Gewaltverbrecher in der forensischen Psychiatrie "Scheinheilige Diskussion"

2. Teil: Einsperren oder reintegrieren? Im zweiten Teil des Interviews geht es um die Opfer rückfällig gewordener Psychiatrie-Patienten und die entsetzte Reaktion der Öffentlichkeit auf liberale Vollzugsmethoden


SPIEGEL ONLINE: Stichwort Lockerungen: Unter welchen Voraussetzungen dürfen Ihre Patienten allein oder in Begleitung die Psychiatrie verlassen?

Dietz: Nur Behandlungsteams können diese Vorschläge überhaupt machen. Zunächst wird eine Risikoeinschätzung vorgenommen: Hat sich an den Voraussetzungen für die Tat etwas geändert? Welche Therapieerfolge kann der Patient vorweisen? Alle drei Jahre muss ein externer Gutachter unsere Patienten beurteilen. Bei Lockerungsanträgen gibt eine interne Fachgruppe, deren Mitglieder bisher keinen Kontakt zu dem Patienten hatte, Empfehlungen. Auch der Abteilungsleiter und die Betriebsleitung müssen eventuellen Lockerungen zustimmen. Sollte positiv entschieden werden, sind Bedingungen wie Zielrichtung und Umfang der Maßnahme sowie die Aufgaben des Patienten klar umrissen.

Vollzugslockerungen und Rückfallquote: "Ein Restrisiko wird es immer geben"
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Vollzugslockerungen und Rückfallquote: "Ein Restrisiko wird es immer geben"

SPIEGEL ONLINE: Wissenschaftler der Universität Bielefeld haben 130 Patienten aus Eickelborn drei Jahre lang begleitet. Ihre Studie ergab, dass unter Zehntausenden von Ausgängen im gegebenen Zeitraum nur fünf Verletzungen der Vorschriften - darunter auch Verspätungen - zu verzeichnen waren. Ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Patient den Ausgang für weitere Straftaten missbraucht, tatsächlich so gering?

Dietz: Ja, das ist sie. Man muss zudem unterscheiden zwischen dem so genannten 1:1-Ausgang in Begleitung einer Pflegekraft oder einem Einzelausgang mit Aufgabenstellung. Auf Grund unserer klinischen Erfahrung und der prognostischen Möglichkeiten sind die Lockerungsstrategien in der Regel effizient. Ein Restrisiko wird es jedoch immer geben.

SPIEGEL ONLINE: Und davon scheint gerade das 2500-Seelen-Dorf Eickelborn überdurchschnittlich häufig betroffen: Gleich zweimal, 1990 und 1994, missbrauchten hier Psychiatrie-Freigänger ihre neu gewonnene Freiheit, indem sie zwei Mädchen vergewaltigten und töteten. Wie sehr haben diese furchtbaren Ereignisse ihren Arbeitsalltag verändert?

Dietz: Es hat eine massive Traumatisierung der Mitarbeiter aber auch der Patienten stattgefunden, die bis heute nachwirkt. Auf der einen Seite hält uns die Erinnerung an das Geschehene sehr wach, auf der anderen ist es sehr schwer, in der Öffentlichkeit Verständnis zu wecken. Weil eine Therapie mit Erprobung vor Ort nicht mehr möglich ist, müssen wir die Patienten unter erheblichem personellem Aufwand außerhalb des Kreises bringen. Es wird zusehends schwerer, mit unserer derzeitigen Besetzung die Patienten so zu fördern, wie es nötig wäre.

SPIEGEL ONLINE: Während die Landesregierung fünf weitere forensische Kliniken in Nordhein-Westfalen eröffnen will, reißt der Bürgerprotest in den betroffenen Regionen nicht ab. Wie reagieren Sie auf Vorwürfe und Kritik von Seiten einer verängstigten Bevölkerung?

Dietz: Ich kann nur versuchen, um Verständnis zu werben. Die gesellschaftliche Verantwortung besteht, und das vor Ort in den betreffenden Regionen. Es kann nicht sein, dass Eickelborn alle Patienten des Landes behandelt, nur weil die Leute anderswo sagen, wir wollen das nicht. Es handelt sich schließlich um Mitbürger, ob ihnen das gefällt oder nicht. Die ganze Diskussion ist zudem scheinheilig: Die Empörung der Menschen richtet sich vorrangig gegen Patienten, die bis auf ganz wenige Ausnahmen aus sozial schwachen Familien kommen. Nun gibt es aber ohne Zweifel viele Sexualstraftäter und Pädophile aus gut situierten Kreisen, die in der Forensik so gut wie nie auftauchen. Der nette Nachbar kann ebenso gut Straftäter sein, tritt aber gesellschaftlich nicht in Erscheinung, weil noch immer ein Großteil der Fälle von sexuellem Missbrauch innerhalb der Familie passiert und nie zur Anzeige kommt.

SPIEGEL ONLINE: Halten Sie Therapie für den besten Schutz der Bevölkerung?

Dietz: Unbedingt. Zwischen 80 und 90 Prozent der Straftäter dieser Deliktgruppe landen im Gefängnis und nicht in der Forensik. Sie werden ohne Therapie nach der vorgeschriebenen Zeit entlassen, bei guter Führung früher. Die Rückfallquoten sind in diesem Bereich immens, das Risiko, erneut eine Straftat zu begehen, ungefähr dreimal so hoch wie bei uns.

Das Interview führte Annette Langer

  • 1. Teil: "Scheinheilige Diskussion"
  • 2. Teil: Einsperren oder reintegrieren? Im zweiten Teil des Interviews geht es um die Opfer rückfällig gewordener Psychiatrie-Patienten und die entsetzte Reaktion der Öffentlichkeit auf liberale Vollzugsmethoden


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