Wassergeburt Gesundheitsrisiko oder Tauchprüfung?

Ob die professionelle Geburt in deutschen Hightech-Kreißsälen oder die kollektive Säuglingsaustreibung im übervölkerten russischen Poliklinikum - noch immer bringen die meisten Mütter Europas ihre Kinder im traditionellen Gebärbett zur Welt.


"Wasserdicht" durch Tauchreflex - Säuglinge sind vor Wasser in den Lungen zunächst gefeit
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"Wasserdicht" durch Tauchreflex - Säuglinge sind vor Wasser in den Lungen zunächst gefeit

Was Jahrzehnte lang als sicherheitsverheißende und halbwegs bequeme Position erschien, hat in den trendsüchtigen Neunzigern allerdings extrem an Popularität verloren. Eine Klinik, die heute keinen Gebärhocker oder Geburtsstuhl bereitstellt, gilt bereits als antiquiert.

Geburtsseile und Sprossenwände haben Einzug in die Geburtshäuser gehalten, der Vierfüßlerstand wurde neu entdeckt. Whirl-Pool-artige Gebärbecken eroberten die Kreißsäle der Krankenhäuser und machten die Wassergeburt zum angesagtesten Geburtsmodus der letzten Jahre.

Der Kampf gegen den Schmerz hat Tradition

Die Geburt eines Kindes im Wasser ist beileibe keine europäische Erfindung: Ägypter, Panama-Indianer oder die neuseeländischen Maoris praktizieren sie schon seit vielen Jahrhunderten. In Frankreich begann man vor rund 200 Jahren damit, die niederkommenden Frauen in ein Wannenbad mit warmem Wasser zu legen, um die Muskelentspannung zu fördern und damit die Öffnung des Muttermundes zu erleichtern. Der so genannte Circulus vitiosus, der Teufelskreis zwischen Schmerz, Angst und Verspannung vor und während der Entbindung wurde erfolgreich durchbrochen.

Was damals eine keinesfalls keimfreie und damit nicht ungefährliche Erleichterung der Niederkunft bedeutete, wird heute als ein nach allen Seiten abgesicherter Geburtsmodus für Wasserliebhaber und Freunde einer säuglingsgerechten Entbindung angeboten. Die Frau liegt dabei in einer Gebärwanne, die bis etwa Nabelhöhe mit 34 bis 36 Grad Celsius warmem Wasser gefüllt ist. Hebamme, Arzt und Partner leiten und begleiten die Frau vom Wannenrand aus.

Kehlkopfverschluss gegen Kolibakterien

Sowohl Eröffnungs- als auch Austreibungsphase können hier stattfinden. Die kindlichen Herztöne werden über wasserdichte Schallköpfe kontrolliert, die Übertragung auf den Wehenschreiber erfolgt per Funk. Gegen Ende der Austreibung lässt die Wehentätigkeit bisweilen nach, was durch Aufstehen und einige Minuten Stehen in der Wanne behoben werden kann. Fünf bis zehn Sekunden nach der Geburt wird das Kind an die Wasseroberfläche gebracht und auf den Bauch der Mutter gelegt.

Während viele Frauen von der Wassergeburt schwärmen, weil sie dem Neugeborenen einen sanften Übergang vom heimeligen Uterus in die kalte Außenluft ermöglicht, warnen Mediziner schon seit langem: Mit Kolibakterien verseuchtes Wasser könne in die Lungen des Kindes gelangen, der Kältereiz als Atemstimulus würde - ganz wider die Natur - entfallen.

In der Regel ist es der so genannte Diving-Reflex, der dafür sorgt, dass ein Neugeborenes auch beim Austritt aus dem Mutterleib kein Wasser einatmet. Schon in der Gebärmutter lösen Rezeptoren auf der Gesichtshaut des Fötus den Verschluss des Kehlkopfes aus, solange sie mit Wasser in Berührung stehen. Sobald Luft an diese Rezeptoren gelangt, wird der reflexartige Verschluss aufgehoben. Dieser Tauchreflex funktioniert noch vier Monate nach der Geburt - dann muss das Kind neu erlernen, was es bis dahin unbewusst beherrschte: schwimmen und tauchen.

Die Lunge des ungeborenen Kindes produziert täglich etwa 250-300 Milliliter Lungenflüssigkeit. Sollte das Kind trotz allem versuchen, während der Geburt Wasser in die Lunge einzuatmen käme es in erster Linie zu einer Verschiebung von Flüssigkeiten und nicht zum Volllaufen eines luftgefüllten Raumes. Die Lungenflüssigkeit wird etwa drei Tage vor Einsetzen der Wehen durch hormonelle Steuerung zum Teil resorbiert und gelangt aus den Lungenbläschen in das Blutsystem. Den verbleibenden Rest hustet das Kind nach der Geburt ab.

Wann man dem Bade entsagen sollte

Von einer Wassergeburt abgeraten wird bei allen Umständen, die das Risiko eines Sauerstoffmangels in sich tragen. Dazu gehören Frühgeburtlichkeit, das Auftreten von grünem Fruchtwasser und ein auffälliges oder pathologisches Kardiotokogramm (CTG), dass die kindlichen Herztöne und Wehen der Mutter aufzeichnet. Auch Risiken wie Mehrlingsschwangerschaften oder Beckenendlage lassen den Arzt von einer Wassergeburt eher abraten.

Weniger Schmerzmittel durch mehr Entspannung

Als größter Vorzug dieses Geburtsmodus gilt die maximale Entspannungsmöglichkeit der Gebärenden. Es ist erwiesen, dass weit über 90 Prozent aller im Wasser entbindenden Frauen weniger oder gar keine Schmerzmittel brauchen. Die Wehen werden um ein Vielfaches besser toleriert. Die Zahl der Dammschnitte ist bei Wassergeburten um rund die Hälfte geringer. Frauen, die im Wasser niedergekommen sind, verlassen die Kliniken und Geburtshäuser außerdem früher als ihre traditionell entbindenden Geschlechtsgenossinnen.



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