Rückkehr in die Barbarei Die dunkle Welt der Folter

Schläge, sexuelle Demütigungen, Schlafentzug: US-Militärs erpressten systematisch Informationen von Gefangenen. Im XXP-Studio diskutieren Experten über die Qualen der Folter.

Sendetermin: Montag, 30.08.2004, 22.55 - 23.55 Uhr, XXP

"Lediglich Befehle befolgt" - Foltersoldat Charles Graner in Abu Ghureib
AFP

"Lediglich Befehle befolgt" - Foltersoldat Charles Graner in Abu Ghureib

Die scheinbar blütenweiße Weste der letzten Supermacht ist voller Flecken: Seit bekannt wurde, dass US-Soldaten fernab der Heimat Gefangene folterten und demütigten, ist die Glaubwürdigkeit der Vereinigten Staaten in Sachen Demokratie und Menschenrechte auf einem Tiefstand angelangt. Die Terroranschläge vom 11. September 2001 markierten offenbar den Wendepunkt in der Haltung der US-Regierung gegenüber brutalen Verhörmethoden. "Danach haben wir die Samthandschuhe ausgezogen", resümiert der Direktor des CIA-Antiterror-Programms die langfristigen Folgen für Hunderte Gefangene in Guantanamo Bay auf Kuba oder den Gefängnissen im Irak.

Die Fratze der Folter trägt das Gesicht von Charles Graner. Fast jeder kennt das Foto aus dem Gefängnis Abu Ghureib in Bagdad: Ein schnauzbärtiger Hornbrillenträger steht triumphierend vor einer aus nackten Leibern aufgetürmten Menschenpyramide und grinst in die Kamera. Während der Skandal die westliche Welt erschüttert, erweisen sich der inzwischen angeklagte Graner und einige seiner Mitstreiter als nahezu Reue-resistent.

Sind es nur "einige wenige amerikanische Soldaten, die unsere Werte in den Schmutz gezogen haben", wie Präsident George W. Bush verkündete? Oder ist die Folter längst ein etabliertes Mittel der angeblichen Wahrheitsfindung in Kriegszeiten? Wurden Misshandlung und sexuelle Demütigung von den Kommandeuren gebilligt oder sogar befohlen? Welche Folgen hat die Folter für die Opfer?

Im XXP-Studio diskutiert Carolin Emcke (DER SPIEGEL) mit TV-Journalist Christoph M. Fröhder, Psychotherapeutin Barbara Abdallah-Steinkopff und Martin Beck vom Deutschen Orient-Institut.

Sendetermin: Montag, 30. August, 22.55 Uhr, XXP

Gäste im Studio

DDP
Christoph Maria Fröhder, ARD-Reporter
Christoph Maria Fröhder wurde 1942 in Fulda geboren, studierte an der Universität Tübingen und volontierte bei der "Stuttgarter Zeitung". Seit 1969 berichtet er aus fast allen Krisengebieten der Welt: Vietnam, Bangladesch, Angola, Uganda, Peru, Afghanistan und dem Nahen Osten. In den achtziger Jahren drehte Fröhder zahlreiche Features und Dokumentarfilme für den Hessischen Rundfunk und die ARD. 1991 blieb er als einer der wenigen Journalisten während des ersten Golfkriegs in Bagdad. Die Misshandlung von Häftlingen im Bagdader Gefängnis Abu Ghureib sind nach Ansicht des Journalisten keine Einzelfälle. Es habe Befehle gegeben, welche die einzelnen Soldaten erst ermutigt hätten, massive Gewalt einzusetzen. "Ich habe Misshandlungen überall im Land gesehen", so der Reporter. Als er irakische Folteropfer in einem Lager filmte, habe ihm ein US-Offizier sogar mit dem Tod gedroht: "Wenn Sie darüber berichten, komme ich persönlich und niete Sie um."


Barbara Abdallah-Steinkopff, Psychotherapeutin für Folteropfer
Barbara Abdallah-Steinkopff studierte Psychologie an der Münchner Ludwig-Maximilian-Universität. Die 46-Jährige hat sich auf die Behandlung traumatisierter Flüchtlinge spezialisiert. Seit 1994 ist sie Mitarbeiterin von "Refugio", einem Beratungs- und Behandlungszentrum für Flüchtlinge und Folteropfer in München, das soziale und psychologische Beratung, Krisenintervention, Therapie und medizinische Diagnostik anbietet. Abdallah-Steinkopff hat einen Lehrauftrag am Psychologischen Institut der Universität München. Forschungsschwerpunkt ist unter anderem die Mitwirkung von Dolmetschern bei der Behandlung traumatisierter Flüchtlinge.


www.duei.de
Martin Beck, Politikwissenschaftler
Martin Beck wurde 1962 in Tübingen geboren. Er studierte Politikwissenschaft und Germanistik. Beck promovierte 1994 in internationaler Erdölpolitik, habilitierte 2001 zum israelisch-arabischen Konflikt. Von 1990 bis 2000 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Politikwissenschaft der Universität Tübingen, von 2001 bis 2003 Gastprofessor an der Universität Birzeit in Palästina. Seit 2004 ist Beck Referent für den Nahen Osten am Deutschen Orient-Institut. Der Folterskandal von Abu Ghureib bedeute ein extremes Glaubwürdigkeitsproblem für die US-Politik, betont Beck. "Vor allem arabische Akteure aus dem Vorderen Orient, die eigentlich strategische Verbündete des Westens sein könnten, werden dadurch immens geschwächt."

Moderation:
Carolin Emcke, Redakteurin DER SPIEGEL




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