Exklusiv-Interview bei SPIEGEL TV Atomspion Vanunu hofft auf Ausreisegenehmigung

Er ist Träger des alternativen Nobelpreises und er ist Israels Staatsfeind Nummer eins: Mordechai Vanunu. SPIEGEL TV hat den Mann getroffen, der das israelische Atomwaffenprogramm aufdeckte, jahrelang in Haft saß - und dem noch immer der Kontakt zu Journalisten verboten ist.


Vanunu im Gerichtsgebäude 2002: "Sie sollen hören, dass ich noch da bin"
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Vanunu im Gerichtsgebäude 2002: "Sie sollen hören, dass ich noch da bin"

Vor 19 Jahren verriet Mordechai Vanunu das israelische Atomwaffenprogramm an eine britische Zeitung, wurde vom Mossad gekidnappt und in einem Geheimprozess zu 18 Jahren Haft verurteilt. Elf davon saß er in Einzelhaft.

Seit einem Jahr hat Vanunu seine Strafe abgesessen, aber richtig frei ist er dennoch nicht. Noch immer fürchtet die Regierung, der Mann könnte Geheimnisse preisgeben, könnte über seinen Verrat und die Zeit im Gefängnis reden. Aus diesem Grund darf Vanunu weder das Land verlassen noch mit Ausländern Kontakt aufnehmen. Auch mit Journalisten zu reden, ist ihm per Gerichtsbeschluss verboten.

Trotzdem hat er sich mit SPIEGEL-TV Mitarbeiter Don Corpening getroffen und erstmals mit einem deutschen Fernsehteam über sein Leben gesprochen (SPIEGEL TV Magazin am Sonntag, 22.15 Uhr). Im Interview berichtet er von seinen Erkenntnissen über die geheime Atomanlage Dimona in der Negev-Wüste und er erzählt, auf welche Art die Israelis die CIA austricksten.

Atomanlage Dimona: Türen zugemauert
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Atomanlage Dimona: Türen zugemauert

"Selbst die CIA und viele andere Spionageorganisationen wussten nicht, wo dieses Gebäude war. Ich habe in diesem Haus gearbeitet. Es war 23 Meter unter der Erde, es gab zwei oberirdische Geschosse." US-Senatoren hätten die Anlage in der Zeit zwischen 1964 und 1969 mehrmals inspeziert. "Aber immer bevor die Inspektoren erschienen, hatten sie die Türen zugemauert. Man konnte nur das obere Stockwerk sehen, mit den Klimaanlagen. Von den sieben unterirdischen Etagen sahen sie nie etwas."

Vanunus Aufgabe in Dimona: bestimmte technische Prozesse zu kontrollieren. Da ihn diese Aufgabe nicht besonders forderte, begann er aus Langeweile zu fotografieren - und er schoss die bis heute einzigen Innenansichten von Dimona. Seinen Job verlor er schließlich aufgrund von Sparmaßnahmen. Er konvertierte zum Christentum und reiste 1986 um die halbe Welt: Thailand, Nepal, Australien. Versteckt in seinem Rucksack: die Filme aus der Waffenfabrik.

"Ich wollte die Filme erst entwickeln, wenn ich eine Zeitung gefunden hatte, die sie veröffentlichen würden." Schließlich lernte er den englischen Journalisten Peter Hunoum von der "Sunday Times" kennen, er verriet die Geheimnisse, übergab die Bilder. Die Story wurde gedruckt - doch da war Vanunu bereits in den Fängen des Mossad. In Rom wurde er vom israelischen Geheimdienst gekidnappt, nach Israel gebracht und dort verurteilt.

Häftling Vanunu mit gekritzelter Botschaft (1987): "Vanunu was hijacked from Rome, ITL., 30.9.86, 21.00, BA504".
AP

Häftling Vanunu mit gekritzelter Botschaft (1987): "Vanunu was hijacked from Rome, ITL., 30.9.86, 21.00, BA504".

Der heute 50-jährige Mordechai Vanunu war mit seinen Eltern, orthodoxen Juden aus dem marokkanischen Marrakesch, nach Israel gekommen. Mordechai, eines von neun Kindern, erhielt eine streng religiöse Erziehung, studierte Physik an der Universität Tel Aviv und scheiterte in zwei Examen.

Heute lebt Vanunu in einer Anlage der St.-Georg-Kirche in Ost-Jerusalem. Jeden Tag Punkt 12 Uhr steigt er die Stufen auf den Kirchturm und läutet die Glocken. Wenn er vom Turm schaut, blickt er genau auf das Gerichtsgebäude, in dem er 1987 verurteilt wurde. "Sie sollen einfach hören, dass ich immer noch da bin", brüllt er gegen den ohrenbetäubenden Lärm der Glocken an.

"Ich hoffe, sie lassen mich ausreisen, so dass ich ein neues Leben beginnen kann. Hier kann ich jedenfalls nicht weiterleben."



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