Werner Weinholds Weg in den Westen Republikflucht mit blutigem Ende

In der Nähe von Harras im thüringischen Kreis Hildburghausen überwand NVA-Deserteur Werner Weinhold 1975 die Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten. Dass er auf seinem Weg in den Westen zwei seiner Kameraden töten würde, hat der Fahnenflüchtige vermutlich nicht geahnt.

Nördlich von Coburg, an der Grenze zwischen Bayern und Thüringen, verlief in den Jahren der deutschen Teilung die Frontlinie zwischen Warschauer Pakt und Nato. Hier mussten zwei junge DDR-Grenzsoldaten ihr Leben lassen, weil sie dem Republikflüchtling Weinhold offenbar den Weg in die Freiheit versperren wollten.

Der 21-jährige Gefreite Klaus-Peter Seidel wurde mit vier, sein um ein Jahr jüngerer Kamerad Jürgen Lange mit sieben Schüssen aus einer Maschinenpistole niedergestreckt. Beide verbluteten noch am Tatort. Der Todesschütze war selbst Soldat, Wehrpflichtiger im 14. Panzerregiment der Nationalen Volksarmee in Spremberg. Der am 8. August 1949 in Dresden geborene Werner Weinhold wurde bei der NVA als Kraftfahrer eingesetzt. Was seine Vorgesetzten lange Zeit nicht wussten: Weinhold war bei seinem Eintritt in die Armee bereits sechsmal vorbestraft - wegen Autodiebstahls in 54 Fällen.

Als seine Ehefrau sich Ende 1974 von ihm trennt, scheint für Weinhold der Zeitpunkt gekommen, sich abzusetzen. Die Ausreise in die BRD, betont der notorische Kfz-Klauer bei einem späteren Fernsehauftritt in der ARD, sei schon immer sein "Wunsch und sein Bestreben" gewesen. Am 15. Dezember soll aus dem Wunsch Wirklichkeit werden: Weinhold bricht eine Munitionskiste auf, entwendet einen voll getankten Trabi und desertiert mit einer Maschinenpistole und 360 Schuss Munition. In der Nähe von Wüstenbrand wird er auf der Autobahn von einer Krad-Staffel der Polizei gestellt. Er zieht seine Waffe, bedroht die Polizisten und fährt davon.

Am späten Nachmittag erreicht der Fahnenflüchtige das unmittelbare Grenzgebiet in der Nähe von Hildburghausen. Er stellt das Fluchtauto auf dem Hof einer LPG ab und setzt seinen Weg zu Fuß fort. Erst am darauf folgenden Tag findet die Polizei den Wagen, obwohl bereits eine Großfahndung ausgerufen wurde.

Es gelingt Weinhold, in einer Scheune im Sperrgebiet unterzukommen - er ist jetzt gerade mal zweieinhalb Kilometer von seinem Ziel entfernt. Doch längst sind drei Regimenter, Ausbildungseinheiten sowie Pioniere in Alarmbereitschaft versetzt - insgesamt 8000 Mann versuchen, alle Fluchtrouten lückenlos abzuriegeln. Im Grenzdorf Eishausen haben ein Bataillonsstab und die 10. Kompanie des Grenzregimentes 9 ihr Quartier. Die Soldaten sind verantwortlich für einen zehn Kilometer langen Grenzstreifen. Auf Posten 401 schieben Klaus-Peter Seidel und Jürgen Lange in der mondhellen und mit knapp minus 20 Grad Celsius klirrend kalten Dezembernacht Wacht.

Gegen 2.25 Uhr hören deren Kameraden einige schnell aufeinander folgende Schüsse, von denen nicht klar ist, aus welcher Richtung sie kommen. Die DDR-Grenzer machen sich auf die Suche. Hauptmann Uwe Auerswald findet schließlich die beiden jungen Soldaten von Schüssen durchsiebt auf dem Boden. Über Lautsprecher wird der noch im Sperrgebiet vermutete Todesschütze aufgefordert, sich zu ergeben, andernfalls werde man ohne Vorwarnung auf ihn schießen. NVA-Einheiten durchkämmen den Wald, untersuchen die Sperranlagen - erfolglos.

Erst bei Tagesanbruch entdeckt man im Grenzgebiet nahe des Tatorts Spuren auf kleineren Schneeflächen, die von Kriminaltechnikern anhand des Schuhprofils als die von Weinhold identifiziert werden. Die Erkenntnis kommt jedoch zu spät: Werner Weinhold ist erfolgreich getürmt und erreicht wenig später die Wohnung seiner Verwandten im westfälischen Marl. Hier wird er verhaftet, nachdem die DDR-Behörden den Vorfall öffentlich gemacht haben.

In der ersten Vernehmung gibt der neue Bundesbürger zu, geschossen zu haben, jedoch nachdem die Soldaten das Feuer auf ihn eröffnet hätten. Jenseits des eisernen Vorhangs werden am 19. Dezember die Leichen obduziert - man rekonstruiert anhand der Körperhaltung beim Auftreffen der tödlichen Kugeln den Tathergang. Weil Seidels Schuh einen Durchschuss aufweist, gehen die Kriminologen davon aus, dass er während der tödlichen Begegnung gesessen hat. Jürgen Lange lag - vermutlich schlafend - auf dem Bauch, als ihn die Kugeln trafen.

Die Generalstaatsanwaltschaft der DDR gibt einen Steckbrief heraus, in dem 100.000 Mark Ost für die Ergreifung des "Doppelmörders" ausgeschrieben sind. Entgegen der Forderung, ihn an die DDR auszuliefern, wird Weinhold 1976 am Schwurgericht Essen des zweifachen Totschlags angeklagt. Weil keine Zeugen aus der DDR geladen sind und die Tötung nicht erwiesen werden kann, ist das Gericht in Beweisnot - der Todesschütze wird freigesprochen.

Jenseits der Mauer bricht ein Sturm der Entrüstung los: Das "Neue Deutschland" nennt die Entscheidung des bundesdeutschen Gerichts einen "Freibrief für Gewalt". Nach einem Veto des Bundesgerichtshofes und erneuter Verhandlung am Hagener Schwurgericht wird Weinhold im Oktober 1978 zu fünf Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt. "Er war nicht im Recht, als er schoss. Die Soldaten Seidel und Lange waren nicht im Unrecht als sie getroffen wurden" heißt es in der Urteilsbegründung.

Anhand kriminologischer Gutachten von DDR-Experten scheint bewiesen, dass entgegen der Aussage von Weinhold aus den Waffen der beiden getöteten Grenzer kein Schuss abgegeben wurde. Weinhold verbüßt seine Strafe zu zwei Dritteln und kommt 1982 wegen guter Führung vorzeitig frei. Bis zu seiner Entlassung im Juli wird der Gefangene mehrmals in andere Vollzugsanstalten verlegt, weil er wiederholt Morddrohungen erhält.

So sollte der Republikflüchtling laut Informationen eines Mithäftlings noch 1981 aus seiner Gefängniszelle im sauerländischen Attendorn von der Stasi entführt werden. Und tatsächlich: Bei Öffnung der Akten des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) fand man einen detailliert ausgearbeiteten Mordplan für den Staatsfeind Nummer eins.

Ausgerechnet der im April 1999 verstorbene DDR-Ministerpräsident und heimliche Kontrahent Honeckers, Willi Stoph, wollte das geplante Kapitalverbrechen seines Ministeriums für Staatsicherheit offenbar verhindern: Angeblich bat er den damaligen Staatssekretär im Bonner Ministerium für innerdeutsche Beziehungen, Dietrich Spangenberg, dem DDR-Flüchtling Werner Weinhold größtmöglichen Schutz zuteil werden zu lassen. Ein MfS-Killerkommando sei unterwegs, um den NVA-Deserteur auf dem Boden der Bundesrepublik bei einem "inszenierten Unfall" aus dem Weg zu räumen.

Die Mordaktion sollte offenbar potenzielle Überläufer aus den Reihen der Grenztruppen abschrecken. Darüber, warum sie nicht in die Tat umgesetzt wurde, kann nur spekuliert werden - vermutlich wollte das MfS die Kreditwürdigkeit bei westlichen Banken nicht durch die mögliche Aufdeckung einer solchen Tat gefährden. Werner Weinhold ist dem Regierungsattentat entkommen und lebt noch immer in Marl. Er behauptet bis heute, in Notwehr gehandelt zu haben.