Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom "Krankheitsgewinn" auf Kosten des Kindes

Professor Werner Kleemann, 48, forscht am Institut für Rechtsmedizin der Universität Leipzig und ist Experte in Sachen Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom. Mit SPIEGEL ONLINE sprach der Wissenschaftler und Gutachter über eine besonders bizarre Form der Kindesmisshandlung, der man mit versteckten Kameras im Krankenzimmer auf die Spur kommen will.

SPIEGEL ONLINE:

Was ist das für ein psychologisches Muster, nach dem Mütter ihre Kinder quälen und misshandeln, um sie dann in ein Krankenhaus bringen und gesund pflegen zu lassen?

Kleemann: Darüber kann man zurzeit nur Vermutungen anstellen. Auch für die Psychiater ist das Münchhausen Syndrom by Proxy ein vollkommen neues Phänomen. Die Mütter machen rund 90 Prozent der Täter aus und sperren sich in der Regel gegen jede Form der psychologischen Behandlung. Der Entdecker des Syndroms, der englische Pädiater und Universitätsprofessor Roy Meadow aus Leeds, ging in den siebziger Jahren davon aus, dass der missbrauchende Elternteil mit dem Vortäuschen einer Krankheit des Kindes versuche, Aufmerksamkeit zu erlangen. "Seht her, mein Kind ist ja so krank", ist ein Verhalten, mit dem langfristig eine Art "Krankheitsgewinn" erzeugt wird.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es ungefähre Schätzungen zu dem Anteil der Mütter, die aktiv misshandeln, indem sie die Kinder körperlich verletzen und jenen, die Krankheiten lediglich simulieren?

Kleemann: Nein, die gibt es nicht. Bei den Simulanten ist es allerdings noch schwieriger, die Täter zu entdecken, als bei den aktiv misshandelnden. Man muss sich immer wieder klar machen: Das Hauptanliegen dieser Frauen ist es, aktiv Krankheitszustände zu provozieren. Ihnen geht es nicht darum, das Kind zu schädigen, sondern ein bestimmtes Krankheitsbild hervorzurufen. Ein Teil der Täter ist im medizinischen Bereich tätig und daher sehr bewandert im Vortäuschen bestimmter Symptome.

SPIEGEL ONLINE: Wenn das eigene Kind derart instrumentalisiert wird, kann man davon ausgehen, dass die Frauen selbst Erfahrung damit haben, als Objekt behandelt zu werden.

Kleemann: Sicher, viele wurden in ihrer Jugend selbst physisch und psychisch misshandelt. Die Mehrzahl von ihnen litt in der Jugend an Magersucht oder anderen schweren Essstörungen wie Bulimie.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es Zahlen zur Häufigkeit dieser psycho-neurotischen Störung in Deutschland?

Kleemann: Nein, wir verfügen lediglich über Einzelbeschreibungen von Fällen, aber es existiert keine systematische Untersuchung darüber, wie häufig es dieses Phänomen gibt. In den USA haben Umfragen bei Pädiatern gezeigt, dass jeder Kinderarzt mindestens einen Fall des Münchhausen-Stellvertreter-Syndroms zu beklagen hatten. Es ist kein Massenphänomen, aber bei weitem nicht so selten, wie es momentan in Deutschland erscheint. Bei uns ist das Bewusstsein für die Krankheit noch gar nicht vorhanden.

SPIEGEL ONLINE: Rund 250 bis 300 Fälle von Münchhausen by Proxy sind in der Fachliteratur bereits beschrieben. Wie hoch ist die Dunkelziffer jenseits der Kasuistiken?

Kleemann: In Deutschland ist die Dunkelziffer auf jeden Fall höher als in den Vereinigten Staaten. Die Zahl auch nur annähernd zu schätzen, ist jedoch unmöglich. Vielleicht haben wir hier zehn Fälle pro Jahr, vielleicht wesentlich mehr. Als ich Anfang der neunziger Jahre Vorträge über das Phänomen gehalten haben, kannte niemand das Syndrom. Heute wissen zumindest die Rechtsmediziner und Pädiater Bescheid - der Rest der Gesellschaft ist jedoch immer noch unzureichend informiert über dieser schwer wiegende Sonderform von Kindesmisshandlung.

Im zweiten Teil des Interviews geht es um renitente Kinderquäler, ahnungslose Väter und versteckte Kameras im Krankenzimmer

SPIEGEL ONLINE: Wie kann das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom überhaupt diagnostiziert werden?

Kleemann: Das ist naturgemäß sehr schwer. Der Arzt geht ja grundsätzlich positiv an eine Krankengeschichte heran, er will helfen und vermutet doch nicht, mutwillig getäuscht zu werden. Bei Tätern, die aktiv misshandeln, dauert es sehr lange, von Monaten bis zu mehreren Jahren, bis die Diagnose überhaupt gestellt werden kann. Man muss die Diagnose auch absichern, denn die Eltern streiten ihr Tun in der Regel vehement ab. Selbst Eltern, die per Videoaufnahme der Misshandlung ihres Kindes überführt wurden, haben es hinterher massiv bestritten.

SPIEGEL ONLINE: Der englische Arzt David Southall hat in Zusammenarbeit mit der Polizei 39 Fälle dieser Art über acht Jahre per Videokamera dokumentiert. In 33 Fällen bestätigte sich der Verdacht auf das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom bei den Erziehungsberechtigten. Die Kinder konnten vor ihren lebensbedrohlichen Müttern in Sicherheit gebracht werden. Ist der rechtlich durchaus problematische Einsatz von versteckten Kameras der einzige Weg, die Täter zu überführen?

Kleemann: Southall war der erste Wissenschaftler, der so gearbeitet hat. Den angeblich erkrankten Kindern waren zunächst Überwachungsmonitore mit nach Hause gegeben worden, die eine ansteigende Herzfrequenzen oder plötzlichen Sauerstoffabfall anzeigten. Da man die Ursache trotzdem nicht einwandfrei feststellen konnte, hatte Southall den Verdacht, dass diese Daten manipuliert wurden. Der Verdacht verdichtete sich zu der Annahme, dass nur die Unterbindung der Sauerstoffzufuhr durch gewaltsames Zudrücken von Nase und Mund in Frage kam. Southall schaltete daraufhin die Polizei ein, die Videoaufnahmen in den Krankenhausräumen machte, während ein Beamter im Nebenzimmer saß.

SPIEGEL ONLINE: ... um rechtzeitig herbeizueilen, wenn eine Mutter versuchen sollte, ihr Kind zu würgen oder zu ersticken - was dann ja auch vorkam. Gab es solche Überwachungsversuche auch schon in Deutschland?

Kleemann: So weit ich weiß noch nicht. Für solche Maßnahmen brauchen Sie immer eine richterliche Anordnung und ausreichende Verdachtsmomente.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist die rechtliche Lage in Deutschland? Welche Strafen drohen der Mutter bei Entdeckung?

Kleemann: Es gab in diesem Zusammenhang nur eine einzige Verurteilung. Das war ein Fall in Essen, bei dem die Mutter nach dem Verfahren sofort in die Psychiatrie eingewiesen wurde. Wichtiger als der strafrechtliche Aspekt scheint mir allerdings der zivilrechtliche zu sein: Die Frage, wie man einer misshandelnden Mutter das Kind entziehen kann, ist ein sehr komplexes Problem. Viele Eltern gehen nach ihren Entlarvung an die Öffentlichkeit sie bringen Vorwürfe gegen das Jugendamt vor, beschuldigen Gutachter und schalten Politiker ein.

SPIEGEL ONLINE: Was ist mit einem gegebenenfalls inaktiven Vater, der über den Missbrauch informiert ist, aber trotzdem nicht eingreift?

Kleemann: Väter sehen - ähnlich wie gute Freunde oder Nachbarn - den Anfang eines vermeintlichen Anfalls nie. Die Anfälle beginnen in Anwesenheit einer einzigen Person - der Mutter. Wenn ein Arzt keine Krankheit feststellen kann, angebliche Anfälle sich jedoch wiederholen und das ausschließlich in Anwesenheit der Mutter - dann sollte er zumindest wachsam sein. Es gibt Fälle, in denen die Täter ihren Kindern Medikamente verabreichen, die man durch eine Blutprobe problemlos nachweisen könnte. Aber viele Ärzte denken gar nicht daran. Es werden sehr unterschiedliche Krankheiten vorgetäuscht - Atemstillstände, Infektionen, erhöhtes Fieber, Erbrechen oder Durchfall durch Gabe von Brech- und Durchfallmitteln. In einem der extremen Fälle hat in den Vereinigten Staaten eine Mutter ihrem Kind regelmäßig das Bein gebrochen.

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie die Notwendigkeit, Statistiken über Todesfälle durch plötzlichen Kindstod auf Grund der neuen Erkenntnisse zu revidieren?

Kleemann: Nein, denn ich kann auf Grund vielfältiger Untersuchungen von plötzlichen Säuglingstoden - auch durch meine eigene Arbeitsgruppe an der Universität Hannover - bestätigen, dass die größte Zahl der Kinder tatsächlich an einer natürlichen Todesursache verstarb. Das wir die genaue Ursache noch immer nicht genau kennen, kann man jeden Fall nur über eine Ausschlussdiagnose klären. Die Säuglinge werden zudem äußerst sorgfältig auf kleinste Spuren von Gewaltanwendung untersucht - und in den meisten Fällen liegt die nicht vor.

Das Interview führte Annette Langer

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