Die Geheimnisse der sowjetische Raumfahrt Kalter Krieg und Katastrophen

Beim Wettlauf um die Vorherrschafft im All konnten sich die Sowjets keine Rückschläge leisten. Schließlich galt es die Überlegenheit des Systems zu demonstrieren. Unfälle wurden daher wie Staatsgeheimnisse gehütet. Erst heute, in Zeiten einer - wenn auch zögerlichen - Öffnung der Archive, kommen Katastrophen und Beinahe-Unfälle vereinzelt ans Tageslicht.


Im Jahre 1960 liegen die Kalten Krieger der Sowjetunion beim Kampf um die Eroberung des Weltraums in Führung. Am Jahrestag der Oktoberrevolution, dem 24. Oktober, soll ein nächster großer Schritt nach vorn die Amerikaner weiter demoralisieren. In Baikonur in der kasachischen Steppe, mehr als 100 Meilen von jeder Zivilisation entfernt, wartet eine Trägerrakete vom Typ R-16 ICBM auf den Start. Eine Interkontinentalrakete, die eigentlich entwickelt wurde, um tödliche Atomsprengköpfe in Richtung USA zu befördern.

126 Menschen sterben bei der Explosion einer sowjetischen Trägerrakete am 24. Oktober 1960
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126 Menschen sterben bei der Explosion einer sowjetischen Trägerrakete am 24. Oktober 1960

Alles, was Rang und Namen in der sowjetischen Raketenentwicklung hat, ist anwesend und wartet auf den historischen Abschuss. Dann entdecken Techniker einen Defekt in der Elektrik. Normalerweise wird der Start in einem solchen Fall abgebrochen. Der Leiter des Projekts, Marschall Nedelin, hält die Situation jedoch für sicher. Ein Abbruch hätte - nach zwei zuvor schon gescheiterten Versuchen - eine weitere wochenlange Verzögerung bedeutet. Nedelin nimmt einen Stuhl und setzt sich direkt unter die Antriebsraketen, um Gelassenheit zu demonstrieren. Die übrige Prominenz steht um die Rakete herum. Ein tödlicher Leichtsinn.

Während die Ingenieure versuchen, das Problem zu beheben, löst sich versehentlich die Zündsequenz, das Triebwerk fängt an zu arbeiten. Durch auslaufenden Treibstoff kommt es Minuten später zu einem Inferno. Mit einem gewaltigen Donner explodiert die Rakete. Menschen laufen wie brennende Fackeln umher oder werden durch die Luft geschleudert. Noch in 20 Kilometer Entfernung ist der Feuerschein zu sehen. 126 Menschen verlieren ihr Leben, unter ihnen Marschall Nedelin, der bis zur Unkenntlichkeit verbrennt. Von dieser größten Katastrophe in der Geschichte der Raumfahrt erfährt die Weltöffentlichkeit nicht mehr als Gerüchte und Spekulationen.

Auch im All hing das Leben der Kosmonauten oftmals am seidenen Faden. Als der Kosmonaut Leonow 1965 nach dem ersten Weltraumspaziergang in der Geschichte der Raumfahrt zur Raumstation zurückkehren will, hat sich sein Raumanzug stark aufgeblasen, er kann Arme und Beine nicht mehr anwinkeln und schwebt hilflos im All, nicht in der Lage sich zurück in die Luke zu manövrieren. Er gerät in Panik, fängt an zu schwitzen, sein Visier ist völlig beschlagen. Als letzten Ausweg beschließt Leonow, den Druck in seinem Anzug zu verringern - ein unkalkulierbares Risiko. Doch es geht gut. Der Beinahe-Unfall wird hinterher sorgsam verschwiegen.

Unfähig sich zu bewegen schwebt der Kosmonaut Leonow im Weltraum
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Unfähig sich zu bewegen schwebt der Kosmonaut Leonow im Weltraum

Zum Staatsgeheimnis wurde auch das grausige Schicksal des Kosmonauten Valentin Mondarenko. Im März 1961 soll er im Rahmen seiner Ausbildung zehn Tage in einer so genannten Isolationszelle verbringen, die mit reinem Sauerstoff gefüllt ist. Das Experiment verläuft bis zum letzten Tag reibungslos. Als Mondarenko mit Hilfe eines in Alkohol getränkten Wattebauschs einige Sensoren von seinem Körper entfernt, kommt es zur Katastrophe: Der zu entsorgende Wattebausch landet nicht wie geplant im Mülleimer, sondern auf einer heißen Kochplatte und entzündet sich. Genährt durch den reinen Sauerstoff entwickelt sich ein wahres Flammeninferno im Innern der Zelle.

Fast 30 Minuten ist der Kosmonaut lebendigen Leibes den Flammen ausgesetzt. Erst dann gelingt es den Rettern, die versiegelte Tür zu öffnen. Der Körper, den sie heraus ziehen, lebt noch. Die Haut ist fast völlig verbrannt. 16 Stunden später stirbt der Kosmonaut im Krankenhaus.

Eine weitere Katastrophe ereignet sich, als die Sowjets im März 1980 versuchen, einen Spionagesatelliten ins All zu schießen. Kurz vor dem Start wird an der Trägerrakete ein Sauerstoffleck entdeckt. Um den Start nicht abbrechen zu müssen, wird das Leck mit einem ölgetränkten Lappen provisorisch gestopft. Dieser entzündet sich sofort. Es kommt zu einer gewaltigen Explosion. Das gesamte Einsatzteam, insgesamt 49 Menschen, sterben.

Dies sind nur einige Beispiele für die vielen geheim gehaltenen Unfälle und Katastrophen. Die Vertuschung der Sowjets hatte System, schließlich wollte man sich getreu dem Motto "Der Sozialismus siegt immer" gegenüber den Amerikanern keine Blöße geben. Zwar erfährt die Weltöffentlichkeit zunehmend mehr über das bisweilen tragische Schicksal der russischen Weltraumforscher. Welche Pannen es gab und wie viele Menschen ihr Leben lassen mussten, lässt sich allerdings noch immer nicht abschätzen. Nur die komplette Durchsicht der entsprechenden Archivbestände könnte Klärung bringen - ein Unternehmen, das auch unter den gegenwärtigen Umständen kaum möglich scheint.



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