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SKI ALPIN Zwei gegen Österreich

Weil sich sein Vater mit dem Österreichischen Skiverband überwarf, startet der höchstbezahlte alpine Rennläufer Marc Girardelli für Luxemburg. Das trug ihm sogar Morddrohungen ein.
aus DER SPIEGEL 50/1985

Als Marc Girardelli im Februar bei den alpinen Ski-Weltmeisterschaften in Bormio Silber und Bronze einfuhr, lästerte Weltcup-Direktor Serge Lang laut Schlagzeile des Münchner Boulevardblattes »tz": »Noch nie hat ein größeres Arschloch eine Medaille gewonnen.«

Zwar entschuldigte sich Lang hernach. Marcs Vater und Trainer Helmut Girardelli

akzeptierte, weil »der Serge halt ein emotionaler Mensch ist«. Aber die Entgleisung des in der Branche wegen seiner Machtfülle »Weltcup-Papst« genannten Lang entsprang schwerlich dem Frust des Augenblicks. Seit Jahren nerven die selbstbewußten Girardellis die Verantwortlichen mit Alleingängen, die im alpinen Ski-Zirkus ohne Beispiel sind.

So startet der Österreicher Marc Girardelli, 22, auch in diesem Winter wieder für Luxemburg, weil sich Helmut Girardelli, 46, einst mit dem Österreichischen Skiverband (ÖSV) überwarf. Marcs öffentlich geäußerte Ansicht: »Skirennen sind persönliche und keine nationalen Anliegen«, ließ ganz Austria vor Entrüstung aufheulen. Die Ankündigung, er werde die luxemburgische Staatsbürgerschaft erwerben und an den Olympischen Spielen 1988 in Calgary als Repräsentant des Großherzogtums teilnehmen, trug ihm sogar telephonische Morddrohungen sein.

Die Österreicher verdrießt, daß sie im vorwiegend gegen die Schweizer ausgetragenen Kampf um Marktanteile seit den Glanzzeiten Franz Klammers keinen PR-Mann vom Kaliber Girardellis mehr aufzuweisen haben. Der gewann in der letzten Saison neben Slalom- und Riesenslalom-Weltcup auch den Gesamt-Weltcup, die begehrteste Trophäe im alpinen Rennsport.

Weil Einzelkämpfer Girardelli im Gegensatz zu den anderen Weltklasseläufern keinem nationalen Skipool angeschlossen ist, der die jeweilige Ausrüstung begrenzt, kann er seine Ausrüster und Werbepartner wie Atomic oder Marlboro frei wählen. Girardellis Einkünfte aus dem vergangenen Winter werden auf rund zwei Millionen Mark geschätzt. Trotz eines Pirmin Zurbriggen oder Ingemar Stenmark stieg er damit zum höchstbezahlten Akteur der Ski-Geschichte auf.

Es mache ihn stolz, so Marc Girardelli, daß er nun zurückzahlen könne. Denn »der Vater hat viel Geld in mich investiert«. Helmut Girardelli spricht von einer Million Mark, die er insgesamt aufgebracht habe, bevor der Sohn die begehrteste Litfaßsäule im Ski-Zirkus wurde.

Nach etlichen mageren Jahren, die familieneigene Stickerei mußte wegen Absatzschwierigkeiten stillgelegt werden, konnten sich die Girardellis 1984 den Erwerb des »Alpenhotels Bödele« in Vorarlberg erlauben. Doch mehr als der wirtschaftliche Aufschwung zählt für Girardelli senior die Genugtuung, daß er recht behalten hat.

Als er vor acht Jahren seinen Sohn beim luxemburgischen Verband anmeldete, schrieben ihm die ÖSV-Funktionäre hämisch: Damit sei ja dann wohl klar, daß aus Marc nie ein Spitzenläufer werden könne. Zum Krach war es gekommen, weil Girardelli sich geweigert hatte, Marc in ein österreichisches Ski-Internat zu geben, in dem die größten Talente des Landes konzentriert wurden.

»Die hohen Herren haben mir nicht zugetraut«, so Girardelli, »daß ich den Jungen ohne die finanzielle und fachliche Unterstützung ihres mächtigen Verbandes in die Weltspitze führen könnte.« Der Brief von damals sei für ihn wertvoller als jeder Titel, den Marc noch gewinnen werde.

Autodidakt Helmut Girardelli besuchte nie eine Trainerschule. Seine eigenen Erfahrungen als Rennläufer waren begrenzt und zudem mit einem schweren Unfall belastet. Er war als 17jähriger auf der Piste mit einer Skifahrerin kollidiert, die ihren Verletzungen erlag. Das schreckverzerrte Gesicht dieser Frau, sagt Girardelli, habe er zwar nur in Sekunden wahrgenommen, doch »das Bild hat sich wohl für immer in mir festgesetzt«. Nach dem Unglück fuhr er keine Rennen mehr.

Was die Kollegen auf der Trainer-Akademie erfuhren, besorgte sich Vater Girardelli aus Fachbüchern. Aber auf Trainingslehren gibt er sowieso nicht viel. Nur ein psychisch stabiler, selbstbewußter Einzelgänger wie zum Beispiel der Schwede Stenmark, laut Girardelli »der größte Skirennfahrer aller Zeiten«, könne ein Champ werden. Das vor allem habe er dem jungen Marc eingebleut, und das sei entscheidender gewesen als das tägliche zweistündige Training.

»Als Marc zwölf Jahre alt war«, erzählt Girardelli senior, »sprach ihn einmal ein Mann an: Da drüben steht der Weltmeister David Zwilling, willst du ein Autogramm von ihm?« Worauf Marc erwidert habe: »Ich warte, bis er eins von mir will.« Da habe er gewußt, »der Junge hat es begriffen«.

Das Wichtigste, so Marc Girardelli, was ihn der Vater gelehrt habe, sei wohl: »Immer die Wahrheit zu leben, immer geradeaus zu gehen.« An dieser Haltung prallte der Druck ab, den der Läufer zu Beginn seiner Karriere auszuhalten hatte.

Manches Mal, sagt Girardelli, sei er bei Rennen in Österreich »regelrecht betrogen worden. Um dem Vater eins auszuwischen, haben die Veranstalter meine Zeit schlechter gemacht, als sie war«. Das sei erst anders geworden, als die Zeiten bei Fernseh-Übertragungen eingeblendet wurden.

Vater und Sohn kämpften unerschrocken gegen Österreich. Sie haben längst gewonnen. Zwar hat der Champ inzwischen etwas Last mit der Gesundheit. Er ist kurzsichtig - zwei Dioptrien -, und nach einem schweren Sturz 1983 bei einem Rennen in Kanada kann er das linke Knie nicht mehr durchdrücken. Aber wenn die Girardellis bei großen internationalen Rennen aufkreuzen, belächelt niemand mehr mitleidig das Zwei-Mann-Team, dem allenfalls ein Service-Experte zur Seite steht. Der »Siegertyp Marc« (Vater Girardelli) hat sich durchgesetzt.

Unlängst war jedoch sogar Helmut Girardelli irritiert. Weil die Schweizer, Franzosen, Österreicher oder Deutschen gleich fünf, sechs Trainer an der Piste stationiert haben, die über Funksprechgeräte Erkenntnisse austauschen und ihren Läufern wichtige Tips geben können, erwog auch Girardelli die Anschaffung eines Walkie-talkie.

Er sei, so Girardelli, schon fest zum Kauf entschlossen gewesen, da sei ihm eingefallen: »Ja, und wenn du so ein Ding hast, mit wem willst du dann eigentlich reden?«

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