Tod des ZDF-Sportreporters Poschmann Er ließ die Stille zu, die in Erinnerung bleibt

Als ZDF-Sportchef war Wolf-Dieter Poschmann umstritten. Als Leichtathletik-Experte jedoch schuf er große Momente wie bei seiner Reportage zum Weltrekord von Usain Bolt 2009. Er konnte im richtigen Moment schweigen.
Wolf-Dieter Poschmann im Jahr 2002 als Sportmoderator beim ZDF

Wolf-Dieter Poschmann im Jahr 2002 als Sportmoderator beim ZDF

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Boris Roessler / dpa

Dank Wolf-Dieter Poschmann wusste man vor dem Fernseher an diesem Abend ganz genau, was die Stunde geschlagen hatte. »Also festhalten und notieren: 20 Uhr 34 und 59 Sekunden.« An diesem 20. August 2009, einem wunderbaren Sommerabend in Berlin, lag etwas ganz Besonderes in der Luft im Olympiastadion, und Poschmann, der Leichtathletik-Reporter des ZDF, ahnte das voraus.

»Es sind die besonderen Momente, die Sternstunden, die im Gedächtnis bleiben, und es ist gut möglich, dass wir auch jetzt wieder eine erleben.« 19,19 Sekunden später hatte Usain Bolt den Weltrekord über 200 Meter in neue Dimensionen befördert, eine Sternstunde der Leichtathletik, aber es war auch eine Sternstunde des Leichtathletik-Reporters Wolf-Dieter Poschmann. Poschmann, der am Montag im Alter von 70 Jahren gestorben ist.

Schon Tage zuvor hatte er den 100-Meter-Weltrekord Bolts live kommentiert. Er entließ die Läufer aus dem Startblock mit dem Satz: »Da brodelt das Adrenalin in den Adern, und wer weiß, was sonst noch.« Mehr brauchte es eigentlich nicht, um jedem, der zuschaut, klarzumachen: Vorsicht, was hier passiert, kann eine riesige Show sein, es kann auch ein riesiger Betrug sein.

»Thunder Bolt, Lightning Bolt, Scherz-Bolt, Witz-Bolt«

»Thunder Bolt, Lightning Bolt, Scherz-Bolt, Witz-Bolt«

Foto: Kai Pfaffenbach/ REUTERS

Poschmann war einer, der sich im Zweifelsfall meistens dafür entschied, das Ganze als Show zu sehen. Der aber dafür die Worte fand, die in der Erinnerung geblieben sind. Nach dem 100-Meter-Weltrekord begleitete er den auf der Laufbahn tanzenden Bolt: »Party-Time in Berlin, da brauchst du in keinen Klub zu gehen, von denen es viele gibt in dieser Stadt.«

Vier Tage später das 200-Meter-Finale. Poschmann spürt schon bei der Vorstellung der Finalteilnehmer das Prickeln, das in der Luft liegt, und er schafft es, das weiterzugeben. Nach einem Fehlstart des Franzosen David Alerte – »er kann es kaum erwarten, losgelassen zu werden« – erneuert er die Zeitangabe: »Für die, die die Sekunde aktualisieren wollen: 20.26 Uhr und 24 Sekunden.« Dann Stille. Die Poschmann stehen lässt, um fast zu flüstern: »Die Stille ist fast beängstigend in dem voll besetzten Stadion.« Tatsächlich ist es dieser Moment, das stille Stadion vor dem Startschuss und die dann folgende Explosion der Schreie, der Anfeuerungen, der zum Größten in der Leichtathletik, wahrscheinlich im gesamten Sport, gehört.

Poschmann moderierte auch das »Aktuelle Sportstudio« im ZDF

Poschmann moderierte auch das »Aktuelle Sportstudio« im ZDF

Foto: Ulrich Perrey / dpa

Bolt rennt zu 19,19 Sekunden, Poschmann ruft ihm auf den letzten Metern nach: »Bolt ist in einer anderen Welt.« Die Zeit bleibt bei der neuen Bestleistung stehen, und Poschmann fragt nur: »Muss ich sagen, dass es Weltrekord ist?« Er lässt die Antwort für 10, 15 Sekunden aus und löst dann: »Natürlich ist es Weltrekord.« Das Stadion, es brodelt, Bolt macht seine Scherze mit dem Maskottchen Berlino, »Thunder Bolt, Lightning Bolt, Scherz-Bolt, Witz-Bolt, das alles«, und am Ende findet der Reporter fast seufzend bedauernd zurück zu dem, was jeder denkt: »Und natürlich, natürlich bleiben Fragen.« Weil alles im Sprint, da können Reporter und Publikum noch so sprudeln, brodeln, überschäumen, umstritten ist.

Klagen über das Betriebsklima

Umstritten, ja, das war Poschmann selbst auch. Als er Sportchef des ZDF war, haben viele das Betriebsklima beklagt. Mehrere langjährige Redakteure sind unter Poschmann vorzeitig in den Ruhestand gegangen, von Rainer Deike über Michael Palme und Sepp Ortmaier bis Hermann Ohletz, das soll, so hieß es damals, auch am Führungsstil des Chefs gelegenen haben, ein Führungsstil, der in den Medien gern als »rustikal« beschrieben wurde. Er hat das selbst von sich gewiesen, 2004 aber gab Poschmann den Posten an Dieter Gruschwitz ab, offiziell wurde das mit der Trennung von administrativen und journalistischen Aufgaben begründet.

Poschmann konzentrierte sich danach wieder auf sein eigentliches Metier, die Leichtathletik. Als Langstreckenläufer war er selbst in dem Sport aktiv gewesen, das Gespür für das, was dort unten auf der Laufbahn, in der Sprunggrube oder beim Hochsprung passierte, das kam vermutlich auch daher. Aber wohl nie hat er es das Fernsehpublikum so miterleben lassen wie an diesem Augustabend.

Nach dem Fabellauf, als er an seinen Kollegen Peter Leissl zum Hochsprung abgab, sagte er: »Wir schalten wieder zurück zum Sport.« Man kann aus diesem Satz vieles herauslesen, und das ist auch eine Kunst des Reportierens.