Interview mit Emergency-Gründer Strada Ein Krieg, so schmutzig wie alle anderen

Der italienische Arzt Gino Strada ist Mitbegründer der Hilfsorganisation "Emergency", die sich weltweit für Kriegs- und Minenopfer einsetzt. Sein Team blieb auch nach den Terrorangriffen in Afghanistan und arbeitet zurzeit in einem Krankenhaus in Anabahr, auf dem Gebiet der Nordallianz. SPIEGEL ONLINE hat den unermüdlichen Chirurgen nach seinen Eindrücken aus dem Pandschir-Tal befragt.

SPIEGEL ONLINE:

Kann der Angriff auf Afghanistan eine Lösung für die immensen Probleme in der Region und die Terrorgefahr weltweit sein?

Strada: Ich glaube, in diesen Tagen sollten wir im Auge behalten, dass Krieg immer Krieg generiert. Eine Terrorattacke hat eine militärische Auseinandersetzung provoziert, die bereits Unruhen und Tote in Pakistan gefordert und internationale Panikreaktionen hervorgerufen hat. Jetzt fürchtet man weitere Terrorangriffe und die wird es auch geben. Es ist niemand da, der sich entscheidet, diese Spirale zu unterbrechen. Am Ende der Spirale werden wir jedoch alle gleich sein.

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie Möglichkeiten, die Eskalation noch zu verhindern?

Strada: Man könnte sie jederzeit unterbinden, wenn die Verantwortlichen den politischen Willen dazu hätten. Es sind aber große wirtschaftliche Interessen im Spiel.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange können Sie sich noch in der Region aufhalten, ohne sich in direkte Lebensgefahr zu begeben?

Strada: Ich glaube, dass die Entscheidung von Emergency, Afghanistan nach den Terrorattacken vom 11. September nicht zu verlassen, absolut richtig war. Ich sage nicht, dass wir mutiger oder engagierter sind als andere Vertreter von Hilfsorganisationen, keinesfalls. Ich sage einfach, dass es unser Beruf und unsere Aufgabe ist, Kriegsopfern zu helfen. Wir sind stolz auf unsere Arbeit, denn wir haben die zwei besten Krankenhäuser des Landes gebaut, in denen die hygienischen Zustände einwandfrei sind und in denen es eine Röntgenabteilung, Sauerstoff und Antibiotika gibt - Dinge, die hier etwas ganz Besonderes sind.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie bereits von den Amerikanern abgeworfene Pakete mit Lebensmitteln oder Medikamenten zu Gesicht bekommen?

Strada: Ich habe noch keine einzige Pille gesehen und meine Kollegen in Kabul auch nicht. Sehen Sie, ich betreibe meine Arbeit aus Leidenschaft und finde es bisweilen nahezu beleidigend, wenn ich mir die großen Reden über humanitäre Hilfe anhören muss, während wir hier unsere tägliche Arbeit verrichten.

SPIEGEL ONLINE: Für wie glaubwürdig halten Sie Aussagen amerikanischer und britischer Militärs, man werde keine zivilen Ziele in Afghanistan bombardieren?

Strada: Die Statistiken sind in dieser Beziehung eindeutig: 90 Prozent aller Kriegsopfer weltweit sind Zivilisten. Und doch gibt es keinen Politiker auf diese Welt, der das zugeben würde. Dieser Krieg wird nicht anders sein als alle anderen schmutzigen Kriege dieser Welt.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet ein weiterer Krieg für die afghanische Bevölkerung?

Strada: Dieses Land ist vollkommen verwüstet, es wurde buchstäblich massakriert. Sie sehen hier überall Menschen auf Krücken und mit fehlenden Gliedmaßen herumlaufen. Noch heute sind im afghanischen Erdreich zehn Millionen Minen vergraben - bei geschätzten 20 Millionen Menschen kommt auf jeden zweiten eine Mine. Afghanistan hat fast ein Vierteljahrhundert Krieg hinter sich, grausame Auseinandersetzungen, die unter dem allgemeinen Desinteresse der Weltgemeinschaft stattfanden. Wenn sich jemand interessiert zeigte, dann lediglich, um einen weiteren Konflikt anzustiften. Ich glaube, die Afghanen sind eines der Völker, die auf diesem Planeten am meisten gelitten haben.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Mitarbeiter hat "Emergency" zurzeit in Afghanistan?

Gino Strada: Wir sind ein internationales Team von neun Helfern, das auf dem Gebiet der Nordallianz durch eine Gruppe von 280 Afghanen unterstützt wird, die sich im Pandschir-Tal aufhalten. Weitere 65 Mitarbeiter sind in Kabul, rund einhundert Helfer stehen landesweit auf Abruf.

SPIEGEL ONLINE: Sie wurden am 17. März diesen Jahres von den Taliban mit Waffengewalt gezwungen, Ihr erst ein Jahr zuvor gebautes Hauptstadtkrankenhaus zu verlassen. Wie stehen die Chancen, dass Sie Ihre Arbeit in Kabul wieder aufnehmen?

Strada: Wir sind zweimal täglich in Kontakt mit unseren Mitarbeitern und den Verantwortlichen in Kabul und sehen im Moment keinen Anlass für Unstimmigkeiten, was den Fortbestand des Hospitals angeht. Das einzige Problem, das uns davon abhält, nach Kabul zurückzukehren, ist die Tatsache, dass wir weder unseren Mitarbeitern noch den Patienten Sicherheitsgarantien für Transport und Aufenthalt geben können.

SPIEGEL ONLINE: Es ist noch Personal vor Ort?

Strada: Nachdem wir das Krankenhaus verlassen mussten, haben wir so viele Helfer da gelassen, wie nötig waren, um die Bewachung und Instandhaltung der Räume zu garantieren. Unser Hospital befindet sich daher in ausgezeichnetem Zustand. Wenn wir zurückkehren, können wir sofort anfangen zu arbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Das zweite Krankenhaus, auf das sie ausgewichen sind, steht in Anabahr, im Pandschir-Tal, rund 80 Kilometer von der Front entfernt. Wie viele Verletzte betreuen Sie dort zurzeit?

Strada: In diesen Tagen werden immer wieder Verletzte eingeliefert, die den Auseinandersetzungen zwischen Nordallianz und Taliban zum Opfer gefallen sind. Ihre Zahl schwankt, aber ich schätze, dass es pro Monat mindestens 100 sind. Seit Anfang des Jahres 2000 haben wir 6000 Patienten im Krankenhaus und weitere 8000 Menschen in den sechs Erste-Hilfe-Stationen in Frontnähe behandelt. Weil der interne Konflikt seit den Terrorangriffen auf die USA nicht zum Stillstand gekommen, ist die Zahl der Patienten relativ gleich geblieben.

SPIEGEL ONLINE: Was sind die dringlichsten Probleme, woran mangelt es?

Strada: Unser größtes Problem ist dasselbe, das auch alle anderen Menschen auf der Welt im Moment haben: Der Krieg.

Das Interview führte Annette Langer

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