Auf der Ton-Spur Der Fall Ursula Herrmann

Ein zehnjähriges Mädchen wird entführt, in einer Kiste verscharrt und erstickt. Die Erpresser fordern zwei Millionen Mark Lösegeld, zu einer Übergabe kommt es nie. Genauso wenig wie zur Aufklärung des grausigen Verbrechens in Eching am Ammersee (Bayern).

Der Eingang des unterirdischen Verlieses in einem Waldstück bei Schondorf, das mit frisch gepflanzten Bäumen getarnt war (Archivfoto vom 04.10.1981).
DPA

Der Eingang des unterirdischen Verlieses in einem Waldstück bei Schondorf, das mit frisch gepflanzten Bäumen getarnt war (Archivfoto vom 04.10.1981).

Sendetermin: Montag, 29.03.2010, 23.00 - 23.30 Uhr, Sat.1

28 Jahre lang ließ der Fall Ursula Herrmann den Ermittlern keine Ruhe, jetzt steht der mutmaßliche Täter in Augsburg vor Gericht. Seit über einem Jahr versuchen Richter und Anwälte aus Akten, lückenhaften Erinnerungen und neuen wissenschaftlichen Gutachten eine Annäherung an die Ereignisse von 1981.

Fest steht, dass Ursula Herrmann mit ihrem Fahrrad am 15. September von ihrer Kusine in Schondorf losfährt. Es ist dämmrig, ihr besorgter Vater hat bereits angerufen und zur Eile gemahnt. Ihr Weg führt durch ein kleines Waldstück entlang des Ufers. Als sie 20 Minuten später nicht zuhause ist, starten die ersten Suchaktionen - vergeblich.

In den Tagen danach klingelt bei den Eltern neun Mal das Telefon. Es meldet sich niemand, zu hören sind nur ein Rauschen und dann das Verkehrssignal von Radio Bayern 3. Schließlich kommen zwei Erpresserbriefe, dann bricht der Kontakt ab.

Drei Wochen nach der Entführung von Ursula Herrmann räumen Polizisten eine sorgfältig mit Laub bedeckte Lehmschicht zur Seite, weil ihre Sonde auf etwas Hartes gestoßen war. Es ist eine tief in den Waldboden eingelassene Holzkiste. "Das Mädchen saß etwas zur Seite gerutscht, den Kopf nach oben gerichtet, die Augen geschlossen. Das war auch für mich als Gerichtsmediziner ein sehr schwieriger Moment", sagt Prof. Wolfgang Eisenmenger.

Und der damalige Chefermittler Joachim Solon ist heute noch fassungslos: "Die Kiste war voll mit Keksen, Comics und Romanen. Die Vorstellung, dass ein Kind in solch einer Situation Romane lesen soll, zeugt von völliger Gefühlskälte. Wir haben uns geschworen, den kriegen wir".

Doch 27 Jahre lang drehten sich die Ermittler im Kreis, pfuschten sich gegenseitig ins Handwerk, nahmen viele Verdächtige fest und mussten sie wieder laufen lassen.

Bis sie im Oktober 2007 den 59-jährigen Werner M. im schleswig-holsteinischen Kappeln verhafteten. Er gehörte von Anfang an zum Kreis der Verdächtigen, hatte aber ein Alibi.

Die Indizien genügten nicht einmal für eine Anklage.

Jetzt kam etwas Neues hinzu: die Polizei beschlagnahmte in seiner Wohnung ein Tonbandgerät, das laut Gutachten "wahrscheinlich" an der Entstehung der Schweigeanrufe beteiligt gewesen war.

Doch Ursula Herrmanns Bruder Michael ist skeptisch. "Wie kann ein einziges Indiz etwas beweisen? Wir als Familie brauchen keinen Täter, nur damit die Justiz endlich diese Sache, die ihr natürlich wie ein Stachel im Fleisch sitzt, abschließen kann."

Werner M. und seine mitangeklagte Ehefrau Gabriele M. bestreiten jedenfalls die Tat.

"Weder ich noch mein Mann haben irgendetwas damit zu tun".

SPIEGEL TV-Autorin Utta Seidenspinner beobachtete über ein Jahr lang den Prozess, an dessen Ende nur lebenslänglich oder Freispruch stehen können.

Das Urteil wird am 25. März erwartet.



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