Mysteriöse DNS-Spur Mordverdächtiger saß zur Tatzeit in Haft

Jahre nach dem Mord an einer Frau glauben Ermittler endlich den Täter gefunden zu haben - mittels DNS-Analyse wurde Andreas S. überführt. Die Fehlertoleranz dieser Untersuchung liegt bei winzigen 1:2.500.000.000. Doch für die Tatzeit hat S. ein bombensicheres Alibi: Er saß im Hochsicherheitstrakt einer psychiatrischen Anstalt.

Göttingen - Die 61-jährige Ursula Kanies wird am 27. September 1997 ermordet. Vom Täter fehlt zunächst jede Spur. Erst vier Jahre später entdecken die Ermittler am Fahrrad des Opfers DNS-Spuren. Das Gen-Material führt die Polizei zu Andreas S. Die Staatsanwaltschaft ist sich sicher, den Mörder von Ursula Kanies gefunden zu haben.

Doch der mit genetischem Fingerabdruck scheinbar überführte Täter hat ein bombensicheres Alibi: Andreas S. saß am Tag des Mordes im Hochsicherheitstrakt des Landeskrankenhauses Göttingen. Wegen zahlreicher Sexualstraftaten in seiner Jugend ist der 41-Jährige seit 1977 dort untergebracht. So eine Situation hat es in der deutschen Justizgeschichte noch nicht gegeben.

Die Staatsanwaltschaft Hannover ließ daraufhin die DNS-Analyse überprüfen. Das Ergebnis blieb dasselbe: Die Erbsubstanz ist Andreas S. zuzuordnen, mit einer Wahrscheinlichkeit von 2.500.000.000 zu 1.

Die Göttinger Klinikleitung indes versichert, S. könne seine Zelle nicht aus eigener Kraft verlassen haben. Die einzige Möglichkeit sei, dass Mitarbeiter der Anstalt den Mann herausgelassen hätten, "und das ist völlig undenkbar", so Prof. Dr. Gunter Heinz vom Landeskrankenhaus Göttingen.

Der Verdächtige selbst weist die Vorwürfe zurück: "Ich habe diesen Mord nicht begangen", so Andreas S. Dessen Verteidiger Karl-Heinz Mügge ist guter Dinge angesichts der Versicherung der Klinik, man habe alle Sicherheitsvorschriften eingehalten. "Was Besseres kann meinem Mandanten nicht zur Verfügung stehen", sagt der Anwalt. Das sei schließlich kein Alibi von einem Verwandten, sondern von einer staatlichen Einrichtung.

1980 war Andreas S., trotz Unterbringung und Behandlung in der Klinik, rückfällig geworden und hatte versucht, eine Frau zu vergewaltigen. Der 41-Jährige war damals unter anderen Sicherheitsbedingungen untergebracht und hatte Ausgang. Der Zwischenfall hatte zu Untersuchungen geführt, ob Andreas S. genügend überwacht wurde. Ob S. im September 1997 die Klinik mit fremder Hilfe verlassen konnte, ist noch unklar. Die Staatsanwaltschaft ermittelt nun auch in diese Richtung.