Gladbeck 1988 Anatomie eines Geiseldramas

Das Geiseldrama begann als missglückter Banküberfall und ging am Ende als eines der spektakulärsten deutschen Verbrechen in die Kriminalgeschichte ein. SPIEGEL TV Special über eine aufsehenerregende Irrfahrt der Täter, der Medien und der Polizei.

Sendetermin: Samstag, 16.08.2008, 22.05 - 00.10 Uhr, VOX

54 Stunden lang hielten Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski mit ihrer Irrfahrt durch die Republik die Nation in Atem. Zwei Geiseln starben.

Doch die Gewalttat von Gladbeck ist mehr als ein außergewöhnlich skrupelloses Verbrechen - Gladbeck wurde zum Synonym für journalistische Grenzüberschreitungen und polizeiliches Versagen.

Monatelang klärten Untersuchungsausschüsse die Versäumnisse und Fehlentscheidungen der Polizei, Einsatzstrategien wurden in der Folge grundlegend verändert. Auch die Presse geriet ins Kreuzfeuer der Kritik, eine moralisch-ethische Debatte über die Grenzen journalistischer Berichterstattung entflammte.

Nie zuvor und nie danach waren die Medien so nah dran: Journalisten berichteten live von den Tatorten, die bewaffneten Täter gaben Interviews, avancierten zu Medienstars. Ein 'Live-Krimi' fesselte die Zuschauer an ihren Bildschirmen. Die Bilder der Täter und ihrer angsterfüllten Geiseln Silke Bischoff und Ines Voitle gingen um die Welt. Wenige Stunden später war Silke Bischoff tot - erschossen von Hans-Jürgen Rösner.

"Ich kann nicht fassen, dass Silke so ums Leben kam, aber irgendwie muss ich damit fertig werden und mich dem Schicksal beugen." Noch heute leidet die Mutter von Silke Bischoff unter dem tragischen Tod ihrer Tochter. Eigentlich wollte sie die letzten Bilder ihrer Tochter nie wieder ertragen müssen, doch letztlich gab sie ihre Zustimmung zu der SPIEGEL-TV-Dokumentation. In einem Interview schildert sie ihre Sicht der Geschehnisse. Ihrer Bitte, einige Nahaufnahmen ihrer Tochter nicht zu zeigen, hat die Redaktion entsprochen.

Das Geiseldrama begann als missglückter Banküberfall und ging am Ende als eines der spektakulärsten deutschen Verbrechen in die Kriminalgeschichte ein.

Auch Ines Voitle, die zweite junge Frau in der Gewalt der Gangster, ist bis heute von den damaligen Ereignissen gezeichnet. "Ich war ein ganz normaler Teenager. Danach war nichts mehr so, wie es vorher war", sagt sie rückblickend.

Tatiana de Giorgi war damals erst neun Jahre alt, ihr Bruder Emanuele 15. Durch reinen Zufall saßen sie gemeinsam in dem Bus, den Rösners und Degowskis Komplizin Marion Löblich entführte. Emanuele hat das Drama nicht überlebt, Dieter Degowski tötete ihn mit einem Kopfschuss. "Mit einer tödlichen Krankheit wäre ich vielleicht irgendwann fertig geworden, aber so. Sie haben meinen Sohn einfach umgebracht. Das ist eine Wunde, die nie heilt", so sein Vater Aldo. Die Familie, die glaubte, in Deutschland eine neue, sichere Heimat gefunden zu haben, kehrte nach der Geiselnahme wieder zurück nach Italien, wo sie noch heute lebt.

Die beiden Täter wurden zu lebenslanger Haft verurteilt. Kurz nach ihrer Verurteilung 1991 hatte SPIEGEL TV die Gelegenheit, Exklusiv-Interviews mit ihnen zu führen - bis heute sind es ihre einzigen. Ihre Schilderungen geben erschreckende Einblicke in die Psyche zweier Berufskrimineller, die zu den meistgejagten Verbrechern der Republik wurden.

20 Jahre danach hat sich Dieter Degowski, der inzwischen im Gefängnis eine Ausbildung zum Koch abgeschlossen hat, noch einmal gegenüber SPIEGEL TV geäußert: "Ja, ich bereue, was ich getan habe, was ich angerichtet habe, aufrichtig", schreibt er in einer Stellungnahme.

Die Journalisten Frank Plasberg und Udo Röbel machten in der Kölner Innenstadt Interviews mit Tätern und Geiseln. "Jetzt so zu tun, als würde ich mich über die Maßen dafür schämen, das wäre geheuchelt. Aber ich habe daraus gelernt, berufliche Regeln und Zwänge immer zu vergleichen mit dem normalen Leben, ob sie damit in Einklang stehen." Udo Röbel, der sogar in das Auto gestiegen war und das Trio aus der Stadt führte, sagt: "Es war ein Totalversagen der Medien. ... Wir waren wie berauscht. So eine Situation hatte es für Polizei und Medien zuvor noch nie gegeben."

20 Jahre danach rekonstruiert SPIEGEL TV in einer 100-minütigen Dokumentation die Ereignisse vom 16. bis zum 18. August 1988, fragt nach Ursachen und Konsequenzen. Außer Opfern und Tätern äußern sich Polizeibeamte und Journalisten, einige zum ersten Mal. Noch nie zuvor haben die Verantwortlichen so ausführlich über die damaligen Ereignisse gesprochen und sich der Kritik gestellt.

SPIEGEL TV Special über eine aufsehenerregende Irrfahrt - der Täter, der Medien und der Polizei.



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