Hinter den Kulissen eines Wochenmarkts Die Händler der Jahreszeiten

Auf dem Hamburger Wochenmarkt in der Isestraße ist die Welt noch in Ordnung: Exzellente Lebensmittel aller Art, gut aufgelegte Händler mit Humor und geradezu aufreizend entspannt wirkende Kunden machen die Flaniermeile unter der U-Bahn-Trasse zu einem der beliebtesten Einkaufszentren der Hansestadt.



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Die erste Viertelstunde gehört den Abschleppwagen. Punkt sieben Uhr morgens rückt ein Bataillon von Schleppfahrzeugen an und nimmt alle Autos, die um diese Zeit noch unter der U-Bahn in der Hamburger Isestraße parken, an den Haken. Denn hier, im wohlsituierten Stadtteil Eppendorf, wird zwischen noblen Jugendstilhäusern immer dienstags und freitags der längste Markt Europas aufgebaut. An 250 Ständen bieten Händler von exotischen Obstsorten über heimisches Bio-Gemüse bis zum fangfrischen Nordseefisch alles, was das Gourmet- und Genießerherz begehrt. Neben Lebensmitteln aller Art kaufen die Hanseaten hier außerdem Pflanzen, Haushaltswaren oder Textilien.

Damit die Marktbeschicker ihre Stände aufbauen können, gilt unter den Eisenpfeilern der U-Bahn-Trasse ab sieben Uhr ein absolutes Halteverbot. Fast alle Händler bemühen sich jedoch, früher vor Ort zu sein. Wer wie der Fischhändler Werner Schloh mit einem imposant großen Mobilgeschäft unterwegs ist, braucht autofahrerisches Geschick und eine Menge Zeit, um seinen angestammten Platz zu besetzen: Schon vor dem Morgengrauen rangiert er sein 32 Meter langes "Fischmobil" behutsam in die vorgesehene Lücke.

Vier Stunden bevor der Isemarkt öffnet, müssen Strom- und Wasserleitungen gelegt werden. Die Meerestier-Experten filetieren derweil ihren Fisch und drapieren ihn kunstvoll in der Vitrine. Krabben in Knoblauch und Matjes nach Hausfrauenart werden frisch zubereitet - die Kundschaft erwartet gehobene Qualität.

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Pünktlich um 8.30 Uhr ist das Paradies für Feinschmecker und Flaneure eröffnet. Vor allem vor Feiertagen herrscht dann großer Andrang: Zuckerwarenkönig Hans-Jürgen Pingel verkauft selbst gemachte Himbeerbonbons und Lakritzlutscher, bei Metzger Edwin Frischkorn gibt es Fleisch von Rehen, Hirschen und Hasen, die er selbst erlegt hat, Familie Thiele bietet mit 250 Sorten das größte Käseangebot Hamburgs. Den kleinsten Stand des ganzen Marktes hat Wilhelm Althof: Mit seinem selbst gepflückten Waldmeister aus den Wäldern Ostholsteins ist er nur zur Erntezeit - im Mai und Juni - auf dem Isemarkt vertreten Anders als in den gesichtslosen Supermärkten unserer Städte ist Einkaufen auf dem Hamburger Isemarkt noch ein Erlebnis, und für einige der Verkäufer wird der Markt zu einer Art Bühne - wie für Plüschteddy-Händler Jens Nicklaus, der Kinder und Erwachsene mit improvisierten Theatervorführungen in seinen Bann zieht, oder für die 75-jährige Brotverkäuferin Karin, die böse-ironisch den Lauf der Zeit kommentiert und für jeden ihrer Kunden eine Weisheit auf Lager hat.

Gegen 2 Uhr mittags werden die Stände abgebaut. Was jetzt noch an Ware übrig ist, wird zu Schleuderpreisen verkauft. Zwei Stunden später ist alles vorbei. Die Anwohner parken ihre Autos wieder unter der U-Bahn-Trasse. Nur an manchen Ecken der Isestraße erinnert der Geruch von Fisch daran, dass hier vor wenigen Stunden noch rege gehandelt wurde.



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