Traumatisierte US-Soldaten Jackies Krieg im Kopf

Er war an vorderster Front dabei, sah das ganze Grauen des Kriegs: Jacob Blaylock diente als US-Nationalgardist im Irak. Er galt als geschickter Soldat, überlebte einen Bombenanschlag - und erschoss sich nach der Rückkehr in die Heimat. Die Geschichte einer zerstörten Persönlichkeit.
Von Karin Assmann

Zweimal klickt das Feuerzeug, dann glüht die Zigarette. Er bläst den Rauch nach oben und blickt kurz in die Kamera, tänzelt umher, die Augen ständig in Bewegung, so als beginne er nicht ganz freiwillig mit seiner Erzählung: "Hey, ich bin's, Jackie. Es ist der 20. April. Wir fahren in sechs Tagen nach Hause. Ich habe am 14. zwei gute Freunde verloren, und ich habe Probleme, damit fertig zu werden."

Seine Kameraden hielten diese Worte für etwas melodramatisch. Monatelang hatte der US-Soldat Jacob Blaylock, genannt "Jackie", versucht, mit seiner Videokamera den Alltag seiner Einheit zu dokumentieren. Aber wie fast alle, die mit ihren Kleinkameras in den Irak gezogen waren, hatte er meist nur Blödeleien gefilmt.

Sicher, er hatte die Kamera auf seine Waffe montiert, hatte die scheinbar endlosen, staubigen Highways rund um Bagdad gefilmt, doch richtig ernst wurde er dabei nur, wenn er sich selbst in Szene setzte. Dann war er der einsame, der sensible Soldat, der ganz vorne saß, an der Waffe des Spähfahrzeugs.

Die Unfreiwilligen

Wie sensibel, das wussten seine Kumpels, die wie er zur 1451. Transportkompanie der Nationalgarde abkommandiert worden waren, sie nannten sich die "Involuntarys", die Unfreiwilligen. Für Jackie waren sie seine zweite Familie. Die vierzehn Männer kümmerten sich um ihn, machten ihm Mut, lachten über seine Witze und wurden Fans seiner Musik.

Sie waren es auch, die ihn acht Monate nach seiner Videobotschaft, auf dem Soldatenfriedhof in Houston, Texas, zu Grabe trugen.

"Die Army liebt mich so sehr, dass sie mich nach vier Jahren wieder einberufen hat. Sie gibt mir bezahlten Urlaub in der Sonne und im Sand. (…) Sie nimmt mir alles und gibt mir dafür eine Waffe", schrieb Jackie im Frühjahr 2006 im Internet.

Die Army hatte ihm gerade ein Wiedereinberufungsschreiben per Kurier geschickt. Damit hatte er nicht gerechnet. Bereits 2001 war er ehrenhaft, aber mit einer attestierten Persönlichkeitsstörung entlassen und in das Korps der Reservisten aufgenommen worden.

Busch brauchte Soldaten

Doch George W. Bush benötigte Soldaten für seine Offensive im Irak, und so mussten im Herbst 2005 Tausende sogenannter IRRs (Individual Ready Reserves) zurück an die Front. Sie waren genau das, was die Armee und insbesondere die Nationalgarde brauchten. Sie waren erfahren und gut ausgebildet, auch wenn sie in der Zwischenzeit ein wenig zugenommen hatten.

Was sie als Begleitschutz für Versorgungslaster im Irak erwartete, war ein langweiliger und zugleich gefährlicher Job. Die Fahrt entlang der mit selbstgebastelten Straßenbomben, den IEDs (Improvised Explosive Devices) verminten Straßen war wie Russisches Roulette auf Rädern. Vorneweg fuhr stets ein Späher, das wichtigste Fahrzeug des Konvois, darin ein Richtschütze, der die Straße nach Bomben absuchte. Übersah er die Gefahr, flog entweder sein Fahrzeug oder der ganze Zug in die Luft.

Dass ausgerechnet Jackie auf diesem Posten landete, war nicht ungewöhnlich. Zugführer Jacob Siegel erinnert sich: "In jedem Konvoi, der losgeschickt wurde, waren es fast immer Reservisten in dem Spähfahrzeug. Es war die gefährlichste Position und eine der wichtigsten."

Spiel mit dem Tod

Am Steuer seines Wagens saß auch ein Reservist: Joshua Schmit. Dessen Frau sagt heute: "Er hat sich Sorgen gemacht um Jackie. Er hat gesagt, er musste Jackie dauernd beruhigen, weil er so nervös war, weil er so viel Angst hatte."

Gemeinsam ertrugen sie das endlose Spiel mit dem Tod. Ihre Videokameras waren immer dabei. Wo der echte Krieg aufhörte und die Inszenierung begann, ist nicht immer deutlich zu erkennen. Wie TV-Moderatoren kommentierten sie Fahrten durch die Wüste, sozusagen "live aus dem Krieg". Plötzlich fällt ein Schuss, die Kamera fällt zu Boden, und zu sehen sind nur noch Patronenhülsen, die auf den Boden regnen.

Die Monotonie ihres Auftrags wiederholt sich im Zweitages-Rhytmus. Sie sammeln die Lastwagen ein. Nach Einbruch der Dunkelheit und nach einem gemeinsamen Gebet - für alle Fälle - geht es los.

"Ein guter Soldat"

Und immer ist es die Verantwortung des Spähers, Straßenbomben im Scheinwerferlicht zu erkennen. Jackie ist gut in seinem Job. Vor jedem Einsatz albert er herum, erklärt mit seiner hohen Stimme: "Mann, ich habe kein gutes Gefühl." Doch er fehlt kein einziges Mal, verpasst keine Tour und übersieht keine Straßenbombe. Zugführer Siegel: "Er hatte gute Augen, war ein guter Soldat. Seine Waffe war immer sauber. Er war wirklich gut."

Fast voyeuristisch, als sei er auf der Suche nach noch mehr Belegen für die eigene Sterblichkeit, dokumentiert Jackie die Grauen des Krieges. Sichtlich erschüttert berichtet er von einem Vorfall, bei dem ein Verbündeter vor seinen Augen mit zerschossenem Schädel um sein Leben kämpft.

"Keine Ahnung, ob er überlebt hat. Zwanzig Minuten später sind sechs irakische Soldaten von einer Straßenbombe getötet worden." Dies alles, während er filmt, wie seine US-Kameraden sich vor einer zerschossenen Blockade fotografieren. Souvenirs fürs Familienalbum.

Einige Zeit später findet Jackie in einem zerschossenen Humvee die blutige Uniform eines Soldaten: "Holy shit, holy shit", ruft er.

"Ich will nicht sterben"

In ihrem Häuschen in Indiana haben seine Eltern ein Zimmer unter dem Dach für ihn eingerichtet. Hier steht die kleine Videokamera, direkt unter einem Foto, das ihn in Kriegerpose zeigt. Sein Vater Rickie, selbst Veteran der US Army, erinnert sich: "Jacob hat viel gesehen. Leichen und alles Mögliche. Mein Sohn hat vor mir geweint: 'Ich will nicht sterben.'"

Seine Mutter Jacqueline sagt: "Er war immer müde, bekam nie genug Schlaf und konnte kaum das Ende jeder Tour erwarten. Dann hieß es immer gleich wieder: umdrehen und das ganze noch mal von vorne."

Dabei hätte Jackie nie in den Krieg geschickt werden sollen. Als 17-Jähriger hatte er sich freiwillig zum Wehrdienst gemeldet. Nach einer gescheiterten Beziehung brach er jedoch zusammen und erholte sich nur mühsam von dem Nervenzusammenbruch. Dienstuntauglich sei er, sagten die Ärzte und attestierten ihm eine Persönlichkeitsstörung. Nur hatte man offenbar vergessen, ihn von der Liste der Reservisten zu streichen. Somit war er noch über Jahre abrufbar.

Seine Freundin Heidi Plumley sah nicht ein, warum er wieder eingezogen wurde: "Wenn du eine Persönlichkeitsstörung hast, gehörst du nicht in einen Krieg."

Die Kameraden warnen

Auch Jackies Kameraden wussten um seine Verfassung. Schon in den ersten Wochen fiel er Brian LaGuardia auf. Der erfahrene Soldat warnte davor, ihn mitzunehmen. "Jackie war ganz offensichtlich sehr emotional. (...) Wir gingen zum Psychologen und sagten: 'Ihn müsst ihr euch näher ansehen, der sollte nicht mitkommen.'"

Aber der Fachmann sah das anders, und so zog Jackie in den Krieg und entwickelte sich zu einem überdurchschnittlich guten Soldaten.

Emotional gestützt wurde er von seinen Kameraden. Allen voran Brandon Wallace. Auch er ließ sich gerne filmen. Vor allem dann, wenn er sich über die Nationalgarde lustig machte. Mit halb heruntergelassener Hose mimt er den typischen Nationalgardisten, samt Bierbauch, und Südstaatenakzent. Für Jackie war Brandon ein Kumpel, mit dem er Dampf ablassen konnte.

"Rumalbern, nur so war es auszuhalten. Wir haben Witze gemacht, Streiche gespielt. Vor allem Jackie", so Riley Palmertree.

Russisches Roulette in der Wüste

Das russische Roulette im Minenfeld der irakischen Wüste nahm kein Ende. Jackie hielt durch, doch als er Brandon gestand, dass er mit den Nerven am Ende war, bot der ihm an, seinen Posten vorne im Konvoi zu übernehmen. Dankbar nahm Jackie das Angebot an.

Ihr Zugführer, Jacob Siegel, stimmte zu: "Jackie hat am Ende gewechselt, weil es wirklich an ihm zehrte, weil er da vorne zu viel gesehen hatte. Aber ich glaube, nein, ich bin sicher, dass Jackie sehr stolz darauf war, fast ein ganzes Jahr lang Schütze im Spähfahrzeug gewesen zu sein."

Es ist der 13. April, ein Freitag, der Tag an dem sich der letzte Zug unter Geleit der 1451. auf den Weg macht. Die Laune ist denkbar gut. Jackie tänzelt mit seiner Kamera von einer Gruppe zur nächsten. Man spürt die Energie. Als er einem Soldaten zuruft: "Unsere letzte Tour!", erwidert der: "Du bringst uns noch um." Jackie lacht. Abergläubisch ist er nicht.

Josh Schmit ist noch immer Fahrer des ersten Wagens. Sein Späher an der Waffe ist jetzt Brandon, der an Jackies Stelle mitfährt. Stunden vor der letzten Fahrt fragt Jackie ihn vor laufender Kamera, ob er nicht doch wieder die Plätze tauschen möchte. Brandon schaut verständnislos: "Nein."

Die Bombe geht hoch

Eigentlich läuft alles so wie immer in dieser Nacht. Ein Konvoi kommt ihnen entgegen, berichtet von einem Schusswechsel. Ihnen droht keine Gefahr. Sie fahren weiter. Kurz darauf geht die Bombe hoch.

Brandon Wallace wird aus dem explodierenden Humvee geschleudert. Josh Schmit kommt in dem Flammenmeer um.

Jackie rast nach vorne, dorthin wo er gewesen wäre, hätte er nicht mit Brandon getauscht. Er will sich in das brennende Wrack stürzen. Nur mit Mühe halten die anderen ihn davon ab. Die Bilder gehen ihm nicht mehr aus dem Kopf.

Bei der Trauerfeier im Irak spielt ein aufgelöster Jackie für seine gefallenen Freunde. Er sitzt heulend mit seiner Gitarre vor dem Mikrophon und singt darüber, was sein wird, wenn auch er in den Himmel kommt. Eine Woche später zieht er ein erstes Fazit vor der Kamera.

"Ich habe noch nie so was durchgemacht. Bomben sind vor meinen Augen explodiert, ich bin beschossen worden, Freunde von mir wurden verwundet. Vielleicht habe ich schon mal getötet, aber das gebe ich nicht zu, weil ich es nicht genau weiß. Es fällt mir jetzt schwer, damit fertig zu werden."

Den Auftrag erfüllt

Aber mit der letzten Mission hatte die Einheit ihren Auftrag erfüllt. Die Aussicht auf ihre baldige Heimkehr hebt die Stimmung, auch Jackies. Für sein Videotagebuch spricht er in die Kamera: "Es ist wie eine Massenflucht bei der 1451., die ihr Wohnquartier verlässt und sich auf den Heimweg macht."

Keine Woche nach dem Tod der beiden Männer, bricht die Einheit ihre Zelte ab.

Auf der Heimreise schmieden sie ihren Plan: Die Reservisten wollen zu erst zu den Eltern ihrer gefallenen Freunde, Brandon Wallace und Josh Schmit. Mit einem geliehenen Armeebus macht sich der Kern der Gruppe auf den Weg, quer durch die USA. Es sind die letzten Tage als Bruderschaft, die ein Jahr lang gemeinsam überlebt hat.

Im Wohnzimmer der Familie Schmit hängt ein riesiger Wandteppich, bestickt mit einem Bild von Josh in Sportuniform. Ein Stockwerk höher ein Raum, den seine Mutter Kim Joshs Zimmer nennt. Hier sammelt sie Fotos, Devotionalien , alles was ihr jemals in Gedenken an ihren Sohn zugeschickt wurde.

"Ich wünschte, du hättest überlebt"

Gleich links an der Wand die US-Flagge, die Soldaten signiert haben. Sie schiebt eine Pflanze beiseite, damit man Jackies Eintrag besser lesen kann: "Ich bin so oft mit dir knapp mit dem Leben davongekommen. Ich wünschte, du hättest diesmal auch mit mir überlebt, Buddy."

Kim Schmit bemerkte, wie schwer Jackie die Begegnung mit der trauernden Familie fiel: "Sie hielten ihn im Hintergrund, als wollten sie ihn schonen. Als sie ihn nach vorne schoben, da war er so furchtbar traurig. Wir umarmten ihn und er weinte. Er hatte das Gefühl, dass er es hätte sein sollen, der mit Josh auf diese Mission ging."

Für Andrea war es die erste Begegnung mit dem labilen Schützen: "Als ich Jackie gesehen habe, habe ich mir gedacht, der braucht dringend Hilfe. Jedesmal wenn er über Josh und über Brandon geredet hat, da hat man richtig gesehen, dass es ihm weh tut, darüber zu reden."

Brandon Wallace liegt auf dem Militärfriedhof in Missouri. Für Jackie sind die Erinnerungen zu viel. Er filmt wie die Gruppe zum Friedhof läuft, zwischen den Gräbern hindurch. Die Kamera zittert. Ein Foto der Männer zeigt Jackie im Gras, traurig auf das Grab blickend, den Kopf gesenkt, klein und gebückt. Die Familien, die er trösten kam, müssen ihm Mut zusprechen.

"Ich bin fertig."

Brandons Mutter Robin erinnert sich an die Begegnung: "Ich sagte ihm: 'Bitte, fühl dich nicht schuldig dafür, dass du heimgekehrt bist und Brandon nicht. Es ist ok.' Aber er ließ den Kopf hängen und seine Miene war einfach so traurig."

Dennoch versucht er weiter zu machen, arbeitet an seiner Musikkarriere, tritt auf und schreibt neue Lieder - die meisten handeln vom Krieg. Auf seiner Website gibt es nach wie vor nur ein Thema. Er schreibt über seine Albträume und immer wieder über den Verlust der Freunde, darüber, dass er in dem ersten Wagen hätte sitzen sollen.

Mittlerweile ist Jackie bei seiner Freundin Heidi eingezogen. Die Beziehung leidet zunehmend unter seinen Wutausbrüchen. Er trinkt. Heidi will helfen: "Ich versuchte ihn dazu zu bringen, ins Militärkrankenhaus zu gehen, um Hilfe zu bekommen. Das hat er dann auch gemacht, aber geholfen hat es nicht."

Vor allem konnten die Militärärzte offenbar seine Suizidgefährdung schwer einschätzen. Er bekam ein Rezept für Antidepressiva. Die Pillen sollten ihm zugeschickt werden. Seiner Familie erzählte er, wie froh er sei, dass bald alles besser werden würde. Doch auf dem Beifahrersitz seines Jeeps ließ Jackie einen eigenartigen Liedertext liegen.

"Ich habe dieses falsche Lächeln zu lang getragen. Es ist zu schwer, ich kann es nicht mehr ertragen. Ich brauche Frieden. Es tut mir leid. Ich bin fertig."

"Fuck the Army"

Am Abend des 8. Dezember verliert Jackie mit seiner Band einen wichtigen Wettbewerb. Es hätte der Durchbruch sein können. Nach einem Streit mit Heidi fahren die beiden wütend heim. Plötzlich steht Jackie mit einer Pistole vor ihr. Es ist die Glock, die sie ihm geschenkt hatte.

"Wir haben um die Waffe gekämpft und als er sich losgemacht hatte, lief er damit auf und ab. Dann hob er sie an seinen Mund und ich sagte: 'Was erreichst du damit? Was werden alle denken?' Und er ging weiter auf und ab, zeigte mit der Waffe auf mich, dann auf sich und dann war auf einmal alles still. Ich drehte mich um, er hielt die Waffe an seinen Kopf und erschoss sich."

Jackies Vater kramt mit zittrigen Händen in einer Schublade. Auf seiner Hand steht in fetten Buchstaben: "FTA", "Fuck the Army." Schließlich findet er sie, die zerknitterten Umschläge mit Namen und Adresse seines Sohnes. "Hier, das sind die Medikamente, die ihm helfen sollten. Sie kamen einen Tag nach seinem Tod mit der Post bei ihm an."

Mehr über Jacob Blaylocks Fall und den Umgang mit traumatischen Erlebnissen an diesem Sonntag im SPIEGEL TV Magazin von 22.10 bis 22.55 Uhr auf RTL.

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