Modelleisenbahnen Von Schattenbahnhöfen und digitalem Weichenstellen

In der Hamburger Speicherstadt stellt sich ein Team von vier Wagemutigen der Herausforderung ihres Lebens: Im Herzen der Hansestadt soll die wahrscheinlich größte Modelleisenbahn-Anlage der Republik entstehen.

Sie verstecken sich in Mief geschwängerten Vorstadtkellern, tragen angestaubte Brillen und Fleece-Pullover und werden von ihren Ehefrauen mindestens so verachtet wie vom leistungssportelnden Nachbarn: Der gemeine Modelleisenbahner ist eigentlich immer auf der Flucht - vor quengelnden Familienangehörigen, schadenfrohen Kollegen und verständnislosen Partyhengsten mit gesellschaftskonformen Hobbys wie Tennis oder Squash.

Soweit das Klischee. Weil sich die Zeiten jedoch ändern, soll nun auch die letzte Bastion eines vollkommen trendfreien Freizeitvergnügens fallen. Ausgerechnet zwei stadtbekannte Diskotheken- und Eventmanager bereiten sich in Hamburg darauf vor, bis zum August diesen Jahres die wahrscheinlich größte Modelleisenbahn der Welt fertigzustellen.

Freddy Braun, 33, wurde durch den Besuch eines anheimelnden Bastellädchens in Zürich von sentimentalen Kindheitserinnerungen derart übermannt, dass er nach reiflicher Überlegung und kaufmännisch präziser Berechnung der Chancen eines solchen Projektes zur Tat schritt. Gemeinsam mit Zwillingsbruder Gerrit, Vater Jochen und Geschäftspartner Stefan Hertz versuchte er herauszubekommen, wie spannend der moderne Mensch das Spielen mit Modelleisenbahnen wohl finden möge. Das Echo war gewaltig.

"Wir haben eine Umfrage durchgeführt, bei der von 700 Teilnehmern jeder Zweite bestätigte, dass er sich eine solche Ausstellung nicht entgehen lassen würde. Das hat uns Mut gemacht", erzählt Freddy und betont, dass es vor allem die über 30 Jährigen seien, die Interesse an rasenden Dieselloks und Güterwagen hätten. Die in den siebziger Jahren so erfolgreich Bahn-Sozialisierten sind offensichtlich dankbar, dass endlich jemand aus illustren Kreisen den Mut findet, zu seinem doch eher spießigen Hobby zu stehen: Zur ersten Besichtigung der Baustelle am Kehrwieder in der imposanten Hamburger Speicherstadt kamen 3000 zahlende Besucher.

Interaktion an der Bahnsteigkante


Insgesamt drei Millionen Mark wird das ehrgeizige Unterfangen bis zur Fertigstellung aller fünf Bauabschnitte verschlingen. Sponsoren gibt es zurzeit noch keine, lediglich die Hamburger Hafen- und Lagerhaus AG (HHLA) zeigte sich großzügig bei der Bemessung der Pacht. Ab August sollen Kinder und Erwachsene für neun, beziehungsweise 15 Mark die Möglichkeit haben, sich auf knapp 1600 Quadratmetern Hallenfläche auszutoben - und das natürlich in interaktiver Form.

"Wir installieren rund 100 Knöpfe an der Anlage, mit denen Figuren und Verkehrsmittel bewegt, Lichter aktiviert oder ganze Aktions-Programme wie Arbeitsabläufe oder Tageszeiten-Simulation in Gang gesetzt werden können", erklärt Initiator Freddy Braun, der über 500 Züge und 7000 Waggons in fünf verschiedene Welten versetzen will: Von der klassischen Harzer Mittelgebirgslandschaft geht es ins Ruhrgebiet und die Alpen in Bauabschnitt zwei und drei, der Fahrt durch eine fiktive nordische Metropole folgt eine amerikanische Canyon-Kulisse im fünften und letzten Abschnitt.

1000 Befehle pro Sekunde


Bei Besichtigung der Baustelle wird klar: Die Miniatur-Freaks begnügen sich schon lange nicht mehr damit, Plastik-Tännchen auf Spanplatten zu kleben und den Trafo heiß laufen zu lassen. Die Digitaltechnik hat Einzug gehalten in die gute, alte Welt der selbst gekneteten Bahnhofsgäste und liebevoll gepflanzten Geranienbeete aus Filz und Plastikblümchen. 21 Computer sind schon jetzt ständig in Einsatz, davon allein zehn für die Lichtsteuerung. Die Koordination erfolgt per digitalem Signal, das über die Schienen läuft. Rund 1000 Befehle pro Sekunde können der Lokomotive auf diesem Weg übermittelt werden. "Obwohl jedes Signal zweimal übermittelt wird, kommt es immer mal wieder zu Crashs – das ist wie im richtigen Leben", meint Freddy.

Unter der liebevoll gestalteten Oberfläche liegen die so genannten Schattenbahnhöfe. Hier offenbart sich die komplizierte Mikrostruktur eines funktionierenden Verkehrsgeflechtes: 200 Kilometer Kabel, Gleise auf verschiedenen Ebenen und die unvermeidlichen Schaltzentralen der Techniker dominieren diese bizarre Unterwelt. Computer sorgen dafür, dass die Züge hier unsichtbar für den Betrachter geparkt und ausgewechselt werden – einige Loks müssen mit ihrem Anhang bis zu zehn Runden "aussetzen". Die Software zur Fortbewegung von Kraftfahrzeugen auf der Anlage haben die Brüder Braun selbst entwickelt. Ein ausgeklügeltes Magnetsystem lässt rund 100 der fast 10.000 Autos und Busse zwischen Barockschlösschen und dramatisch illuminierten Amphitheatern ihre Kreise ziehen.

Frauen im Café geparkt

50.000 bis 60.000 Arbeitsstunden werden freiwillige und fest angestellte Helfer bei Fertigstellung in den Bau der Anlage investiert haben. Acht Langzeitarbeitslose wurden durch die Aktion der Familie Braun ins Arbeitsleben zurückgeholt, viele Rentner geben begeistert ihr in jahrzehntelanger Kleinarbeit angehäuftes Wissen an die Jüngeren weiter. Es ist nicht viel zu verdienen im Eisenbahn-Mikrokosmos, aber das scheint niemanden besonders zu stören: Hier arbeiten 33 Mitarbeiter bis zu 60 Stunden in der Woche an ihrem Lebenstraum.

Auf eine Mindestlaufzeit von 15 Jahren veranschlagen die Modellmacher ihr Projekt, das jährlich 100.000 Besucher anlocken soll. Damit die Wochenendharmonie nicht mutwillig zerstört wird, sollen auch die bessere Hälfte und der Nachwuchs auf ihre Kosten kommen. In der Kinderspielecke können die Kleinen das Schienenhandwerk erproben, im Café "die Frauen geparkt werden". Eisenbahn-Freak Freddy ist sich sicher: "Alle Attraktionen, die weg von der Eisenbahn und hin zum Leben gehen, sind auch für Frauen interessant."

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