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11. Juli 2011, 11:59 Uhr

Zukunft der DFB-Elf

Jetzt erst recht

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Wie geht es nach dem WM-Aus weiter mit der Frauen-Nationalmannschaft? Einen radikalen Umbruch dürfte es nicht geben, das Gros des Teams bleibt gesetzt. Eine schlaue Strategie, denn die Perspektiven sind gut. Nur die Defensive muss dringend renoviert werden.

Bundestrainerin Silvia Neid hat jetzt ganz viel Zeit. Die Viertelfinal-Niederlage der deutschen Frauen-Nationalmannschaft gegen Japan bedeutete nicht nur das Aus bei der Heim-WM. Wegen des späteren Sieges von Schweden gegen Australien verpasste ihr Team auch die Qualifikation für die Olympischen Sommerspiele im kommenden Jahr in London.

Neid bleiben daher ab sofort zwei Jahre, um bis zum nächsten Großereignis, der Europameisterschaft 2013 in Schweden, ein neues Team zu formen, das wieder an vergangene Erfolge anknüpfen kann. Allerdings wird das wohl fast genauso aussehen wie die Mannschaft, die gegen Japan verlor.

"Eigentlich gibt es keinen Anlass, einen großen Neuanfang auszurufen", sagt Neid der sportlichen Enttäuschung zum Trotz. Vielmehr setzt sie bei den Spielerinnen, die im eigenen Land den WM-Titel holen wollten und jäh gescheitert sind, auf eine entsprechende Reaktion bei kommenden Turnieren. "Sie sollen jetzt erst recht zeigen, dass sie da oben hingehören", so Neid. Jetzt erst recht - das ist die Haltung, die die Bundestrainerin transportiert.

Bis auf die Routiniers Birgit Prinz (33) und Ariane Hingst (31), die schon vor der WM ihren Rücktritt im Anschluss an das Turnier angekündigt hatten, bleibt die Mannschaft zusammen. Selbst ältere Spielerinnen wie Inka Grings (32), Nadine Angerer (32), Martina Müller (31) und Kerstin Garefrekes (31) haben von Rücktritt noch nichts verlauten lassen. "Außer Birgit und Ariane ist keine Spielerin zu mir mit der Ankündigung gekommen, aufzuhören", sagt Neid. Sie geht davon aus, mit dem bisherigen Kader annähernd unverändert weiterzuarbeiten.

Das wird sie auch ohne großes Kopfzerbrechen machen können. An der Qualität des Kaders gibt es schließlich relativ wenig Zweifel. Im WM-Aufgebot standen, selbst wenn man Prinz und Hingst herausrechnet, 15 Europameisterinnen von 2009. Elf von ihnen waren auch schon beim WM-Triumph 2007 in China dabei. Das Durchschnittsalter der Mannschaft liegt derzeit bei rund 26 Jahren. Von Überalterung kann man daher nicht sprechen.

2013 im besten Fußballerinnenalter

Im Gegenteil: Leistungsträgerinnen wie Melanie Behringer (25), Simone Laudehr (24) oder Linda Bresonik (27) sind 2013 quasi im besten Fußballerinnenalter. Und jetzt haben sie auch noch die Erfahrung, wie es ist, unter maximalem Erwartungsdruck ein Turnier zu absolvieren. 2011 waren sie diesem Druck nicht gewachsen. In zwei Jahren in Schweden oder bei der kommenden WM 2015 in Kanada werden sie wieder unter deutlich geringerer medialer Aufmerksamkeit aufspielen. Man darf davon ausgehen, dass ihnen das gut tun wird.

Dann werden auch die Akteurinnen erfahrener sein, die im Vorjahr die U20-WM gewannen und die Zukunftshoffnung des DFB tragen. Kim Kulig (21) und Alexandra Popp (20) gehören jetzt schon zum inneren Kreis. Eine Stürmerin wie die junge Frankfurterin Dzsenifer Marozsan (19), von der Neid sehr viel hält, wird wie Popp schon als Nachfolgerin von Birgit Prinz gehandelt. Wie schwer das ist, hat Popp allerdings bei diesem Turnier leidvoll erfahren müssen. So wie für die 33-jährige Prinz die WM 2011 zu spät kam, erwies sich die 20-jährige Popp letztlich als noch zu jung für das Groß-Event im eigenen Lande.

Zwei Jahre hat Neid nun Zeit, um die Baustellen in der Mannschaft anzugehen. Die größte erwartet sie in der Innenverteidigung. Die Duisburger Abwehrchefin Annike Krahn (26) ist eine zuverlässige Ausputzerin alter Schule. Das kreative Element, das Spiel nach vorne, geht ihr allerdings vollständig ab. Mit Krahn und der neben ihr agierenden Saskia Bartusiak (28), die pro Partie gerne ein, zwei haarsträubende Fehler einbaut, ist nach derzeitigem Stand kein Titel zu gewinnen. Möglicherweise sollte es der Trainerstab riskieren, die bisherige Außenverteidigerin Babett Peter in die zentrale Position zu beordern. Peter ist mit ihren erst 23 Jahren bereits eine umsichtige Verteidigerin. Ihr ist zuzutrauen, die Abwehr zu ordnen und gleichzeitig etwas zum Spielaufbau beizutragen.

Ob es klug ist, stets mit zwei defensiven Mittelfeldspielerinnen anzutreten, wo die WM doch gezeigt hat, dass stattdessen im offensiven Mittelfeld eine gewaltige Lücke im DFB-Team klafft, ist eine weitere Zukunftsfrage. Neid wird viel damit beschäftigt sein, das Vertrauen der technisch besten deutschen Spielerin, Fatmire Bajramaj, zurückzugewinnen. Die Trainerin hat die 23-Jährige degradiert, im Viertelfinale 120 Minuten auf der Ersatzbank gelassen, obwohl es gegen Japan dringend eine kreative Offensivkraft brauchte.

Die Bundestrainerin selbst, frisch ausgestattet mit einem Vertrag bis 2016, ist angeschlagen aus diesem Turnier herausgegangen. Ihr Nimbus der Souveränität hat gelitten. Einige ihrer Personalentscheidungen waren umstritten, wenn nicht falsch. Wenn Neid sagt, "ich habe überhaupt keine Motivationsprobleme", dann ist das nachvollziehbar. Die kann sie auch nicht gebrauchen, denn die Bundestrainerin muss einiges wieder gutmachen. Zeit genug hat sie dafür.

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