Interview mit Polizeipsychologen Gallwitz "Sexualstraftäter schauen nicht ins Gesetzbuch"

Im zweiten Teil des Interviews geht es um die Therapierbarkeit von Wiederholungstätern, eine schwer zu realisierende Verschärfung des Sexualstrafrechts und das erschreckende Ausmaß von Gewalt in deutschen Familien.


Marc Dutroux vergewaltigte und folterte mindestens sechs belgische Kinder so lange, bis sie nach monatelangem Martyrium starben
DPA

Marc Dutroux vergewaltigte und folterte mindestens sechs belgische Kinder so lange, bis sie nach monatelangem Martyrium starben

SPIEGEL ONLINE:

Wie sollte man mit Wiederholungstätern umgehen?

Gallwitz: Ich vermute, dass wir einen höheren Anteil an Wiederholungstätern haben, als uns die Studien glauben machen, denn viele Sexualstraftäter verwenden große Mühe darauf, sich nicht erwischen zu lassen. Ich glaube, wir sollten die Rückfallgefährdung weniger optimistisch einschätzen und die Bewährungsauflagen engmaschiger strukturieren. In Texas zum Beispiel sind fünf Jahre Therapie Teil der Bewährungsauflagen. Wenn der Täter nach einer vorgegebenen Zeit keine Fortschritte aufweist, kommt er zurück in den Vollzug.

SPIEGEL ONLINE: Halten Sie Menschen wie den belgischen Kinderschänder Marc Dutroux für therapierbar?

Gallwitz: Nein, auf keinen Fall. Menschen wir Dutroux sind Psychopathen, und die sind nicht therapierbar. Das schließe ich aus.

SPIEGEL ONLINE: Welche Chancen gibt es in Deutschland, die Situation zu verbessern?

Gallwitz: Unser Sexualstrafrecht wird in Kürze dahingehend verschärft, dass alle verurteilten Sexualstraftäter einer Therapiepflicht unterliegen. Das Problem ist, dass uns dazu nicht nur die Therapeuten, sondern auch die Gutachter und die Therapieplätze fehlen. Ich frage mich, wie diese gesetzliche Auflagen überhaupt umgesetzt werden sollen. Zudem gibt es keine einheitliche Vorstellung darüber, wie diese Sexualtherapie überhaupt aussehen soll. Wir haben zu wenig Geld und zu wenig Plätze für die Aus- und Weiterbildung. Was die Begutachtung der Straftäter betrifft, hat man in den Niederlanden gute Ergebnisse erzielt, aber dort investiert man auch mehrere hunderttausend bis über eine halbe Million Mark pro Täter. Da wir in Zukunft eher weniger als mehr Geld zur Verfügung haben werden, glaube ich nicht, dass wir langfristig Entscheidendes verändern können.

SPIEGEL ONLINE: Wie beurteilen Sie die gegenwärtige Gesetzeslage in Deutschland? Ist sie ausreichend? Was könnte verbessert werden?

Gallwitz: Sexualstraftäter schauen nicht ins Gesetzbuch. Die so genannte generalpräventive Wirkung von Gesetzen wird bei uns total überschätzt. In Deutschland herrscht ohnehin eine enorme Regelungswut. Strengere Gesetze haben aber in erster Linie eine beruhigende Wirkung auf die Bevölkerung. Letztlich kommt es jedoch nicht auf den Wortlaut an, sondern darauf, wie Gesetze umgesetzt werden und wie hoch das Entdeckungsrisiko für einen Täter überhaupt ist. Und genau an diesem Punkt geht es um Menschen wie Sie und mich, um Hingucken und Weggucken. Härtere Gesetze nützen nichts, wenn niemand den Mut hat, mutmaßliche Straftäter auch anzuzeigen.

SPIEGEL ONLINE: Man könnte in einem zweiten Schritt aber auch die Kompetenz von Gutachtern und Richtern erhöhen.

Gallwitz: Natürlich, deshalb sollten wir ja auch im Bereich der Richterschaft und Staatsanwaltschaft unbedingt die Fortbildungslust erhöhen. Wir brauchen mehr Ausbildungsstätten und überhaupt erst einmal Qualitätskriterien, um Gutachter besser beurteilen zu können. Manchmal erwartet man von den Experten eine Leistung, die sie gar nicht erbringen können, zum Beispiel die exakte Prognose in punkto Rückfälligkeit von Straftätern.

SPIEGEL ONLINE: Wie könnte es gelingen, weder auf penetrante noch schulmeisterliche Art in der Bevölkerung für mehr Zivilcourage zu sorgen?

Gallwitz: Ich befürchte, das gesellschaftliche Bewusstsein lebt noch immer von der Idee, dass ein Opfer sein Martyrium irgendwie verdient hat - ganz gleich, ob es sich um Gewalt gegen Kinder im Supermarkt oder sexuelle Übergriffe handelt. Immer schwebt so ein wenig im Raum, dass das Opfer selbst Schuld ist. Pack schlägt sich, Pack verträgt sich, glauben viele, und entschuldigen damit Gewalt in der Öffentlichkeit. Ich denke, hier kann nur eine Bewusstseinsveränderung über Generationen hinweg helfen, denn sonst bekommen wir auch das Problem Gewalt in der Familie nicht in den Griff. Und solange wir das nicht in den Griff bekommen, wird sich nichts ändern. Ich würde behaupten, jede siebte Familie prügelt und ist gewalttätig. Das bestätigen auch Untersuchungen, die hier in Baden-Württemberg unternommen wurden. Demnach werden mehr als die Hälfte aller polizeilichen Notrufeinsätze wegen Gewalt in der Familie unternommen. Das sollte uns nachdenklich stimmen.



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