß Spieler nur noch in einer 16,50 Meter tiefen Spielfeld-Zone vor der Torlinie »abseits« stehen können (siehe Graphik). Die beabsichtigte Wirkung:

- Die 20 Feldspieler beider Mannschaften müßten sich breiter gefächert verteilen und könnten durch die Abseits-Regel nicht mehr in einer Spielfeldhälfte zusammengedrängt werden*.

- Die Torausbeute wäre höher, weil geübte Schützen, die an der neuen Abseits-Zone - 16,50 Meter vor dem Tor - an den Ball kommen mit Aussicht auf Erfolg sofort schießen könnten.

Ein Probespiel zweier Mannschaften des ungarischen Klubs Honved Budapest mit den neuen Abseits -Zonen erfüllte die Erwartungen: In nur 40 Minuten (ein reguläres Spiel dauert 90 Minuten) fielen sieben Tore.

Fifa-Präsident Rous hat die Fußball-Organisationen auf der ganzen Welt angewiesen, Gutachten über die Änderung der Abseits -Regeln zu erstellen.

Einige Spieler beurteilen die vorgesehenen Regeländerungen skeptisch. So erklärte der, Ungar Ferenc Puskas, Schützenkönig beim fünfmaligen Europacup-Gewinner Real Madrid: »Die Defensiv-Taktik ist nur durch das Geschick der Stürmer zu überwinden - nicht durch einen Federstrich im Regelbuch.«

Die Funktionäre des in der italienischen Meisterschaft führenden AC Mailand stärkten ihre Mannschaft einstweilen nach einem anderen Rezept für den Kampf gegen Defensiv-Taktik und Tor-Armut. Sie versprachen für Siege mit zwei Toren Unterschied doppelte, für Erfolge mit drei Treffern Unterschied dreifache Prämien. Der Erfolg stellte sich prompt ein: Der AC Mailand gewann sein Punktspiel gegen Herreras defensive Weltcup-Mannschaft Internazionale Mailand mit 3:0.

* Nach der bislang gültigen Regel gerät jeder Spieler ins Abseits, wenn er die Mittellinie zum gegnerischen Tor hin überschreitet, während der hinterste Feldspieler des angreifenden Gegners bis zur Feldmitte aufrückt.

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