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FUSSBALL »Zwanzig Jahre zu spät«

Wann schafft es endlich eine afrikanische Mannschaft, in die Phalanx der führenden Fußball-Nationen einzubrechen? Vier Monate vor der Weltmeisterschaft sind die Darbietungen beim Afrika-Cup in Mali ernüchternd. Viele der Stars erleben die Rückkehr in die Heimat als Kulturschock.
Von Christoph Biermann
aus DER SPIEGEL 5/2002

Wenn sie ihren verbeulten Mannschaftsbus verlassen, ist alles wie früher. Die »Super Eagles« aus Nigeria schlurfen so aufreizend cool die Auffahrt zum Hotel de L'Amitié in Bamako hinauf, als wären sie Helden aus einem Fußball-Comic.

Die Zöpfchen und Knotenfrisuren von Jay-Jay Okocha, Nwankwo Kanu, Taribo West oder Sunday Oliseh sind Afro-Hairdressing, neuester Stand. Körperhaltung und Gesten wirken wie von Gangsta-Rap-Videos auf MTV abgeschaut. Die hoch dotierten Profis von Arsenal London, Borussia Dortmund oder Paris-St.-Germain signalisieren: Wir sind die Chefs im Ring.

Auch wenn das ihren Trainer nervt. Sind seine Spieler mal wieder von einem Schwarm Journalisten umgeben, raunzt Amodu Shaibu ungehalten hinüber, sie sollten sich »nicht wie Superstars aufführen«. Vor dem Reden müsse erst einmal gewonnen werden, findet er, aber »sie haben eben keinen Respekt vor den anderen afrikanischen Spielern«.

Shaibus Kritik ist verständlich. Wenn die derzeit in Mali ausgespielte Afrika-Meisterschaft auch zur Standortbestimmung für die WM im Sommer dienen soll, dann haben die Nigerianer bislang wenig Grund zur Überheblichkeit. Einem mühsamen 1:0 über Algerien folgte ein 0:0 gegen den Gastgeber. Mannschaften, die bei einer Weltmeisterschaft reüssieren wollen, müssen mehr von sich verlangen.

Doch der Schwung von einst ist dahin. Nach Nigerias Olympiasieg 1996 in Atlanta schien es nur noch eine Frage der Zeit, bis die erste afrikanische Mannschaft ein WM-Finale erreichen würde. »Die Zukunft des Fußballs ist schwarz«, prophezeite Bundestrainer Berti Vogts. »Das ist Natur pur«, analysierte das Fachmagazin »Kicker« und fabulierte über »die katzenhafte Geschmeidigkeit«, die den Afrikanern eigen sei.

Vier Monate vor dem WM-Spektakel in Fernost ist wenig von der Leichtigkeit und Improvisationskunst zu sehen, mit der Roger Milla aus Kamerun das Publikum 1990 betörte. Die Super Eagles haben sich mit ihrem Minimalistenfußball dem flauen Niveau des gesamten Teilnehmerfeldes angepasst. Volker Finke, Trainer des SC Freiburg, sah vorige Woche bei seiner Visite in Bamako nur noch »domestizierten Fußball«. Der Trip nach Mali musste dem Deutschen vorkommen wie eine Zeitreise, bei der er verstaubte Exponate aus dem Taktikmuseum bestaunen konnte.

Als ob es die Entwicklung der letzten Jahre nicht gegeben hätte, versuchen die afrikanischen Teams sich nämlich gerade als Sicherheitsfußballer. Vorbei die Zeiten, als sie noch für »naiv, aber unberechenbar« ("FAZ") gehalten wurden. Heute wartet hinten ein Abwehrbollwerk, und nach vorne geht es über lange Bälle. »Alle Trainer sind bestrebt, erst mal nicht zu verlieren«, sagt Ägyptens Mannschaftskapitän Hany Ramzy vom 1. FC Kaiserslautern.

Dabei ist knochenharte Defensive auf internationalem Spitzenniveau inzwischen passé. Die Weltspitze aus Frankreich, Argentinien und Brasilien ist längst bei engagierter Vorwärtsverteidigung angekommen. »Leider sind die Afrikaner wieder 20 Jahre zu spät«, urteilt Finke.

Nach den Enttäuschungen bei der letzten Weltmeisterschaft, als nur eines der fünf Teams die Vorrunde überstand, mag es verständlich sein, dass afrikanische Mannschaften die Rolle des romantischen Verlierers leid sind - nur verfallen sie nun augenscheinlich ins Gegenteil. »Früher haben wir uns mehr um schönen Fußball gekümmert«, rechtfertigt der nigerianische Ballkünstler Jay-Jay Okocha den neuen Pragmatismus, »und nicht genug um das Ergebnis.«

Die Probleme liegen indes tiefer. Zwar belegen die Erfolge bei Junioren-Weltmeisterschaften der verschiedenen Altersgruppen, dass Afrika ein riesiges Talentreservoir hat - allein im letzten Jahr errangen Ghana und Ägypten den zweiten und dritten Platz bei der U-20-WM, während Nigeria und der Nachwuchs aus dem bitterarmen Burkina Faso die gleichen Plätze bei der U-17-WM einnahmen.

Doch in den meisten Ländern sind die Verbände nicht mehr Herr des Verfahrens. Die Ausbildung der Jugendspieler ist häufig privatisiert. Überall entstehen kommerzielle Fußballschulen, oft in Zusammenarbeit mit europäischen Clubs.

Die Verbände hingegen verharren in alten Strukturen. Meist sind Fußball und Politik so eng miteinander verflochten, dass Nationaltrainer gar nicht wissen, wem sie unterstehen. Auch bei der Berufung des ehemaligen Bundesligacoaches Winfried Schäfer zum Chef der Elf Kameruns, so weiß der Deutsche, »hatte Staatspräsident Biya das letzte Wort«.

Wie bizarr die Verhältnisse zuweilen sind, wurde vorigen Donnerstag deutlich. Da erklärte der ehemalige Weltfußballer George Weah zum Turnierende seinen Rücktritt als Spielertrainer von Liberia. Als Grund führte er ein zerrüttetes Verhältnis zu Staatschef Charles Taylor an. »Er ist neidisch darauf, dass ich in Liberia eine berühmte Persönlichkeit bin«, erklärte der frühere Torjäger des AC Mailand. Weah: »Ich befürchte, dass mich jemand tötet.«

Doch selbst wenn die Schwierigkeiten sich aufs Sportliche beschränken, schreitet die Entfremdung der Funktionäre mit ihren weltläufigen Stars immer weiter voran. »Sie haben vergessen«, klagt Kameruns Legende Roger Milla, »dass sie gewählt wurden, um unseren Fußball endlich an die Spitze zu bringen.« Von modernem Management könne auch 20 Jahre nach Kameruns WM-Debüt keine Rede sein.

Stattdessen erleben jetzt, da in etlichen afrikanischen Teams fast ausschließlich Legionäre kicken, die bei Fußballkonzernen wie etwa Bayern München, AS Monaco oder Real Madrid tätig sind, viele Profis die Rückkehr in ihre Heimatländer als eine Art Kulturschock. »Halb professionell« findet Zoubaier Baya, der in Freiburg 85 Bundesligaspiele absolviert hat, die Zustände in seiner tunesischen Equipe, »und das reicht nicht«.

So fürchtet Baya beim WM-Turnier eine allzu fürsorgliche Belagerung durch tunesische Funktionäre: »Bei der Weltmeisterschaft will jeder dabei sein, jeder hat was zu sagen und steht in der Kabine herum.« Dabei gelten die Tunesier im afrikanischen Vergleich noch als straff organisiert - in Bamako werden sie von den anderen Nationen beneidet, weil sie mit drei Köchen angereist sind und somit den kulinarischen Herausforderungen des Hotelpersonals entkommen.

Als »wirklich frustrierend« empfindet Okocha nach fast zehn Profijahren in Deutschland, der Türkei und in Frankreich den Mangel an Vorsorge und Organisation. So ist der nigerianische Fußballverband etwa seit zwei Monaten telefonisch nicht zu erreichen, weil die Funktionäre eine für überhöht gehaltene Rechnung nicht bezahlen wollten.

Im vergangenen Oktober flog der Schalker Victor Agali nach London, um mit seinen Landsleuten in Southampton ein Testspiel gegen Japan auszutragen. Der wohlgemeinte Trip geriet zum Flop: Erst traf der Trainer wegen Schwierigkeiten mit seinem Visum einen Tag später ein, dann dauerte die Busfahrt so lange, dass es im Hotel kein warmes Abendessen mehr gab. Und schließlich kamen die aus ganz Europa angereisten Profis in drei Tagen nur zu einer einzigen Trainingseinheit.

Immerhin hatten sich genügend Spieler eingefunden, selbstverständlich ist das keinesfalls. Das Nationalteam Liberias, dem zur WM-Qualifikation nur ein Punkt fehlte, schaffte Anfang Januar nicht einmal das. Von Spielertrainer Weah teilweise gesponsert, wollte es vor dem Afrika-Cup ein Testspiel in Ägypten austragen. Unglücklicherweise trafen nur sieben Spieler in Kairo ein, die Partie wurde abgesagt.

Angolas 19-jähriges Sturmtalent Pedro Mantorras drohte kürzlich gar mit dem Ende seiner internationalen Karriere. Der Nachwuchsstar von Benfica Lissabon hatte auf einem Flughafen in Südafrika sieben Stunden auf die Weiterreise warten müssen. Seine Mannschaftskameraden besaßen keine gültigen Visa.

Der Flug der kamerunischen Auswahl in einer Militärmaschine von der Hauptstadt Jaunde nach Mali dürfte gar Eingang in die deutsche Fußballfolklore finden. Ein Team von Sat.1 filmte, wie Mitglieder von Winfried Schäfers Team in den Gepäcknetzen hingen.

Etliche Profis nehmen die Tortur auf den knochenharten Plätzen in Mali nur auf sich, weil sie ihre Chancen auf den WM-Traum nicht gefährden wollen. Sammy Kuffour hingegen hat mit Ghana die Qualifikation nicht geschafft. Da wunderte es vorige Woche wenig, dass sich der Abwehrspezialist des FC Bayern mit dem Trainer anlegte - und prompt nach Hause geschickt wurde. Der Bayern-Verteidiger gilt in Afrika sowieso als Unruhestifter. Beim ghanaischen Fußballverband beschwerte er sich angeblich sogar über die minderwertige Qualität der Trikots.

Als zermürbend und respektlos erleben viele Spieler auch die notorischen Streitigkeiten um Prämien. Senegals Nationalteam etwa lehnte die 13 500 Dollar für das erstmalige Erreichen einer WM-Endrunde als »Verhöhnung« ab und drohte mit Streik.

Auch das nigerianische Team trat Anfang Januar in den Ausstand. Bei einer Feier am Tag der WM-Qualifikation hatten Ende Juli letzten Jahres in Port Harcourt lokale Autoritäten und Gönner insgesamt 700 000 Dollar für die erfolgreichen Super Eagles auf den Tisch geworfen. Ein Funktionär des nigerianischen Fußballverbandes steckte das Geld ein, um es an die Spieler weiterzugeben. Dort kam es erst nach drohendem Streik mit einem halben Jahr Verspätung an.

Die Dauerquerelen haben bei Okocha Spuren im Selbstbewusstsein hinterlassen. »Bei der WM sollte man diesmal nicht so sehr auf uns schauen«, sagt der Ex-Frankfurter. Nigeria, vom Lospech gebeutelt, fürchtet gegen Argentinien, England und Schweden ein frühes Aus schon in den Gruppenspielen. Der Tunesier Baya kündigt für das Turnier in Fernost nur an, dass »wir unser Image verbessern wollen«. Vollmundigere Versprechungen sind auch aus Kamerun und Südafrika nicht zu hören.

Vorerst scheinen sich die Beteiligten nur mit ihresgleichen messen zu wollen. Bruno Metsu, Trainer des WM-Neulings Senegal, strebt nach einem Titel, für den es keine Medaille gibt: »Wir wollen die beste Mannschaft des Kontinents stellen.«

CHRISTOPH BIERMANN

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