Interview "Vermengung von Wunschdenken, Faktenauswertung und spirituell unterfütterten Ansichten"

Wolf Wichmann ist Geologe und professioneller Taucher. Zweimal hat er den so genannten Pyramidenfelsen von Yonaguni in Augenschein genommen. Mit SPIEGEL ONLINE sprach er über naturwissenschaftliche Erklärungen für die Entstehung der beeindruckenden Gesteinsformation, die Thesen der Esoteriker und die Kommerzialisierung des "Iseki Point".


Expedition zum "Iseki Point" 1999: Besprechung vor dem Tauchgang
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Expedition zum "Iseki Point" 1999: Besprechung vor dem Tauchgang

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Was hat es mit der mysteriösen Pyramidenfelsen von Yonaguni auf sich?

Wichmann: Bei dem so genannten Yonaguni-Monument handelt es sich um einen Felsblock, der vor der Küste der Insel Yonaguni unter Wasser liegt und eine ausgesprochen schöne und beeindruckende Sammlung verschiedener Formelemente aufweist. Da diese Formen zum Teil mit architektonischen Strukturen Ähnlichkeit haben, vermuten einige Leute, dass sie von einer sehr hoch entwickelten Kultur entweder aus dem Felsen gemeißelt oder aufgebaut sein müssen. Die prominentesten Vertreter dieser These sind der Ozeanograf Masaaki Kimura, Professor an der Ryukyus-Universität auf Okinawa, und der britische Bestsellerautor Graham Hancock. Sie haben Belege für diese Aktivität gesucht und zum Teil auch Spuren gefunden, die mit viel gutem Willen dahingehend gedeutet werden könnten.

SPIEGEL ONLINE: Was ist Ihre Meinung zu der Theorie von der unbekannten Hochkultur?

Wichmann: Ich war zweimal vor Ort und habe mir das Monument angeschaut und einige Messungen durchgeführt. Vor allem habe ich mich mit den Indizien befasst, die von Kimura und Hancock vorgelegt worden sind und die belegen sollen, dass da Menschen etwas freigeräumt, gebohrt oder etwas aufgebaut haben. Die zweite Expedition habe ich mit Hancock gemeinsam unternommen. Wir haben vier Tage lang täglich drei Tauchgänge gemacht. Er hat mir genau gezeigt, was er für künstlich hält. Das konnte ich nicht nachvollziehen. Die mir gezeigten Formen waren alle auf relativ einfache Weise durch die vor Ort wirkenden Kräfte der Verwitterung und Abtragung erklärbar.

Beflügeln die Phantasie: Glatt polierte Plateaus, straßenartig verlaufende Terassen und senkrechte Wände am "Iseki Point"
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Beflügeln die Phantasie: Glatt polierte Plateaus, straßenartig verlaufende Terassen und senkrechte Wände am "Iseki Point"

SPIEGEL ONLINE: Wie erklären Sie sich die Entstehung der Gesteinsformation?

Wichmann: Der Felsklotz liegt ungefähr 50 bis 70 Meter vor der Steilküste von Yonaguni und und bildet eigentlich den Rest einer ehemaligen Erosionsplattform oder auch "Schorre" genannt. Vor einigen tausend Jahren, als das Meeresniveau noch tiefer lag, war seine Position in der Brandungszone. Also etwa vergleichbar mit der Lage der heutigen Kliffküste am "Iseki Point" (Ruinenpunkt). Zu der Zeit war das Monument also in einem Bereich, der der heutigen Steilküste entspricht. Sie können an der Steilküste von Yonaguni genau die gleichen Formen im Entstehen begriffen sehen, die das Monument unter Wasser heute aufweist. Deswegen ist die Grundstruktur und die grundsätzliche Formation eindeutig grundsätzlich natürlichen Ursprungs. Auch ein amerikanischer Geologe, der sich vor mir das Monument angeschaut hat, kommt zu diesem Ergebnis. Als ich vor Ort war, kannte ich seine Ergebnisse noch nicht, da er sie erst später veröffentlicht hat. Sie decken sich aber genau mit meiner Interpretation.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es eine Stellungnahme von Professor Kimura zu Ihrer Ansicht?

Wichmann: Ich habe Stellung zu Professor Kimuras Behauptungen bezogen und ihn mit meiner Auffassung konfrontiert. Er sagte mir, meine Ansicht würde sich im Wesentlichen mit derjenigen decken, die auch alle japanischen "normalen" Geologen vertreten. Ich weiß nicht so recht, was ich damit anfangen soll. Inzwischen hat Professor Kimura allerdings seine erste Ansicht auch ein bisschen "modifiziert". Er verwendet nun vor allem den Begriff des so genannten Terraforming. Das heißt, seiner Meinung nach haben Menschen dort eine bereits vorhandene natürliche Formation entsprechend ihren Bedürfnissen überprägt, also an ihre Zwecke angepasst. Aber letztlich fehlen auch hierfür die Beweise.

SPIEGEL ONLINE: Was wären denn Belege, die Sie überzeugen würden, dass es sich um Formen menschlichen Ursprungs handelt?

Wichmann: Menschliche Aktivitäten zeigen sich vor allem in eindeutigen Spuren von Bearbeitung, in systematisch angelegten Straßen oder Kanälen oder überhaupt Dingen, die sich gegen die natürliche Vorgabe stellen, die aufgeschichtet oder nach einem deutlich erkennbaren System angelegt oder arrangiert worden sind. Auch wenn sie sich an die natürlichen Vorgaben anlehnen, so unterscheiden sie sich doch meist im Detail. Die Natur wird wohl kopiert und genutzt - aber doch den eigenen Bedürfnissen angepasst. Und die sind eben nicht genau gleich - daher gibt es eben auch nachweisbare Unterschiede oder wenigstens Abweichungen. Die Stufen, die an dem Monument gefunden werden, kann kein Mensch begehen. Mit einer Höhe zwischen einem und fünf Metern sind sie viel zu hoch. Das sind also keine begehbaren Treppen. Vielmehr entsprechen diese Stufen ganz genau der Abfolge der dortigen Sandsteinbänke und -schichten. Sie sind genau an den Schwachstellen herausgebrochen. Auch die Löcher, die man dort findet und die menschlichen Ursprungs sein sollen, sind ganz eindeutig Strudellöcher, wie sie in schnell bewegtem Wasser entstehen.

SPIEGEL ONLINE: Sie schließen aber auch nicht aus, dass Menschen Hand angelegt haben?

Wichmann: Ich schließe nicht aus, dass da vielleicht irgendwann einmal jemand dran geschabt hat. Das ist aber ein Unterschied. Wenn es zu der Zeit, als der Felsklotz noch an Land lag, Jäger-und-Sammler-Kulturen in der Gegend gab, dann kann es natürlich sein, dass mal ein Mensch diese exponierte Fläche als Aussichtspunkt oder Wachpunkt benutzt hat und vielleicht auch mal einige Steine abgebrochen hat. Aber selbst dafür müssten noch eindeutige Belege gefunden und von Facharchäologen entsprechend begutachtet und kommentiert werden. So etwas ist meines Wissens noch nicht passiert.

SPIEGEL ONLINE: Steht das Yonaguni-Monument ganz für sich allein oder gibt es noch andere Funde, die auf eine vergangene Hochkultur hinweisen?

Wichmann: Es gibt in diesem ganzen Küstenbereich Formen, die man in Wassertiefen zwischen fünf und 40 Metern gefunden hat und die zunächst einmal merkwürdig sind. Ich habe sie nicht alle gesehen. Ich kenne nur den "Iseki Point" und die Höhlen, die sich in der Nähe des Hafenausgangs von Yonaguni befinden. Das sind ganz eindeutig natürliche Formationen. Bei Okinawa gibt es aber auch Unterwasserhöhlen. Ehemalige Tropfsteinhöhlen, in denen man Spuren von Menschen gefunden hat. Dabei handelt es sich aber eindeutig um eine Jäger-und-Sammler-Kultur. Professor Kimura und seine Mitstreiter gehen aber davon aus, dass wir es bei dem Yonaguni-Monument mit einer höchst entwickelten Kultur zu tun haben, vergleichbar mit den pyramidenbauenden Mayas oder Inkas in Südamerika. Belege für eine Hochkultur gibt es aber schlichtweg nicht.

Geologe Wichmann: "Absolut beeindruckend"
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SPIEGEL ONLINE: Welche Untersuchungen wären nötig, um endgültige Klarheit zu schaffen?

Wichmann: Es müssten unterschiedliche Dinge untersucht werden. Bisher haben die Leute lediglich alte Bauwerke, die sich in Japan erhalten haben, mit dem verglichen, was sie da unten gefunden haben und diese Ähnlichkeiten interpretiert. Wenn man wirklich systematisch vorgehen wollte, dann könnte man beispielsweise mit der frei stehenden Mauern anfangen, die zu der Formation gehört. Es wäre relativ einfach festzustellen, ob sie wirklich von Menschen hochgezogen wurde. Auch der Nachweis von Pfostenresten in Pfostenlöchern wäre so ein Nachweis oder die Existenz eindeutiger Abraumhalden. Derartige Untersuchungen stehen noch aus.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es denn derzeit Forschungsprojekte, die sich mit dem Yonaguni-Monument befassen?

Wichmann: In jüngster Zeit hat Kimura ein weiteres Buch veröffentlicht, das auf dem japanischen Markt erschienen ist und eine kurze Zusammenfassung auf Englisch enthält. Letztlich wiederholt er in diesem Werk aber nur seine alten Argumente. Er bezieht sich auf die bekannten Fundspuren, von denen er behauptet, es handele sich um eindeutige Hinweise auf menschliche Tätigkeit. Allerdings gibt es auf der Insel Yonaguni Anstrengungen, eine Art Forschungszentrum einzurichten, das interessierten Wissenschaftler oder auch Laien die Möglichkeit bieten soll, sich mit dem Objekt zu befassen.

Hält das Yonaguni-Monument für ein Relikt einer verschollenen Hochkultur: Masaaki Kimura, Ozeanograf und Professor an der Ryukyus-Universität auf Okinawa
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Hält das Yonaguni-Monument für ein Relikt einer verschollenen Hochkultur: Masaaki Kimura, Ozeanograf und Professor an der Ryukyus-Universität auf Okinawa

SPIEGEL ONLINE: Gleichzeitig ist aber auch eine gewisse Kommerzialisierung des "Iseki Points" zu beoachten?

Wichmann: Mit Sicherheit. Ich will aber niemandem etwas unterstellen, auch Professor Kimura nicht. Außerdem möchte ich darauf hinweisen, dass in Japan derartige Dinge generell anders gehandhabt werden. Die harte Trennung zwischen exakter Wissenschaft, die sich auf reine Fakten beruft, und etwas Mystischem, Glaubensmäßigem, Spirituellem, existiert in einigen Bereichen, wie mir scheint, nicht ganz so, wie wir es vielleicht gewohnt sind. Bei der Deutung der Monumente am "Iseki Point" scheint mir viel an Wunschdenken, Faktenauswertung und spirituell unterfütterten Ansichten miteinander vermengt zu sein. Ich kann das nicht so genau fassen, was da passiert. Professor Kimura ist eigentlich ein sehr renommierter Wissenschaftler, der viel in der Geophysik geforscht hat und sich gerade bei der Bearbeitung im Bereich der tektonischen Aktivzonen im pazifischen Raum einen Namen gemacht hat. Es ist gar keine Frage, dass Professor Kimura ein hoch respektabler Wissenschaftler ist. Aber seine Thesen zu Yonaguni halte ich doch für fragwürdig. Er hat den Anstoß für die Spekulationen geliefert, als er zu Anfang einmal gesagt hat, es handele sich bei dem Felsblock um ein Relikt einer untergegangenen Kultur, die auf "Lemurien" oder "Mu" hindeutet. Lemurien ist bei den Esoterikern der Gegenkontinent zum alten Atlantis. Da wird es für mich doch sehr schwierig.

SPIEGEL ONLINE: Auch wenn Menschen mit hoher Wahrscheinlichkeit keinen Anteil an seiner Entstehung hatten, bleibt der "Iseki Point" aber dennoch ein faszinierender Tauchspot.

Wichmann: Diese Formation ist absolut beeindruckend. Das Besondere ist, dass man fast alle Elemente der erosiven Felskliffbildung finden kann. Insofern würde ich den Felsklotz schon als Naturdokument sehen wollen. Vielleicht vergleichbar mit dem Grand Canyon oder ähnlichen Naturphänomenen. Möglicherweise ist der überwältigende Anblick, der sich einem als Taucher bietet, auch die Ursache für die Euphorie im Zusammenhang mit dem Yonaguni-Monument. Wenn ich mir an Land einen Felsen anschaue, ist die Entstehungsursache seiner Formen für mich relativ leicht zu erkennen. Aber wenn ich als Taucher von oben herab, mit einem in gewisser Weise eingeschränkten Sichtfeld, auf so eine gewaltige Formation stoße, kann ich mir schon vorstellen, dass einem die Phantasie einen großen Streich spielt. Man kann auch in Wolken Elefanten, Gesichter und Figuren erkennen. Diesem Phänomen ist man als Taucher in besonderer Weise ausgesetzt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass hier auch die Ursache für die Spekulationen um den "Iseki Point" zu suchen ist.



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