Pathetischer Schlussakkord in Chaplins "Großem Diktator" "Wir denken zu viel und fühlen zu wenig"

Tomanien 1915: Während des Krieges verliert der tapfere jüdische Gefreite Charlie nach einem Flugzeugabsturz sein Gedächtnis. Als er nach 15 Jahren aus dem Hospital entlassen wird, hat sich in seiner Heimat vieles verändert...


Komisch, faszinierend und beängstigend realitätsnah zugleich: Chaplin als der "Große Diktator"
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Komisch, faszinierend und beängstigend realitätsnah zugleich: Chaplin als der "Große Diktator"

Diktator Adenoid Hynkel ist in Tomanien an die Macht gekommen und geht gnadenlos gegen Widersacher und politische Feinde vor. Ihm zur Seite stehen die fanatischen Judenhetzer Herring (Billy Gilbert) und Garbitsch (Henry Daniell).

Die Bewohner des Stadtteils, in dem Charlie sich nach seiner Rückkehr als Friseur niederlässt, werden von Schlägerkommandos der Sturmtruppen schikaniert. Als Charlie in eine Auseinandersetzung mit uniformierten Hynkel-Schergen gerät, rettet ihn allein das Eingreifen des hohen Parteifunktionärs Schultz - der hatte in dem Juden in letzter Sekunde seinen Lebensretter aus Kriegszeiten erkannt.

Während Hynkel von der Unterwerfung des Nachbarlandes Ostrich träumt, verliebt sich Charlie - der dem Diktator wie aus dem Gesicht geschnitten ist - in die liebreizende Wäscherin Hannah (Paulette Goddard). Doch das Leben im Ghetto ist gefährlich: Als Schultz wegen eines geplatzten Kreditgeschäftes in Ungnade fällt, kann er die Ghetto-Bewohner nicht mehr schützen. Der Aufstand , den er daraufhin zusammen mit den Juden organisiert, scheitert. Schultz und der Friseur werden in ein Lager deportiert.

Diktator Hynkel fühlt sich derweil bedroht, und zwar von seinem Kollegen Benzino Napaloni (Jack Oakie), dem unumschränkten Herrscher von Bakterien. Statt ihm jedoch den Krieg zu erklären, lädt er ihn zum Staatsbesuch ein. Das groteske Gipfeltreffen gerät zum trefflichen Portrait zweier Größenwahnsinniger.

Als die tomanischen Truppen in Ostrich einmarschieren, gelingt es Schultz und Charlie, aus dem Lager zu fliehen. Den Schergen, die sie verfolgen, unterläuft allerdings ein schwerwiegender Fehler: Sie verhaften Adenoid Hynkel anstelle der beiden Gefangenen. Während der Diktator abtransportiert wird, fahren Schultz und der Friseur mit den tomanischen Truppen über die Grenze nach Ostrich. Vor versammelten Volksmassen soll der Doppelgänger und unfreiwillige Diktator dann einen Rede halten: Charlie überwindet sich und beschwört in leidenschaftlich-anrührenden Worten die Freiheit und Gleichheit aller Menschen und den Kampf gegen jede Form der Unterdrückung.


Sprechende Namen in Chaplins "Der große Diktator"

Tomania mania=Wahnsinn, Raserei, Psychose
ptomaine poisoning =Lebensmittelvergiftung
Deutschland
Bacteria Plural von "bacterium" (lat.) Italien
Adenoid Hynkel Adenoid=Polyp, Wucherung
auch: Adolf + paranoid
Adolf Hitler
Benzino Napaloni benzina (ital.)=Benzin
Napaloni => Napoleon, Napoli
Benito Mussolini
Garbitsch garbage=Abfall, Müll Goebbels
Herring Hering Göring



Der pathetische Schlussappell in Auszügen:

"Es tut mir Leid, aber ich möchte nun mal kein Herrscher der Welt sein, denn das liegt mir nicht. Ich möchte weder herrschen noch irgendjemanden erobern, sondern jedem Menschen helfen, wo immer ich kann: den Juden, den Heiden, den Farbigen, den Weißen. Wir alle wollen uns gegenseitig helfen, so sind die Menschen nun einmal. Wir wollen am Glück des anderen teilhaben und nicht einander verabscheuen. Wir wollen einander nicht hassen oder verachten.

Auf dieser Welt ist Platz genug für jeden und Mutter Erde ist reich genug, ein jeden satt zu machen. Das Leben kann ja so frei und wundervoll sein, aber wir sind vom Weg abgekommen. Habgier hat die Seele der Menschen vergiftet und den Zugang zur Welt mit Hass versperrt uns im Paradeschritt zu Verderb und Blutschuld geführt.

Wir haben Geschwindigkeit entwickelt, aber innerlich sind wir stehen geblieben. Maschinen gaben uns Überfluss und ließen uns doch bedürftig bleiben. Unser Wissen hat uns zynisch werden lassen, unserer Klugheit hart und lieblos. Wie denken zu viel und fühlen zu wenig: Mehr als alle Maschinen brauchen wir Menschlichkeit. Mehr als Klugheit brauchen wir Freundlichkeit und Güte. Ohne diese Fähigkeiten wird das Leben grausam und alles verloren sein.

Flugzeug und Radio haben uns einander nähergebracht, die Natur dieser Erfindungen ruft nach dem Guten im Menschen, nach allumfassender Brüderlichkeit und Einigkeit unter uns allen. Sogar jetzt erreicht meine Stimme Millionen in der ganzen Welt, Millionen von verzweifelten Männern, Frauen und Kindern, Opfer eines Systems, das Menschen dazu bringt, unschuldige Leute zu foltern und einzusperren. Jenen, die mich jetzt hören können, rufe ich zu: "Verzweifelt nicht!"
(...)
Soldaten - im Namen der Demokratie, lasst uns alle gemeinsam kämpfen! Schaut nach oben! Schaut nach oben! Die Wolken ziehen fort, die Sonne bricht durch. Wir kommen aus der Dunkelheit ans Licht! Wir erreichen eine neue Welt! Eine gute, neue Welt, in der sich die Menschen über ihren Hass und die Brutalität erheben werden.

Der Seele des Menschen wurden Flügel gegeben - und endlich fängt er an, zu fliegen. Er fliegt in einen Regenbogen - in das Licht der Hoffnung - in die Zukunft, jene glorreiche Zukunft, die Euch gehört, und mir und allen anderen. Seht nach oben, seht nach oben."


(Auszug aus der Schlussrede in: "Der Große Diktator" von Charles Chaplin, 1940)

Der Große Diktator - Daten zu Chaplins Filmklassiker

Jahr: 1940
Länge: 127 Minuten
Land: USA
Farbe: schwarz-weiß
Tonverfahren: Mono
Format: 35 mm (1.37:1)
Regie: Charles Chaplin
Drehbuch: Charles Chaplin
Kamera: Roland Totheroh, Karl Struss
Schnitt: Willard Nico
Musik: Charles Chaplin, Meredith Wilson
Ton: Percy Townsend, Glenn Rominger
Ausstattung: J. Russell Spencer
Produktion: Charles Chaplin für United Artists
Verleih: United Artists
Premiere in New York: 15. Oktober 1940
Premiere in Deutschland: 26. August 1958




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