Modelleisenbahnen Von Schattenbahnhöfen und digitalen Weichenstellen

In der Hamburger Speicherstadt stellt sich ein Team von vier Wagemutigen der Herausforderung ihres Lebens: Im Herzen der Hansestadt entsteht die wahrscheinlich größte Modelleisenbahn-Anlage der Welt.

Sie verstecken sich in Mief geschwängerten Vorstadtkellern, tragen angestaubte Brillen und Fleece-Pullover und werden von ihren Ehefrauen mindestens so verachtet wie vom leistungssportelnden Nachbarn: Der gemeine Modelleisenbahner ist eigentlich immer auf der Flucht - vor quengelnden Familienangehörigen, schadenfrohen Kollegen und verständnislosen Partyhengsten mit gesellschaftskonformen Hobbys wie Tennis oder Squash.

Soweit das Klischee. Weil sich die Zeiten jedoch ändern, soll nun auch die letzte Bastion eines vollkommen trendfreien Freizeitvergnügens fallen. Ausgerechnet zwei stadtbekannte Diskotheken- und Eventmanager arbeiten in Hamburg an der wahrscheinlich größten Modelleisenbahn der Welt.

Freddy Braun, 35, wurde durch den Besuch eines anheimelnden Bastellädchens in Zürich von sentimentalen Kindheitserinnerungen derart übermannt, dass er nach reiflicher Überlegung und kaufmännisch präziser Berechnung der Chancen eines solchen Projektes zur Tat schritt. Gemeinsam mit Zwillingsbruder Gerrit, Vater Jochen und Geschäftspartner Stefan Hertz versuchte er herauszubekommen, wie spannend der moderne Mensch das Spielen mit Modelleisenbahnen wohl finden möge. Das Echo war gewaltig.

"Wir haben eine Umfrage durchgeführt, bei der von 700 Teilnehmern jeder Zweite bestätigte, dass er sich eine solche Ausstellung nicht entgehen lassen würde. Das hat uns Mut gemacht", erzählt Freddy und betont, dass es vor allem die über 30 Jährigen seien, die Interesse an rasenden Dieselloks und Güterwagen hätten. Die in den siebziger Jahren so erfolgreich Bahn-Sozialisierten sind offensichtlich dankbar, dass endlich jemand aus illustren Kreisen den Mut findet, zu seinem doch eher spießigen Hobby zu stehen: Im ersten Jahr überzeugte die Ausstellung in der Hamburger Speicherstadt über 300.000 begeisterte Besucher.

Interaktion an der Bahnsteigkante

Insgesamt drei Millionen Euro wird das ehrgeizige Unterfangen bis zur Fertigstellung aller drei Bauabschnitte verschlingen. Sponsoren gibt es zurzeit noch keine, lediglich die Hamburger Hafen- und Lagerhaus AG (HHLA) zeigte sich großzügig bei der Bemessung der Pacht. Seit August 2001 haben Kinder und Erwachsene für fünf, beziehungsweise acht Euro die Möglichkeit, sich auf knapp 2000 Quadratmetern Hallenfläche auszutoben - und das natürlich in interaktiver Form.

"Wir haben rund 100 Knöpfe an der Anlage installiert, mit denen Figuren und Verkehrsmittel bewegt, Lichter aktiviert oder ganze Aktions-Programme wie Arbeitsabläufe oder Tageszeiten-Simulation in Gang gesetzt werden können", erklärt Initiator Freddy Braun, der über 500 Züge und 7000 Waggons in verschiedene Welten versetzt: Von der klassischen Harzer Mittelgebirgslandschaft geht es ins Ruhrgebiet und in die Alpen. Der Fahrt durch eine überwältigende Darstellung der Metropole Hamburg folgt nun im dritten und vorerst letzten Bau-Abschnitt die Herausforderung "Amerika".

1000 Befehle pro Sekunde

Bei Besichtigung der Anlage wird klar: Die Miniatur-Freaks begnügen sich schon lange nicht mehr damit, Plastik-Tännchen auf Spanplatten zu kleben und den Trafo heiß laufen zu lassen. Die Digitaltechnik hat Einzug gehalten in die gute, alte Welt der selbst gekneteten Bahnhofsgäste und liebevoll gepflanzten Geranienbeete aus Filz und Plastikblümchen. 23 Computer sind ständig im Einsatz, davon allein acht für die Lichtsteuerung. Die Koordination erfolgt per digitalem Signal, das über die Schienen läuft. Rund 1000 Befehle pro Sekunde können der Lokomotive auf diesem Weg übermittelt werden. "Obwohl jedes Signal zweimal übermittelt wird, kommt es immer mal wieder zu Crashs - das ist wie im richtigen Leben", meint Freddy.

Unter der liebevoll gestalteten Oberfläche liegen die so genannten Schattenbahnhöfe. Hier offenbart sich die komplizierte Mikrostruktur eines funktionierenden Verkehrsgeflechtes: 2000 Kilometer Kabel, über 5000 Meter verlegte Gleise auf verschiedenen Ebenen und die klar strukturierten Schaltzentralen der Techniker dominieren diese bizarre Unterwelt. Computer sorgen dafür, dass die Züge hier unsichtbar für den Betrachter geparkt und ausgewechselt werden. Eine spezielle Software zur Fortbewegung von Kraftfahrzeugen auf der Anlage haben die Brüder Braun selbst entwickelt. Ein ausgeklügeltes Magnetsystem lässt rund 100 der fast 10.000 Autos und Busse zwischen Barockschlösschen und dramatisch illuminierten Amphitheatern ihre Kreise ziehen.

Frauen im Café geparkt?

Über 100.000 Arbeitsstunden haben freiwillige und fest angestellte Helfer in den Bau der Anlage bis jetzt investiert. Es ist nicht viel zu verdienen im Eisenbahn-Mikrokosmos, aber das scheint niemanden besonders zu stören: Hier arbeitet ein 40-köpfiges Team bis zu 60 Stunden in der Woche an der Verwirklichung eines Lebenstraums.

Auf eine Mindestlaufzeit von 15 Jahren veranschlagen die Modellmacher ihr Projekt, das jährlich 200.000 Besucher anlocken soll. Damit die Wochenendharmonie nicht mutwillig zerstört wird, sollen auch die bessere Hälfte und der Nachwuchs auf ihre Kosten kommen. In der Kinderspielecke können die Kleinen das Schienenhandwerk erproben, die Frauen werden hier nicht "im Café geparkt" sondern erliegen einer eigenen Faszination. Eisenbahn-Freak Freddy ist sich sicher: "Alle Attraktionen, die weg von der Eisenbahn und hin zum Leben gehen, sind auch für Frauen interessant."

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