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Unter Linken Von einem, der aus Versehen konservativ wurde

Die linke Lebenswelt ist für politische Unterhaltung ein riesiges und bislang weitgehend unerschlossenes Schürfgebiet. Jan Fleischhauer hat sich für SPIEGEL TV unter Linke gemischt - und komische Erfahrungen gemacht. Doch nicht alle können dabei lachen.

Warum ist jeder gute Linke gegen McDonald's - aber nicht gegen den Imbissstand an der Ecke, der im Zweifel gesundheitlich viel bedenklicher ist? Stellen Sie diese Frage mal einem Linken, sie werden schnell feststellen, dass er ziemlich ins Schwimmen kommt.

Am Ende landen Sie vermutlich bei der Erklärung, dass ein Versorgungsunternehmen wie McDonald's nun einmal nicht zur deutschen Imbissleitkultur passt. Das ist jedenfalls exakt die Antwort, die mir der grüne Bundestagsabgeordnete Christian Ströbele gab, als ich ihn über einer großen Portion Pommes mit Mayo zu politisch korrekter Imbisskost befragte. Wer hätte gedacht, dass sich ein kluger Mann wie Ströbele so schnell als Kulturchauvinist outen würde?

Ich muss gestehen, ich hatte immer Schwäche für Michael Moore. Natürlich sind seine Film einseitig, polemisch, ungerecht, aber eben auch enorm komisch. Man kann viel von Moore lernen, wenn man sich auf die Ebene des Dokumentarfilms begibt, den Einsatz von Musik, um Spannung zu erzeugen, die Montage von Fernsehbildern mit Szenen, vor allem aber, wie man Menschen durch scheinbar naive Fragen aus der Fassung bringt. Als ich vor ein paar Monaten seine Abrechnung mit dem Kapitalismus sah, dachte ich mir: Warum versucht das niemand in Deutschland?

Das Schöne an der Linken ist, dass sie wie jede Glaubensbewegung eine Reihe von Geboten und Vorschriften kennt, die es unbedingt zu befolgen gilt. Man muss sich nur hineindenken können in diese Welt. Dass man als guter Linker nur noch von "BäckermeisterInnen" spricht und schreibt, versteht sich von selbst. Aber soll man auch "HolocaustleugnerInnen" sagen oder "VergewaltigerInnen"?

Natürlich, wie ich nun von der grünen Gleichstellungsbeauftragen Franza Drechsel weiß, die mir in "Unter Linken" die Feinheiten der Gendersprache beibringt. Am besten sogar "mit Unterstrich und kleinem i", um auch alle Menschen einzuschließen, "die sich sexuell nicht zuordnen wollen". Der wirklich aufgeklärte Linke schreibt deshalb konsequent nur noch von Vergewaltiger_innen - das nenne ich wahre Gleichberechtigung!

Die Krux jeder utopistischen Bewegung besteht darin, dass ihre Bemühungen um die Herstellung einer besseren Welt nie ein definiertes Ende haben. Deshalb kann man das Gespräch mit Linken auch immer weiter treiben, über den Punkt der Absurdität hinaus. Das macht es so komisch. Klar, nicht alle können lachen. Der Gewerkschaftsvorsitzende Frank Bsirske schon mal nicht: Zwei Fragen zu den Demonstrationen von "ver.di" gegen das Sparpaket und schon ist man an dem Punkt, wo nicht mehr viel fehlt, dass es knallt. Wäre keine schlechte Werbung gewesen: Gewerkschaftschef schlägt SPIEGEL-Reporter. Wusste er vermutlich auch, deshalb hat er sich gerade noch mal zurückgehalten, aber nur ganz knapp.

Den Film sehen Sie im SPIEGEL TV MAGAZIN, Sonntag, 23.25 Uhr, RTL