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FRÜHBEGABUNG Züge in der Luft

aus DER SPIEGEL 51/1966

Im »Gasthof Simon« in Streichmühle bei Flensburg spielten 20 gestandene Schachspieler simultan gegen denselben Gegner. Keiner von ihnen vermochte seine Partie zu gewinnen. Dabei hatten sie gegen ein Mädchen im Kindergartenalter gespielt: Jutta Hempel, 6.

Die Flensburger Frühbegabung ist gleichwohl kein Einzelfall. Wie Jutta Hempel hatte schon der Kubaner José Capablanca als Kind über den Tisch gelugt, wenn sein Vater Schach spielte. Er schaute genug ab, um seinen Vater durch Analysen verfehlter Züge zu verärgern. Als Capablanca senior den frühreifen Schach-Junior erstmals herausforderte, verlor er auf Anhieb. José Capablanca war mit 13 Jahren Meister von Kuba, wurde 1921 Weltmeister und behauptete den Titel sechs Jahre lang.

Zu Anfang der zwanziger Jahre trat in Berlin der achtjährige Samuel Reshevsky auf, ein Amerikaner polnischer Abstammung. Der blasse Bursche nahm es mit 20 bekannten Berliner Spielern in einer Simultanvorstellung auf. Schwierige Stellungen bewältigte er, indem er die nächsten Züge mit dem Zeigefinger in der Luft vorzeichnete. Nach sechs Stunden hatte Reshevsky neun Partien gewonnen, zehn remis gehalten und nur eine verloren.

Anschließend untersuchte die Berliner Psychologin Dr. Franziska Baumgarten das Schach-Phänomen. Ergebnis: Reshevsky hatte keine Schule besucht und konnte »nur mühsam lesen«. Er vermochte lediglich vier Farben zu unterscheiden und kannte an Tieren nur Pferd, Hund und Katze. Dafür löste er im Kopf Rechenaufgaben wie 72 mal 22. Sein Gedächtnis leistete Verblüffendes. Fünf Reihen mit insgesamt 40 Ziffern lernte er in vier Minuten auswendig. Dann lokalisierte er jede gewünschte Zahl richtig nach Platz und Reihe.

Mit zehn Jahren spielte Reshevsky bereits in Turnieren gegen die besten Amerikaner. Bis nach dem Zweiten Weltkrieg war er der Spitzenspieler der USA. Sein Nachfolger wurde Robert Fischer, der zwar erst mit acht Jahren den Umgang mit Springer und Dame erlernt hatte, aber mit 14 Jahren bereits ohne Niederlage US-Meister geworden war. Ein Jahr später, 1958, qualifizierte sich Fischer als jüngster Großmeister der Welt für das Kandidaten-Turnier, in dem der Herausforderer für den Weltmeister ermittelt wurde.

»Ein neues Schach-Phänomen unserer Zeit« nannte der frühere russische Weltmeister Smyslow seinen halbstarken Rivalen, dessen schulische Leistungen freilich kümmerlich waren. Fischer wurde beim Kandidaten-Turnier hinter vier Russen Fünfter und verzichtete auf weitere Weltmeisterschafts-Chancen. Er behauptete, die besten sowjetischen Spieler, die er bei anderer Gelegenheit einzeln besiegt hatte, hätten sich im entscheidenden Turnier gegenseitig unterstützt, so daß kein Nicht-Russe Gesamtsieger werden konnte.

Aber die Sowjet-Union brachte neben ihren volljährigen Weltmeistern ebenfalls Schach-Wunderknaben hervor. Vor einigen Jahren besiegte der fünfjährige Ernst Kim in Taschkent einen russischen Landesmeister in 25 Zügen. Mit 15 Zügen setzte er einen mißtrauischen amerikanischen Fachjournalisten matt, der sich von Kims Fähigkeiten überzeugen wollte. Auch der spanische Spitzenspieler und Großmeister Arturo Pomar hatte Schach vor Lesen und Schreiben gelernt. Mit zwölf Jahren zwang er dem früheren Deutschen Meister Alfred Brinckmann in Madrid ein Remis ab. »Man mußte seinen Sitz erhöhen«, erinnert sich Brinckmann, »damit er richtig über den Tisch sehen konnte.«

Brinckmann hält Schach-Talent für ein Bündel spezieller Fähigkeiten, zu denen ein besonderes Schach-Gedächtnis und die Begabung gehören, auf dem Brett alle denkbaren Veränderungen über mehrere Züge im voraus zu konstruieren. Die sowjetische Professoren -Troika Djakow, Petrowski und Rudik analysierte aus den hervorstechenden Qualitäten der weltbesten Schachspieler die 16 Mustereigenschaften des idealen Meisters aller Bretter.

Die Schach-Professoren zählten dazu vor allem blühende Gesundheit und unverbrauchte Nerven, Selbstbeherrschung und Beschaulichkeit, anschauliches Denken und Kombinationsgabe, Disziplin und Selbstvertrauen - lauter Eigenschaften, die schon bei Kindern ausgeprägt sein können. Die Sowjet-Schachologen erkannten überdies, was für Erfolge auf den Schachfeldern nicht unbedingt erforderlich ist: überdurchschnittliche mathematische Qualitäten und die Geistesgaben eines Intellektuellen.

Schach-Begabung ist keineswegs selten. In der Sowjet-Union, wo Schach als Nationalsport systematisch gefördert wird, gibt es 3,5 Millionen organisierte Brettspieler. In den meisten Ländern werden Talente dagegen oft nur zufällig von Eltern entdeckt, die selber des König-und-Bauern-Spiels kundig sind. In den USA gehören der Schach-Organisation nur 30 000 Spieler an (Bundesrepublik: 50 000).

Viele begabte Schach-Kinder fallen in der Öffentlichkeit nicht vorzeitig auf, weil ihnen strapaziöse Schau-Spiele erspart bleiben. So gedieh beispielsweise der Kölner Robert Hübner ohne öffentliches Aufsehen durch kontinuierliche Leistungssteigerung zu einem deutschen Spitzenspieler. Achtjährig hatte er sich 1957 einem Klub angeschlossen. Als Zehnjähriger erreichte er mit »Turm Köln« bereits die Endrunde zur Deutschen Mannschafts-Meisterschaft. 1963 und 1964 erspielte Hübner sich die Deutsche Jugendmeisterschaft. Im vergangenen Jahr wurde er - mit 16 Jahren bei seinem ersten Auftritt unter den spielstärksten deutschen Spielern Meisterschafts-Fünfter.

»Ich würde empfehlen: Unterlassen Sie das«, kommentierte Schach-Experte Brinckmann dagegen die Simultan -Schau der erstaunlichen Flensburgerin Jutta Hempel vor Reportern und Fernseh-Kameras. Das Mädchen hat von seinem Vater, einem früheren Flensburger Schachmeister, sogar komplizierte Eröffnungen über 15 bis 18 Züge gelernt.

Nach zehn Partien und sechs Siegen in Streichmühle war Jutta Hempel jedoch erschöpft. Die ausstehenden Spiele beendete ihr Vater.

Simultanspielerin Jutta Hempel in Streichmühle: Im Muster aller Meister ...

Kölner Schachspieler Hübner

... 16 ideale Eigenschaften

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